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26. August 2014, 06:43 Uhr

Autos für Senioren

Gib Gummi, Alter!

Von Kai Kolwitz

Alte Menschen kommen in der Auto-Reklame nicht vor. Dabei ist der durchschnittliche Neuwagenkäufer in Deutschland jenseits der 50. Machen die Fahrzeughersteller etwas falsch?

Glaubt man der Werbung der Fahrzeughersteller, dann nutzen in Deutschland nur junge, sportliche Menschen das Auto. In den Spots und Anzeigen hüpfen fast ausnahmslos Leute ans Steuer, die altersmäßig irgendwo zwischen bestandenem Abitur und vierzigstem Geburtstag liegen.

"Jeder Hersteller nennt als Zielgruppe immer die 25- bis 35-jährigen Gutverdiener. Aber die leisten sich in der Regel nur Gebrauchtwagen", sagt Willi Diez, Leiter des Instituts für Automobilwirtschaft in Geislingen. Dabei bestehe die beste Kundschaft in Wirklichkeit aus älteren Menschen, sogenannten Best Agern: "Die haben Vermögen und Kaufkraft", sagt Diez.

Eine Studie aus dem vergangenen Jahr belegt diese Einschätzung. Das CAR-Institut der Universität Duisburg fand heraus, dass der durchschnittliche Neuwagenkäufer in Deutschland rund 52 Jahre alt ist - so alt wie noch nie. Rund ein Drittel aller Käufer hatte laut der Studie sogar den sechzigsten Geburtstag hinter sich.

Für die Hersteller waren diese Zahlen garantiert keine Überraschung. Aber warum tun sie dann immer noch so, als ob ihre Kundschaft faltenfrei sei? Und warum macht sich kein Autobauer die Statistik zunutze und baut ein Fahrzeug, das speziell auf die Bedürfnisse der Betagten zugeschnitten ist?

"Selbst ein Porsche 911 ist eigentlich ein Auto für Ältere"

Die zweite Frage kann Willi Diez rasch beantworten: "Natürlich haben die Hersteller bemerkt, dass die Käufer immer älter werden und entwickeln Autos auch dementsprechend."

Als Beispiele nennt er Assistenzsysteme wie Toter-Winkel-Überwachung, Abstandsradar oder Müdigkeitswarner. Diese Helfer zählen meistens zur Sonderausstattung und unterstützen eigentlich Fahrer aller Altersklassen, vor allem aber die Best Ager. Hinzu komme, dass viele neue Modelle auf den Markt kommen, die bequem gebaut sind: "Die Sitzposition ist höher, der Einstieg einfacher und sie lassen sich problemlos beladen. Das kommt älteren Fahrern natürlich zugute." Diese Beschreibung passt exakt auf die Vorzüge von SUVs - dem Segment, bei dem die Nachfrage in den vergangenen Jahren am stärksten gestiegen ist.

"Aber selbst ein Porsche 911 ist eigentlich ein Auto für Ältere", sagt Diez. Über die Jahre sei der Sportwagen immer größer und komfortabler geworden.

"Solche Türen sind ja auch für Mütter praktisch"

Trotz dieser offensichtlichen Veränderungen schüren die meisten Hersteller mit ihrer Reklame immer noch den Jugendwahn, anstatt gezielt die etwas grauere Generation anzusprechen.

Die Statements, die man dazu von den Herstellern erhält, sind beinahe deckungsgleich:

Dabei macht BMW bei der Werbung für den kommenden 2er Active Tourer eigentlich eine Ausnahme: Das Aufmacherfoto zur Produkt-Website zeigt einen älteren Herrn mit Mountainbike.

Auch Opel hat ein reiferes Model gebucht, um den bequemen Einstieg in den Meriva zu demonstrieren - allerdings setzt sich der Mann auf die Rückbank, neben ein kleines Mädchen. "Solche Türen sind ja auch für Mütter praktisch, wenn sie ihre Kinder anschnallen wollen", sagt Opel-Sprecher Michael Blumenstein fast entschuldigend. Er räumt jedoch ein, dass die Gruppe der Älteren für die Autobauer lukrativer wird. "Das sind in der Tat oft Kunden, die wohlhabend sind und sich häufiger ein neues Auto kaufen."

Aber dann fügt er den entscheidenden Satz hinzu - und gibt die Antwort auf die Frage nach der fast seniorenlosen Werbung: "Ältere empfinden sich nicht als Ältere."

Frank Leyhausen von der Deutschen Seniorenliga gibt ihm recht. "Wenn es um den Autokauf geht, dann will niemand alt sein in Deutschland", sagt er. "Die Leute wollen etwas, was ihre Voraussetzungen erfüllt, aber trotzdem schick aussieht."

Der Schulterblick ist "ein Riesenthema"

Die Voraussetzungen erfüllen, das tun laut Leyhausen zum Beispiel Einparkassistenten - der Schulterblick sei bei den Senioren "ein Riesenthema". Aber die elektronischen Helfer können sie auch überfordern. Wer jemals in einem Auto versucht hat, die gefühlt 17 verschiedenen Pieptöne zuzuordnen, weiß vermutlich, was gemeint ist.

Die Seniorenliga fordert von Herstellern und Händlern deshalb, sich bei der Beratung mehr Mühe zu geben. "Da gibt es noch ein Riesenpotenzial", sagt Leyhausen. Der Lobbyist schlägt vor, dass sich der Händler beispielsweise einen Monat nach dem Kauf noch einmal mit den Kunden zusammensetzt, um offene Fragen zu klären.

"Das wäre etwas, was nicht nur Älteren helfen würde", sagt er. Denn auch beim Service sollte das Alter diskret behandelt werden. Denn die Marketingstrategie der Hersteller, Best Ager nicht gezielt zu umwerben, kann Leyhausen absolut nachvollziehen.

Die Autobauer müssten ja nicht den gleichen Fehler machen wie viele Gastronomen: "Niemand", sagt er, "bestellt im Restaurant einen Seniorenteller."

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