Fotostrecke

Autos von US-Kriegsveteranen

Foto: Matthew Casteel

Fotoserie "American Interiors" Totalschaden

US-Fotograf Matthew Casteel hat bei seiner Arbeit in einem Krankenhaus für Kriegsveteranen eine bedrückende Fotoserie erschaffen: Die Bilder zeigen die Innenräume ihrer Autos - und sind Spiegel der Soldaten-Seelen.
Ein Interview von Christian Frahm

SPIEGEL: Herr Casteel, Sie haben eine beeindruckende Fotoserie veröffentlicht, in der Sie die Innenräume von Autos von US-Kriegsveteranen dokumentiert haben. Das Besondere an den Motiven ist, dass im Inneren der Wagen totales Chaos herrscht. Wie kam es zu der Serie "American Interiors"?

Matthew Casteel: Im Jahr 2009 habe ich einen Job in einem Krankenhaus für Kriegsveteranen in North Carolina angetreten. Das Krankenhaus lag auf einem Hügel, der Parkplatz war weit entfernt. Meine Aufgabe bestand darin, die Autos der Veteranen zu parken. Viele von ihnen waren im Kampf verwundet worden und hatten schwere körperliche Einschränkungen. Die lange Strecke vom Parkplatz zum Eingang des Krankenhauses konnten sie nicht bewältigen. Also nahm ich die Autos am Eingang entgegen und parkte sie unten auf dem Parkplatz. Wenn die Veteranen das Krankenhaus wieder verließen, fuhr ich die Wagen wieder nach oben.

SPIEGEL: Hatten Sie beim Blick in die Autos sofort die Idee, daraus eine Fotoserie zu machen?

Casteel: Das kam erst später. Während meiner Arbeit im Krankenhaus baute ich zu vielen Veteranen einen engen Kontakt auf und lernte sie und ihre Geschichte kennen. Dann kam mir die Idee zu den Fotos. Ich wollte darin den Kummer und die Verzweiflung der Veteranen einfangen. Also begann ich, einige von ihnen zu Hause zu besuchen und zu porträtieren. Nach einer Zeit merkte ich aber, dass die Bilder nicht das widerspiegelten, was ich inzwischen über das Leid der Veteranen wusste. Dass sie in der Gesellschaft vernachlässigt wurden und mit starken psychischen und gesundheitlichen Problemen, Obdachlosigkeit und Selbstmordgedanken zu kämpfen hatten. Ich überlegte lange, wie ich diese Not am besten in meinen Bildern ausdrücken könnte. Dabei lag die Lösung direkt vor mir.

SPIEGEL: Die Autos?

Casteel: Ja, ich merkte, dass sich die Sorgen und Probleme der Veteranen in vielen ihrer Fahrzeuge widerspiegelten. Also fragte ich, ob ich ihre Autos fotografieren dürfte.

SPIEGEL: Wo genau liegt die Verbindung zwischen dem Krieg und den Autos der Veteranen?

Casteel: Während meiner Zeit im Krankenhaus fing ich an, mir den Zustand der Autos genauer anzusehen. Ich stellte fest, dass viele Innenräume chaotisch und unordentlich waren, und begann mir darüber Gedanken zu machen und mich zu informieren. Ich las damals ein Buch des Ethnografen Ken MacLeish, der sehr eng mit Veteranen zusammenarbeitete. Darin beschreibt er, wie die Folgen des Krieges die Menschen oft unerwartet und ohne Vorbereitung treffen. Die Autos, die ich fotografiert habe, sind ein gutes Beispiel dafür.

Zur Person
Foto:

Matthew Casteel

Matthew Casteel ist 38 Jahre alt und lebt derzeit in Roanoke im US-Bundestaat Virginia. Er besuchte die Hartford Art School im US-Bundesstaat Connecticut. Seine Arbeiten beschäftigen sich überwiegend mit psychologischen Aspekten des Menschen und den Einflüssen der Umwelt auf ihn. Seine Fotos wurden im "Time"-Magazin und der "Washington Post" vorgestellt. Sein erstes Buch "American Interiors" erschien 2018. In seiner Freizeit arbeitet er als DJ und legt in einer örtlichen Kneipe gerne Rock'n'Roll auf.

SPIEGEL: Aber inwiefern stehen ein paar Bierdosen auf der Rückbank oder ein überfüllter Aschenbecher beispielhaft für das, was der Krieg in der Psyche dieser Männer anrichtet?

Casteel: Die verwahrlosten Innenräume sind gewissermaßen ein Spiegel der Seelen der Veteranen. Interessant fand ich, dass sich einige Besitzer dafür entschuldigten, dass ihre Autos so unaufgeräumt waren. Das waren oft diejenigen, die psychisch noch in einer einigermaßen stabilen Verfassung waren. Die Besitzer mit den unordentlichsten Autos sagten dagegen oftmals gar nichts. Sie waren mental überwiegend in sehr schlechtem Zustand.

SPIEGEL: Haben Sie die Innenräume genauso vorgefunden wie auf den Bildern zu sehen ist, oder wurde etwas in Szene gesetzt?

Casteel: Das Einzige, was ich bei manchen Bildern verändert habe, waren persönliche Dinge, die Aufschluss über die Identität des Besitzers hätten geben können. Entsprechende Gegenstände wie beispielsweise Postkarten oder persönliche Dokumente habe ich für das Foto entfernt. Viele Veteranen wollten unbedingt anonym bleiben.

"Viele der Veteranen, mit denen ich gesprochen habe, waren zutiefst religiös und glaubten an eine höhere Macht, die ihnen eines Tages Frieden und Erleichterung bringen würden."

Matthew Casteel

SPIEGEL: Welche Beziehung hatten die Veteranen zu ihren Autos?

Casteel: Das war ganz unterschiedlich. Einige nutzten ihr Auto nur, um von einem Ort zum anderen zu gelangen. Andere wiederum lebten sogar in ihren Autos. Für viele Veteranen, mit denen ich Kontakt hatte, war eine Autofahrt eine richtige Tortur. Viele mussten jedes Mal ihren Rollstuhl mit einem mechanischen Lift ein- und ausladen, andere wiederum mussten ihr Auto über eine Handsteuerung bedienen, weil sie aufgrund von Verletzungen keine Pedale nutzen konnten.

SPIEGEL: Gab es eine Gemeinsamkeit, ein immer wiederkehrendes Element in den Autos?

Casteel: Es gab einige Gegenstände, die mir bei meiner Recherche immer wieder begegneten. Das waren Gehstöcke, Tablettenfläschchen, Waffen, viele Lebensmittel und Bibeln. Viele der Veteranen, mit denen ich gesprochen habe, waren zutiefst religiös und glaubten an eine höhere Macht, die ihnen eines Tages Frieden und Erleichterung bringen würde.

SPIEGEL: Welcher Moment hat sich Ihnen besonders eingeprägt?

Casteel: Im Laufe des fünf Jahre andauernden Projektes gab es viele besondere Momente mit den Veteranen. Trotz der Tatsache, dass viele von ihnen sehr krank waren, zeigten sie mir gegenüber immer Freundlichkeit und Dankbarkeit, wenn ich ihnen beim Ein- und Aussteigen aus dem Auto geholfen habe. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir ein Vietnam-Veteran, der mir von seinem Kampf mit dem Alkoholismus erzählt hatte. Kurze Zeit später wurde er rückfällig, trank eine ganze Flasche Mundwasser und musste in die Notaufnahme gebracht werden.

Am meisten hat mich aber ein Veteran, der im Zweiten Weltkrieg gekämpft hatte, beeindruckt. Er parkte am hintersten Ende des Parkplatzes und ging mit seinem Stock langsam den Hügel hinauf zum Vordereingang des Krankenhauses. Er war etwa Mitte Neunzig und hinkte mit einem Bein. Obwohl ich es ihm jedes Mal angeboten hatte, wollte er den Parkservice nie in Anspruch nehmen. Im Gegenteil, er war im Herbst seines Lebens und trotz der Erfahrungen aus dem Krieg noch voller Tatendrang und Entschlossenheit. Das hat mich sehr beeindruckt.

SPIEGEL: Lassen Sie uns über ein paar Bilder sprechen. Eines zeigt ein Lenkrad, auf dem ein Kalender von 2014 klebt. Was hat es damit auf sich?

Casteel: Der Mann, der dieses Auto fuhr, war quasi ein Stammgast und kam mindestens drei Mal pro Woche zur Behandlung in das Krankenhaus. An jedem Tag, der verging, strich er einen Tag durch und jeden Monat hatte er ein neues Kalenderblatt auf dem Lenkrad. Obwohl er immer fröhlich und höflich war, erinnerte er mich an einen inhaftierten Gefangenen, der die Tage bis zu seiner Freilassung zählte.

SPIEGEL: Ein weiteres Motiv zeigt eine Spritze und ein paar Pillen.

Casteel: Die lagen in den Autos der Veteranen häufig herum. Viele von ihnen nahmen zahlreiche Medikamente, um gesund zu werden. Andere dagegen nahmen Medikamente, um sich zu betäuben, sie waren im Prinzip Drogensüchtige. Dieses Bild lässt sich also auf zwei Weisen betrachten und zeigt, wie nah zwei völlig gegensätzliche Motive manchmal augenscheinlich beieinanderliegen.

SPIEGEL: Auf einem anderen Foto sieht man einen angebissenen Cheeseburger und eine Waffe auf dem Rücksitz. Warum haben Sie das ausgewählt?

Casteel: Diese Bild steht für mich sinnbildlich für zwei große Probleme in den USA - Waffen und Fettleibigkeit. Die Frage der Waffenkontrolle in den USA ist komplex und der Waffenbesitz ein besonders brisantes Thema - auch bei den Veteranen. Zwar setzen sich viele von ihnen für größere Beschränkungen von Waffen ein, aber hier im Süden des Landes herrscht eine andere Kultur. Viele der hier lebenden Menschen wollen die derzeit geltenden Beschränkungen sogar noch lockern.

Das zweite große Problem ist die Fettleibigkeit vieler Amerikaner aufgrund der verbreiteten Fastfood-Kultur. Deshalb fand ich es faszinierend und ironisch zugleich, eine Schusswaffe zufällig neben einem Cheeseburger liegend zu finden. Für mich symbolisiert das Bild eine schleichende Krankheit, die das auszulöschen droht, was man einst den amerikanischen Traum nannte.

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