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Blinder Automechaniker Tareks Gespür für Volvo

In Ägyptens Hauptstadt Kairo findet ein blinder Mechaniker die Probleme alter Volvos mit Tastsinn und Gehör - besser als manch sehender Kollege.

Wahrscheinlich weiß niemand ganz genau, wie viele Autowerkstätten es in Ägyptens Hauptstadt Kairo gibt, in den Straßen des Stadtteils El Zeitoun reiht sich ein Reparaturbetrieb an den nächsten. Einen Mechaniker aber kennen sie hier alle. Der 51-Jährige heißt Mohammed Mahmoud Mohammed Souleiman. Aber niemand ruft ihn so. Stattdessen nennen ihn alle Tarek Volvo. Nach den Autos, die seit fast vier Jahrzehnten sein Leben bestimmen.

Dass Tarek als der Experte schlechthin für die skandinavischen Wagen gilt, ist nicht selbstverständlich. Er ist blind.

An einem Donnertag im November sitzt der Mechaniker, braune Hose und gestreiftes Poloshirt mit kleinen Ölflecken, auf einem Mäuerchen vor der Werkstatt in der Madkhal El Moaskar Street. Die Firma gehört seinem Chef Naim Kemal Metias. Nebenan hat das Militär einen stacheldrahtbewehrten Checkpoint errichtet, weil ein paar Meter die Straße hinunter eine Einrichtung der Armee liegt. Naim ist voll des Lobes über Tarek: "Er hat ein sehr gutes Gespür dafür, wo die Probleme der Autos zu finden sind. Und er sagt den Mitarbeitern, wie sie gelöst werden können." Doch Tarek ist nicht nur Berater. Oft schraubt er auch selbst.

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Blinder Automechaniker: Reparatur mit viel Gefühl

Foto: Gregor Seyfert

Wie er seine Sehkraft verloren hat, erst auf dem linken Auge, dann auf dem rechten, ist eine komplizierte Geschichte. Er sei Diabetiker berichtet Tarek mit ruhiger Stimme und knetet die Hände leicht. Die Medikamente, die ihm verschrieben worden seien, hätten aber nicht wie versprochen gewirkt. Er sagt, er habe eine medizinische Odyssee hinter sich, Ratschläge, Behandlungen von zweifelhafter Güte mit Spritzen, seine Augen wurden auch gelasert. Alles ohne Erfolg. Seit drei Jahren kann er nicht mehr sehen.

Seinen Job bei Naim macht er trotzdem. Volvo lässt ihn einfach nicht los. Schon in seiner Kindheit im Kairoer Vorort Giza, dort wo die weltberühmten Pyramiden stehen, habe er für die Autos aus dem hohen Norden geschwärmt. "Nur die vornehmen, hochgestellten Leute fuhren damals Volvo", erinnert sich Tarek. Als er 15 Jahre alt war, habe ihn ein Verwandter in eine Werkstatt mitgenommen. Dort habe er lernen und arbeiten können. Seiner Liebe für Volvo sei er in dieser Werkstatt und auch später als Mechaniker bei der Autovermietung Budget treu geblieben. Aus dieser Zeit stammt auch sein Spitzname.

Foto: Gregor Seyfert

Wenn man sich heute auf Kairos chaotischen, überfüllten Straßen umsieht, dominieren längst Autos asiatischer Hersteller wie Hyundai, Toyota, Kia, Mitsubishi oder Nissan. Seit einiger Zeit sind auch Modelle der chinesischen Marke BYD dazugekommen. Skandinavische Fahrzeuge dagegen sieht man eigentlich nie, auch wenn Tarek beteuert: "Es gibt immer noch Fans."

Es müssen zumindest so viele sein, dass Naims kleine Werkstatt überleben kann. Gerade schieben die Mechaniker Amr und Islam einen hellblauen Volvo 244, Baujahr 1980, von der Straße herein. Tarek soll zeigen, was er kann, noch immer und besser als jeder andere, wie sein Chef sagt.

Vater und Sohn arbeiten zusammen

Die Motorhaube wird geöffnet, Tarek lässt sich das Werkzeug reichen. Mit der linken Hand fühlt er, mit der rechten führt er den Schraubenzieher. Irgendwas stimmt nicht an der Gemischaufbereitung, das hat er schon gehört. Der Vergaser muss aufgemacht werden. Manche der Schrauben lassen sich so schwer lösen, dass Tarek beide Hände zum Drehen braucht.

Islam steht bereit, um, wenn nötig, weiteres Werkzeug anzureichen. Später packt er auch selbst mit an. Islam ist Tareks Sohn, und manchmal muss der 21-Jährige für seinen Vater sehen. Und er muss das Auto anlassen, nachdem Tarek den Vergaser wieder aufgesetzt hat. Eine Weile wird weiter probiert, dann soll Islam den Motor wieder ausmachen. Es wird eingestellt, nochmal gestartet, wieder eingestellt.

Irgendwann ist Tarek zufrieden. "Das Auto läuft jetzt besser, der Motor macht weniger Lärm." Außerdem brauche der Wagen jetzt auch weniger Benzin. Er könne auch Getriebe reparieren, sagt Tarek stolz. Oder Autos von Vergaser auf ein Einspritzsystem umbauen. Allerdings gelingt ihm das alles nur bei den alten Volvos. "Mit neuen Modellen arbeite ich nicht." Heutzutage gebe es viel zu viel Computertechnik, die alles regele. Tarek ist ein Fan des mechanischen Zeitalters, "da konnte man die Dinge noch fühlen", sagt er.

Ersatzteile kauft er selbst auf dem Markt

Eine Versicherung, die nach Tareks Erblindung gezahlt hätte, hat er nicht. Als Angestellter im öffentlichen Dienst Ägyptens hätte er womöglich auf Lohnfortzahlung hoffen können, nicht aber als Mitarbeiter in der Privatwirtschaft. Ihn zu versorgen, wäre Aufgabe seiner Familie gewesen. Doch Tarek wolle das nicht, sagt er. Wahrscheinlich hätte die Familie das auch nicht geschafft, die Töchter Nermine, jetzt 23, und Iman, jetzt 25, waren schließlich noch zu verheiraten.

Das ist inzwischen erledigt, wie er stolz berichtet. Und sein Sohn Islam arbeitet auch als Mechaniker in der Volvo-Werkstatt. Wäre es da nicht doch langsam Zeit, sich zur Ruhe zu setzen? Nein, sagt Tarek: "Ich bin die harte Arbeit gewohnt. Wenn ich zu Hause bleibe, werde ich krank und sterbe." Auch sein Chef Naim will ihn offenbar nicht ziehen lassen. "Du wirst nie zu Hause bleiben. Notfalls komme ich mit meinem Auto und hole Dich ab."

Foto: Gregor Seyfert


Dieser Artikel entstand im Rahmen eines deutsch-ägyptischen Journalistenaustausches zwischen dem SPIEGEL und der Tageszeitung "Al Ahram". Dieser findet im Rahmen des Programms "Scientific Storytelling" statt, das vom Auswärtigen Amt unterstützt wird.

Mitarbeit: Ashraf Amin