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Autotuning ab Werk: Ruhrpott-Design für alle

Foto: vau-max.de

Auto-Tuning ab Werk Ruhrpott-Design für alle

Mattschwarze Lackierung und Lichterketten-Scheinwerfer - was früher lediglich in Gelsenkirchen und Bottrop als dernier cri des Autodesigns galt, ist inzwischen Massengeschmack. Aber wozu, fragt sich Tom Hillenbrand, braucht eine brave Familienkutsche abgedunkelte Heckscheiben?

Das Herz des Autotunings schlägt in Bochum. Nicht nur sind dort immer noch haufenweise verspoilerte und abgesenkte VW-Polos oder Opel Astras unterwegs. Hier befindet sich auch die Zentrale des Autoteilehökers D&W.

Das Herz des Tunings schlägt freilich nur noch schwach. Denn sein Auto mit Flügelchen zu versehen, das ist ziemlich von gestern. Das bekam natürlich auch der Bochumer Zubehörhändler zu spüren - 2008 musste D&W Insolvenz anmelden. Deshalb dachte ich mir neulich, es wäre eine gute Idee, noch einmal in diesem Tuningtempel vorbeizuschauen - bevor es den Laden vielleicht irgendwann nicht mehr gibt. Man kommt dort ohnehin des Öfteren vorbei; D&W liegt, wie es sich für solch ein Gewerbe gehört, direkt an der A 40.

In der Mitte des Ladens standen als Dekoelement Frauenbeine aus Pappe, die bis zur Hallendecke ragten, um dort in einem zu kurzen Minirock mit von unten sichtbarem Slip zu enden. Junge Männer in Sportblousons schoben ihre missmutigen Freundinnen durch den ziemlich leeren Laden und begutachteten die Auslage.

Tannenbaum-Lämpchen und Damen-Slips

Es gab dunkle Folien, mit denen man seine Heckscheiben abkleben kann; mattschwarze Farbe in Dosen, für die schnelle Heim-Lackierung; und Nachrüst-Scheinwerfer mit ganz vielen bunten Tannenbaum-Lämpchen drin. Damit alle wissen: Jetzt kommt der Atze.

Kein Wunder, dass die Pleite gegangen sind, dachte ich mir. Kauft doch niemand mehr, diesen Tand.

Ich musste mich allerdings eines Besseren belehren lassen: Natürlich gibt es sie noch, diese verkappten Vorstadtrennfahrer und natürlich geben sie weiterhin Geld für die Verschönerung ihres Autos aus, und zwar in Mengen. Nur tragen sie es nicht mehr zu D&W sondern direkt zu den Herstellern. Denn die führen halbseidene Accessoires inzwischen ebenso in ihren Aufpreislisten wie die Sitzheizung. Audi und Co haben den Bochumern einfach das Wasser abgegraben.

Das dämmerte mir, als ein Freund beim Anblick des neuen Audi A6 bemerkte: "Die Lichterketten vorne dran, das hamse sich früher bei D&W gekauft." Er meinte das LED-Tagfahrlicht, ein wichtiges Designmerkmal bei Audi und inzwischen auch beim Mercedes.

"Ich hab' die beste Klimaanlage der Welt"

Das Nachrüstset vom Tuner hatte vermutlich keine LEDs - aber der Punkt ist: Es sah nicht viel anders aus. Der einzige Unterschied ist wahrscheinlich, dass bei den Autos ab Werk die Kabel ordentlicher verlegt sind.

Ähnlich verhält es sich mit matter Lackierung, die ebenfalls salonfähig geworden ist. Früher war sie etwas für Motoraver-Typen. Die pinselten ihren alten Mercedes mattschwarz an und pappten Totenköpfe drauf. Beliebt war auch der braun-grüne Tarnkappenlook von Armeefahrzeugen.

Wer jedoch einmal im Hochsommer mit einem mattschwarz lackierten Auto herumgegurkt ist, der weiß: Nur ein Schwachkopf pinselt sein Auto so an. Oder ein total verrückter Hund, dem alles egal ist - um letzteres ging es. Die Farbe signalisierte Punkrock.

Nun sehe ich immer öfter Neuwagen, die offenbar schon in dieser Farbe bestellt werden - gegen satten Aufpreis versteht sich. Aber was bitte will uns der Fahrer eines mattschwarzen BMW 6er Coupés sagen? Dass er ein Punkrocker ist? Unwahrscheinlich. Dass er ein Schwachkopf ist? Wohl auch nicht. Vielleicht das: "Ich hab' die beste Klimaanlage der Welt."

Halbseiden ab Werk

Das albernste Accessoire jedoch sind abgedunkelte Scheiben. Bei Audi oder Porsche nennt man sie vornehm "Privacy Verglasung" und verlangt dafür einen happigen Aufpreis. Früher ließ man sich die Sichtblende montieren, wenn man entweder versessen auf Publicity war (Hollywood-Stars), oder das Gegenteil (Staatspräsidenten, Gangsterbosse). Heute hat sie jede Hausfrau.

Auf die schwarzen Scheiben ihres VW Touran mit "Jonas an Bord"-Aufkleber angesprochen, erklärte mir jüngst Jonas' Mutter, das wäre ihr wichtig. Schließlich wolle sie nicht, dass ihr Kind gestohlen werde. Wieso, frage ich mich, kauft sie sich nicht gleich die Lieferwagen-Ausführung des Golf Caddy - der ist viel billiger. Wobei man natürlich einräumen muss, dass damit die Möglichkeiten für den Filius, in die Landschaft zu schauen, marginal schlechter werden.

Der Prolostyle der Achtziger, so scheint es, ist in Serie gegangen. In einigen Jahren werden wir darüber die Köpfe schütteln. Dann wird der Gebrauchtwagenmarkt voll sein mit Opel Merivas und Citroën Picassos im Gangsterstyle.

Den Verkäufern darf man jetzt schon viel Glück wünschen.

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