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01. Oktober 2014, 09:43 Uhr

Preisverfall bei Modellfahrzeugen

Kleine Autos, große Depression

Von Roland Löwisch

Die Automania ist Deutschlands größte Börse für Spielzeugautos. Das Angebot bei den Treffen steigt seit Jahren, doch die Preise rauschen in den Keller. Ein Besuch bei gefrusteten Händlern und Sammlern.

Als Hans-Werner Diener seinen Stand auf der Automania aufbaut, weiß er genau: Er braucht einen Star. Schließlich herrscht auf der Sammlerbörse für Modellautos in Hannover ein harter Wettbewerb: Mehr als 100.000 Exemplare werden ausgestellt.

Die Automania ist eine der größten Veranstaltungen dieser Art in Europa und die größte in Deutschland, in diesem Jahr findet sie auch im Rahmen der Nutzfahrzeugmesse IAA statt. Und natürlich hat Hans-Werner Diener, Spielzeughändler aus Gummersbach, einen Star dabei.

Er wiegt nur ein paar Gramm, ist schwarz-rot, kürzer als eine Kinderhand und auf einen schwarzen Sockel geschraubt. Ein Plastikdeckel schützt ihn vor fremden Fingern. Es ist die Miniaturausführung eines Mercedes-Benz Actros 3243, ein Betonmischer. Nur 100 Exemplare wurden davon angefertigt, der Actros von Diener hat die Nummer 31. "Der kostet das, was ein Sammler dafür zahlt", sagt er.

1,50 Euro statt 150 Mark

Nimmt man den aktuellen Modellautomarkt als Basis, kann das nicht viel sein: Das Gros der vielen Mini-Vehikel auf der Automania wird für ein bis zwei Euro verhökert. "Der Markt hängt von den Sammlern zwischen 50 und 75 Jahren ab", sagt Kai Seehase, Organisator der Börse. "Aber die werden immer älter. Irgendwann gehen sie nicht mehr auf solche Sammlertreffen, sondern ins betreute Wohnen", sagt der 68-Jährige.

Die Börse ist an diesem Samstag im September trotzdem gut besucht. Es sind hauptsächlich Trucker, die sich an den vielen Ständen tummeln. Einige Modelle werden in die Hand genommen, begutachtet, gedreht - aber gekauft wird wenig. "Die Leute haben einfach kein Geld mehr für so etwas", sagt Diener. "Wer früher bis zu 150 Mark für ein Wiking-Auto ausgegeben hat, bekommt heute gerade mal 1,50 Euro dafür." Seehase ergänzt: "Wer jetzt eine komplette Sammlung auf den Markt schmeißt, erzielt höchstens noch die Hälfte der Summe, die er reingesteckt hat."

Das Internet macht den Börsen keine Konkurrenz

Der Preisverfall hält die rund 50 Händler mit ihren 100 Tischen jedoch nicht davon ab, auf einer Fläche von 1500 Quadratmetern Modellautos, Bausätze und Zubehör anzubieten. Laut Angaben aus dem Verband der Automobilindustrie hat sich das Angebot bei solchen Börsen seit dem Jahr 2006 nahezu verdoppelt.

Seehase kann diesem Trend nichts Gutes abgewinnen: "Es ist schlicht zu viel Ware auf dem Markt", sagt er. Das liegt nicht nur an den desinteressierten Erben, die die Kollektionen ihrer Väter verscherbeln, sondern auch an der Massenproduktion in Asien. Das Internet ist dagegen kein Konkurrent. Seehase: "Richtig teure Autos wechseln unter Kennern nur persönlich den Besitzer."

Einige Händler in Hannover reagieren empfindlich, wenn man sich ihren Ständen mit einem Fotoapparat nähert. "Keine Bilder", heißt es dann, "nicht in Zeiten von Facebook." Vorlagen für Fälscher müssen um jeden Preis vermieden werden.

Schuld am Abschwung sind die Autohersteller - sagen die Sammler

Auf der Börse gehört ein alter Bus mit 400 Euro zu den teuersten Exponaten, aber manchmal gehen seltene Modelle auch mal für 1500 oder 2000 Euro über den Ladentisch. "Schuco-Lkw, eine Günthermann-Feuerwehr, ein echter Distler-Porsche oder alte Märklinautos werden hoch gehandelt", sagt Seehase. Bei den "Neuwagen" stehen hauptsächlich detailgenaue Druckgussmodelle wie zum Beispiel von Minichamps im Kurs. Sie werden in Deutschland entwickelt und in China produziert. Als Spielzeug taugen sie nichts, dafür sind sie zu zerbrechlich.

Das gleiche gilt für Dieners Betonmischer. Solche limitierten Serien bringen die Hersteller "großer" Autos extra für bestimmte Veranstaltungen mit, um sie ihren Kunden zu schenken oder sie am Tresen dem Publikum zu verkaufen. Laut Seehase einst ein lohnendes Geschäft: "Früher haben Lkw-Hersteller damit ihren ganzen Stand finanziert", sagt der Szenekenner. "In den Neunzigerjahren hätte ich bei Renault rund 1200 Mark für eine Serie von etwa 20 Modelltrucks hinlegen müssen."

Doch nach Ansicht von Diener haben die Hersteller das Geschäft überreizt: "Es gab irgendwann zu viele verschiedene Sondermodelle, und das machte uns Sammler sauer." Trotzdem sind diese Modelle nach wie vor begehrt. Händler wie Diener benötigen gute Kontakte, um ein Exemplar zu ergattern: "Das geht nur mit 'Vitamin B', wenn man vor der Börse seine Freunde bei den Autoherstellern besucht."

Dieners Star, der kleine Betonmischer, findet auf der Automania kaum Beachtung. 36 Stunden nach Ende der Börse stehen die Exemplare Nummer 89 und Nummer 7 bei Ebay im Internet: Null Gebote für einen Festpreis von 83 Euro und zwölf Gebote für 37,50 Euro. Auch der Spielzeughändler wird mit seiner Nummer 31 nicht reich werden.

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