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23. September 2018, 11:36 Uhr

Comeback des Autokinos

Es flimmert in der Kiste

Von Fabian Hoberg

Es gibt sie immer noch: Autokinos. Und gerade erleben die Anlagen ein kleines Comeback. Besuch in Köln-Porz, wo seit 1968 das Popcorn im Pkw raschelt - und nicht nur das.

Aus den Autos kichert es. Popcorntüten rascheln, es riecht nach Chips. Limousinen, Sport- und Kleinwagen parken nebeneinander, stehen leicht erhöht. Aus einem Fahrzeug lassen die Insassen die Füße aus den Seitenfenstern baumeln, ihre Sitze sind nach hinten geschoben, die Lehnen befinden sich fast in Liegeposition.

Marius und Alexander, beide aus Bornheim bei Bonn, haben dieses Jahr Abi gemacht und genießen die freie Zeit - heute Abend im Autokino von Köln-Porz. "Entspannter kann man nicht auf eine so große Leinwand schauen, und auch der Sound aus dem Autoradio ist gut", sagt Marius. Durch die Windschutzscheibe schauen die beiden auf eine 15 mal 36 Meter große kunststoffbeschichtete Aluminiumplatte. Der Ton kommt aus den Radiolautsprechern, übertragen auf einer UKW-Frequenz.

Autokinos erfreuen sich wachsender Beliebtheit: Unter den Kino-Sonderformen, dazu zählen Filmfeste, kommunale oder Uni-Kinos, verbuchten die Autokinos bei Besucherzahlen und Umsatz 2017 einen Zuwachs, wie die Filmförderungsanstalt FFA meldete. Vergangenes Jahr verkauften die Autokinos 313.445 Karten, ein Zuwachs von 15,2 Prozent. Und das, obwohl die Zahl der Schauplätze abnimmt. Nur noch etwa 20 Autokinos gibt es in Deutschland, davon laufen einige nur in den Sommermonaten. Vor 45 Jahren waren es noch über 40. Streamingdienste und professionelle Home-Entertainment-Anlagen mit Dolby-Surround sind längst eine Alternative zu professionellen Filmvorführern - auch wenn die Leinwand deutlich kleiner ist. Insgesamt führt das zu rückläufigen Zuschauerzahlen.

Selbst der Hund kann mit

Größter Anbieter unter deutschen Autokinos ist das Unternehmen DWJ, das allein in fünf Städten Filme zeigt, darunter in Gravenbruch bei Frankfurt, aber auch Aschheim, Essen, Kornwestheim und in Köln. Dort schauen sich pro Jahr rund 50.000 Besucher einen Film in ihrem Auto an. Beliebt sind Actionfilme wie die "Fast and Furious"-Reihe und Filmklassiker wie "Blues Brothers". Immer öfter öffnen jedoch auch mobile Autokinos, die nur für eine begrenzte Zeit an einem Ort gastieren.

In Köln-Porz ratterte erstmals am 18. August 1968 ein Film durch den Projektor, "Blow Up" von Michelangelo Antonioni. Seit Jahren gibt es täglich mindestens eine Vorführung, freitags und samstags und vor Feiertagen noch eine Spätvorstellung, das macht fast 500 Vorstellungen im Jahr.

Nur an Heiligabend, Silvester und Rosenmontag bleibt die Leinwand dunkel. Oder wenn Starkregen, Nebel oder Schneefall die Sicht auf die Leinwand stark behindern. Die meisten Besucher kommen am Wochenende, im Sommer mehr als im Winter. Klar, dann prasselt nur selten Regen aufs Dach und kein externer Lüfter muss den Wagen aufheizen.

Bis zu 1300 Fahrzeuge haben auf einer Fläche von 50.000 Quadratmetern Platz, heute sind es nur ein paar Hundert. Heike Naumann sitzt in dem kleinen Häuschen und begrüßt die Gäste. Seit drei Jahren arbeitet sie hier als stellvertretende Theaterleiterin. "Ein Autokino ist doch die coolste Art des Kinos. Man kann allein oder gemeinsam einen Film auf einer großen Leinwand schauen, ohne dabei gestört zu werden", sagt sie. Außerdem könne man den Ton so laut einstellen, wie man will, sich während des Films auch mit seinem Beifahrer unterhalten, ohne andere zu nerven, oder eine Zigarette rauchen. Selbst der Hund könne während der Vorstellung auf der Rücksitzbank schlafen.

Acht Euro kostet ein Film

Zwischen drei und fünf Mitarbeiter kümmern sich jeden Abend um die Gäste, bereiten im angeschlossenen Restaurant Popcorn, Nachos, Pommes, Burger und Currywurst zu. Eine Stunde vor Filmbeginn treffen sich die Mitarbeiter und bereiten das Restaurant vor. Eine halbe Stunde vor Filmbeginn öffnet sich das Tor für die Besucher. Ohne Parkeinweiser suchen sich die Besucher einen Platz, die besten liegen in der dritten und vierten Reihe, mittig. Durch die leichte Schräge, die von vorn nach hinten ansteigt, stören selbst SUV und Kleinbusse die hinteren Gäste nicht. Acht Euro kostet ein Film, einer mit Überlänge noch mal zwei Euro extra.

Die Betreiber gehen mit der Technik. Plärrte bei der Eröffnung in Köln der Ton noch aus Vier-Watt-Mono-Lautsprechern, die an den Tonsäulen auf dem Gelände verteilt waren, verbreitet sich nun der Ton in Dolby-Stereo über eine UKW-Frequenz durchs Autoradio. Statt 35-Millimeter-Projektoren kommt der Film über digitale Beamer mit 7000-Watt-Xenon-Brennern, die Filme lagern mit dem Ton auf externen Festplatten auf einem Server.

Beim ersten Autokino spulte sich ein Filmstreifen durch einen Projektor, warf das Licht auf eine weiße Steinmauer. 1933 war das, in Camden, New Jersey. Der Ton drang über drei große Lautsprecher auf den Parkplatz für 335 Autos, sodass er noch viele Kilometer entfernt zu hören war. Einen Boom erlebten die Autokinos in den Fünfziger- und Sechzigerjahren. Ende der Fünfzigerjahre gab es bereits 4.000 Freilicht-Filmsäle. Geblieben sind heute in den USA noch rund 300 der Autokinos.

"Persönlicher als normale Kinos"

Erstmals flimmerte in Deutschland am 31. März 1960 in Gravenbruch bei Frankfurt ein Film über eine Riesenleinwand von 540 Quadratmetern. Allerdings exportierte kein Amerikaner die Idee nach Hessen, sondern der deutschstämmige Südafrikaner Hermann Franz Passage. Bevor er nach Deutschland zog, baute er in Südafrika schon 20 von den Riesenkinos.

Für zwei Mark und 75 Pfennig konnten damals die Frankfurter Besucher Yul Brunner in "Der König und ich" zuschauen. Der Ton kam aus kleinen Lautsprechern, die an den Seitenscheiben hingen. Ein Ort des Rückzugs - in privater Atmosphäre, ohne Aufsicht der Eltern. Das war in den spießigen Sechzigerjahren neu - und vielen Sittenwächtern ein Dorn im Auge. Eigene Zimmer waren bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen nicht selbstverständlich.

Jacqueline, 26, aus Köln ist zum zweiten Mal im Autokino, bei ihr im Mercedes CLA sitzt Lea, 25, Studentin aus Köln. Die beiden waren extra vorher einkaufen, haben sich Brote mit Aufschnitt geschmiert und wollen es sich gleich gemütlich machen. Eine Tüte Popcorn geht aber noch. "Das erste Mal waren wir im Winter im Autokino, das war schön, eine elektrische Standheizung hat das Auto aufgewärmt. Aber im Sommer ist das noch besser", sagt Jacqueline. Die Fenster sind offen, der warme Wind zieht durchs Auto und gibt ihr ein Gefühl von Freiheit. Sie findet Autokinos persönlicher als normale Kinos.

Anika und ihr Freund sind zum ersten Mal im Autokino

Aus dem gleichen Grund besucht Anika das Kino. Sie ist 18 Jahre alt, hat erst frisch den Führerschein. Mit ihrem Freund Moritz, 17, geht sie oft ins Kino, nun sind sie das erste Mal im Autokino. "Ich mag die Atmosphäre", sagt die Schülerin aus Pulheim. Die Lehnen des VW Golf Cabrio ihrer Mutter liegen schon in der perfekten Zuschauerposition für den Film "Breaking in". Zwei große Tüten Popcorn und zwei kleine Flaschen Eistee müssen für den Film reichen. Das Dach bleibt während der Vorführung geschlossen "Der Sound ist so besser", sagt sie.

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