Ausstellung "Cars" Heilig's Blechle

Die Ära des Autos als ungetrübtes Freiheitsversprechen geht zu Ende. In London widmet sich die Ausstellung "Cars" dem Gegenstand, der unser Leben verändert hat wie kaum ein anderer, noch einmal liebevoll.

Nathanael Turner

Es gab eine Zeit in der Geschichte des Automobils, da hatten sich findige Strategen in den Zentralen der US-Autokonzerne die maximale Beschleunigung ausgedacht. Nicht für die Autos. Sondern für das Marketing. Während europäische Hersteller damals nur alle rund sieben Jahre ein neues Auto auf den Markt brachten, hetzten die US-Hersteller jedes Jahr neue Varianten auf ihre Kunden.

Die Änderungen zum Vorjahresmodell waren meist nur kosmetischer Natur: Neue Scheinwerfer, Leuchten, Kühlergrills, Lackfarben und Gimmicks, Technik und Grundkarosserie blieben gleich. Trotzdem schürten die "Big Three" genannten Hersteller Ford, Chrysler und GM geschickt das Bedürfnis nach permanenter Erneuerung bei ihren Käufern.

Wie stark das Automobil unser Leben verändert hat - mit dieser Frage beschäftigt sich die Ausstellung "Cars: Accelerating the Modern World", die jetzt im ehrwürdigen Victoria & Albert Museum in London eröffnet wurde (und noch bis 19. April 2020 läuft). "Kein anderes Designobjekt hat die Welt stärker beeinflusst als das Automobil", sagt Brendan Cormier, einer der Kuratoren der Schau.

Die Kleidung zum Auto

Im Prachtbau an der Cromwell Road im feinen Stadtteil Kensington werden unter anderem 15 Automobile sowie rund 250 Objekte gezeigt, die veranschaulichen sollen, inwiefern das Automobil als treibende Kraft hinter zahlreichen Entwicklungen des 20. Jahrhunderts stand.

Wie das Auto beispielsweise das menschliche Gefühl für Geschwindigkeit verändert. Wie Autos vom Fließband nicht nur die industriellen Produktionsmethoden revolutionierten, sondern auch die Verkaufstechniken. Das Massenprodukt Auto musste ja auch in extrem hohen Stückzahlen unter die Leute gebracht werden. Und schließlich prägte das massenhaft auftretende Auto seine Umgebung - die Landschaft, die Orte, die Gesellschaft.

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Ausstellung "Cars": Die Beschleunigung der Welt

So allgemein, so bekannt, so trivial. In der Ausstellung allerdings sind konkrete Beispiele zu sehen, an denen das erkennbar wird. Etwa Kleidungsstücke aus den Zwanzigerjahren, die nicht nur stromlinienförmig geschnitten sind, sondern zugleich auch eng am Körper anliegen - damit sie im offenen Wagen bei flotter Fahrt nicht flattern oder ganz vom Fahrtwind davongetragen werden.

In der Abteilung "Making more", in der es um die Massenproduktion geht, steht natürlich ein Ford Model T von 1925, also jenes Modell, das erstmals auf einem Fließband produziert wurde. Außerdem um die eingangs erwähnte und von General Motors entwickelte Verkaufsstrategie, jedes Jahr die Autos ein wenig zu verändern sowie neue Ausstattungsdetails oder Lackfarben anzubieten, um aus nützlichen Alltagsmaschinen begehrenswerte Statussymbole zu machen.

Von automobilen Subkulturen bis hin zur Lithiumgewinnung

In mehreren speziell für die Ausstellung gedrehten Filmen werden zudem prägende Automobilentwicklungen dokumentiert. Ein Video stellt fünf automobile Subkulturen aus vier Kontinenten vor; ein anderes zeigt Orte, an denen Rohstoffe für die automobile Welt gewonnen wurden oder werden: Von ausgelaugten Ölfeldern in den USA bis hin zur flächenfressenden Lithiumgewinnung in der Atacama-Wüste in Chile.

Aktuell steht das Automobil, das die Welt in den vergangenen 130 Jahren massiv geprägt und verändert hat, selbst an einem Wendepunkt. In welche Richtung die Entwicklung geht, ist noch ungewiss. Welche Bedeutung Autos in 130 Jahren noch auf diesem Planeten haben werden, ebenfalls. Verlässt man die Ausstellung im Victoria & Albert Museum, steht man an der Cromwell Road. Vierspurig kriecht hier der Autoverkehr durch London - wenn er nicht, wie oft am Spätnachmittag, zeitweise komplett zum Erliegen kommt. Die moderne Welt wird durch das Auto zumindest nicht mehr beschleunigt - eher im Gegenteil.

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insgesamt 20 Beiträge
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kenterziege 24.11.2019
1. Durch den relativ preiswerten Erwerb des Autos, ....
....ist die Nutzung demokratisiert und nicht nur den Reichen und Schönen vorbehalten. Unter den vermeintlichen Bedingungen des Umweltschutzes wird das nun langsam wieder zurückgefahren. Am Ende wird es das Auto wieder nur noch für die Schönen und Reichen, sowie Politiker und Journalisten im Einsatz geben. Der Rest darf sich in unsichere und schmutzige ÖNPV's quälen!
krustentier120 24.11.2019
2. Freiheit
Kaum eine andere Entscheidung in meinem Leben hat mich so befreit wie die, mein Auto abzuschaffen.
FescheLola 24.11.2019
3. @ krustentier120
Dann war es für Sie ja die richtige Entscheidung. Dorfbewohner, die die DB vom Regionalverkehr abgehängt hat, würden ein fehlendes Auto vermutlich eher als Unfreiheit bewerten.
Praednis 24.11.2019
4. Hä? "Ungetrübtes Freiheitsversprechen"?
Machen Sie aus einem Verkehrsmittel doch nicht gleich wieder eine Religion. Das Auto ist für den menschlichen Nomaden der Pferdeersatz, um etwas bequemer von A. nach B. zu kommen. Und ausserdem eine Protzgurke, um Eindruck zu schinden - wie früher ein schönes Pferd. Wer Freiheit will, wird die sicherlich nicht in einer engen (Fahrgast)Zelle finden.
three-horses 24.11.2019
5. Die Legenden aus Böhmen.
Zitat von kenterziege....ist die Nutzung demokratisiert und nicht nur den Reichen und Schönen vorbehalten. Unter den vermeintlichen Bedingungen des Umweltschutzes wird das nun langsam wieder zurückgefahren. Am Ende wird es das Auto wieder nur noch für die Schönen und Reichen, sowie Politiker und Journalisten im Einsatz geben. Der Rest darf sich in unsichere und schmutzige ÖNPV's quälen!
Es komm darauf, wie der ÖNPV gestaltet wird. Es hinkt etwas dem i-Verkehr nach, bedeutet aber nicht, es könnte besser sein. Seit langen habe ich kein Interesse an einem Auto, egal wie aufgemotzt die Karre ist. Interessant, wer alle für das Übel Auto verantwortlich ist. "Stromlinien-Auto Tatra 77 aus dem Jahr 1934"...die Tschechen, auch der Porsche war einer. So kommt man dahinter, woher der Käfer und der genauso hässlicher 911 kommt. Die Ähnlichkeit ist nicht zu verleugnen.
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