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Unschöner Auto-Trend: Warum blinken wir nicht mehr?

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Auto-Blog "Fahrtenbuch" Warum blinken wir nicht mehr?

Von Jens Tanz

Wir kommunizieren so viel und so kleinteilig wie nie zuvor. Per Telefon, SMS, Mail und Messengerdiensten. Nur beim Autofahren sind wir gefährlich stumm geworden.

Ich rede vom Blinken. Dieses wunderbare, gelb-rhythmische Signal, mit dem wir unseren Mitmenschen im Straßenverkehr auf einfachste Art und Weise die Antwort auf eine elementare Frage mitteilen können: Wo wollen wir eigentlich hin?

Ortsfremde und Einheimische: Sie fahren auf der einspurigen Stadtdurchfahrt vor mir und verhalten sich rätselhaft. Bremsen, noch mehr bremsen, stehen bleiben. Warum? Ah, sie wollen links abbiegen. Schon in den frühen Neunzigerjahren hatte ich genau wegen solchen Verhaltens meinen ersten heftigen Auffahrunfall. Kurz abgelenkt, das sind wir alle mal, und der vor mir rollt nicht wie erwartet mit 50 km/h daher - sondern steht. Einfach so, ohne Blinker.

Wir müssen reden

Klar, mit genügend Aufmerksamkeit und ausreichendem Abstand zum Vordermann hätte ich vermutlich auch diesen Unfall vermeiden können. Aber es ist nun mal so, dass beim Autofahren vieles aus dem Augenwinkel geschieht, es ist Multitasking vom Allerhärtesten. Der Autopilot im Gehirn verrechnet viele Dinge erstaunlich fehlerfrei, aber genau deswegen ist das Blinken so wichtig. Autofahrer, sendet die Signale!

Auto-Blog "Fahrtenbuch"
Foto: Joy Kroeger

Wir bewegen Autos und das bewegt uns. Unser Leben auf Rädern ist eine Aneinanderreihung von Erlebnissen, viele nichtig, andere wichtig und erzählenswert. Jens Tanz haben diese besonderen Momente im Mobil schon immer so fasziniert wie die Autos selbst. Von seinen liebsten Episoden, seinen Beobachtungen des Autoalltags erzählt Tanz in diesem Blog.

Leider tun sie das oft nicht. Wer kennt nicht den erst langsamer werdenden und dann spontan rechts auf den Baumarktparkplatz abbiegenden Kombi, der bei den nachfolgenden Fahrzeugen Vollbremsungen auslöst? Und der dabei oft noch fast einen Fahrradfahrer plättet, der wegen des fehlenden Blinksignals nicht mit diesem Manöver gerechnet hat? Meistens folgt in dieser Situation eine aggressive, mit Kraftausdrücken gewürzte Schimpftirade zwischen Radfahrer und Autofahrer, um die ich dann vorsichtig herumfahre. Blinkend, klar.

Oder den Parkplatzsucher. Im Schneckentempo schleicht er über die Straße. Sucht er einen Parkplatz? Nein, dann würde er ja blinken, um die nachfolgenden Fahrzeuge nicht unnötig aufzuhalten. Aber warum kriecht er dann und fährt so weit rechts? Exakt in dem Moment, wo man mangels eindeutiger Blinksignale die Situation interpretiert und entscheidet, "er sucht, ich überhole" (blinkend, natürlich), geschieht dann oft dieses: Der Parkplatzsucher beschließt, dass es dort keine Parkplätze gibt, und beschleunigt. Meist genau in dem Moment, wo einem der Gegenverkehr entgegenbraust.

Das andere Extrem

Das Laisser-faire lässt sich auch auf mehrspurigen Straßen beobachten. Eilige Zeitgenossen ziehen ohne Ankündigung quer über mehrere Spuren und wieder zurück. Auf den Hamburger Innenstadtringen wechseln viele Autos gefühlt 17 Mal pro Minute nichtblinkend die Fahrbahn, um zwei Sekunden vor den anderen an der nächsten roten Ampel zu stehen. Natürlich bin auch ich kein perfekter Verkehrsteilnehmer. Aber den Blinker benutze ich. Das kommt mir jetzt fast schon spießig vor.

Es gibt aber auch das andere Extrem. Auf langen Autobahnabschnitten sieht man schon mal ein Wohnwagengespann über 30 Kilometer vor sich hin blinken, was andere Fahrer wiederum zur Lichthupe und zu wilden, erklärenden Gesten animiert. Viele Fahrer blinken bei der Abfahrt von der Autobahn die ganze lange Kurve bis auf die Bundesstraße. Andere blinken schuldbewusst, wenn sie in einen Kreisverkehr einfahren, aber lassen es dann bleiben, wenn sie wieder raus wollen.

Ey, Leute! Wir sitzen meist allein in unseren Autos. Aber wir sind nicht allein auf der Straße. Die Welt scheint angesichts von Facebook-Hass und Trump-Tiraden zu verrohen, aber wir können gegenhalten. Mit einem kleinen Tipp am Hebel, dem Tick-Tack, Tick-Tack, können wir ein Signal setzen. Ein Signal des Respekts, der Achtung, der freundlichen Ansprachen unserer Mitmenschen. Gelb ist die Hoffnung!

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