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BMW 3er Reihe: Heiß auf Haifischnase

Foto: Lutz Schmidt

BMW 3er Reihe "Die Karre sah aus wie 'ne Banane"

Für viele Menschen sind Autos Beziehungskisten. Margret Meincken berichtet von prägenden Erlebnissen mit automobilen Klassikern. Diesmal: die Liebe eines jungen Mannes zu seinen Dreier-BMW.

Die Freude über das erste Auto währte nicht lange. Es war Herbst, die Straßen laubbedeckt und nass. Lutz Schmidt, damals 19 alt, Soldat auf Zeit bei der Marine, bretterte in seinem rubinroten BMW 318 über eine Landstraße im Südschwarzwald. Er wollte durch die scharfe Rechtskurve driften, lenkte ruckartig ein, schaltete runter, ließ die Kupplung kommen.

Der Wagen brach aus, rauschte über eine Böschung und wickelte sich um einen Baum. Die A-Säulen wurden eingedrückt, der Kopf von Lutz Schmidt auch. Einer seiner Halswirbel brach an. "Die Karre sah aus wie 'ne Banane", erzählt Schmidt über den Wagen von 1976. Eine acht Zentimeter lange Narbe erinnert ihn bis heute an diesen Unfall.

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Foto: privat

Oldtimerfahrer haben (fast) alle etwas gemeinsam, fand Margret Meincken bei ihrer Arbeit als Motorjournalistin heraus: Die Liebe zum alten Blech entstand schon in der Kindheit, oft geprägt durch die Eltern.

Bei Meincken war es nicht anders. Ihre Automacke entwickelte sich noch im Mutterleib bei einer Tour mit dem Ford Bronco ihres Vaters.

Von prägenden Erlebnissen mit der ersten motorisierten Liebe erzählt sie regelmäßig für SPIEGEL ONLINE in unserer Serie "Im Rückspiegel".

Nach dem Unglück im Jahr 1990 verzichtete Schmidt ein paar Monate aufs Autofahren, dann kaufte er sich einen Ford Taunus. "Übergangslösung" nennt der 47-Jährige den Wagen heute, damals musste schnell etwas Billiges, Fahrbares her. Nach einem Jahr erwarb er in einem Autohaus in Waldshut wieder einen BMW, diesmal einen arktisblauen BMW 325e, Baujahr 1985, für 15.500 DM. Das "e" steht für "eta", den siebten Buchstaben im griechischen Alphabet, der im technischen Bereich den Wirkungsgrad eines Motors bezeichnet.

Anfang der Achtzigerjahre erhielten die BMW-Techniker den Auftrag, einen Reihensechszylinder zu entwickeln, der die Kraft des 2.0-Liter-Motors hatte, dabei aber weniger verbraucht. Aufgrund des niedrigen Spritverbrauchs, des hohen Drehmoments und der günstigen Kfz-Steuer (dank geregeltem Kat) wird Schmidt zum eta-Fan. Er fuhr ihn fortan täglich, unternahm Spritztouren mit der Ehefrau, holte beide Töchter von der Geburtsstation damit ab. 14 Jahre hielt der arktisblaue 3er, dann rostete er so stark, dass er nun in der Garage stehen muss, wo er auf seine Restaurierung wartet.

Der arktisblaue BMW 325e im Dornröschenschlaf

Der arktisblaue BMW 325e im Dornröschenschlaf

Foto: Lutz Schmidt
eta-Motoren von BMW

Die BMW-Entwickler erhielten Anfang der Achtzigerjahre den Auftrag, einen Reihensechszylinder zu entwickeln mit der Kraft des 2.0-Liter-Motors, aber geringerem Verbrauch. Sie bohrten den Reihensechszylinder (M20B20) auf, der Hubraum betrug nun 2693 ccm. Zudem kamen längere Saugrohre zum Einsatz, weichere Ventilfedern und nur vier Nockenwellenlager. Durch den großen Hubraum erreichte der eta schon in niedrigen Drehzahlbereichen mehr Drehmoment. Mit seinen 240 Nm bei 3250 U/min war er ungefähr genau so kräftig wie der M30B28, der zur gleichen Zeit im BMW 528i und im BMW 728i angeboten wurde. Allerdings war er auch nie so drehfreudig wie der typische Reihensechser von BMW und sprach damit auch nicht so viele Kunden an.Von 1984 bis 1988 wurden 305.982 eta-Motoren gebaut.

Liebe auf den ersten Blick

Die Liebe zur Haifischnase, so nennt man die charakteristische, nach vorn geneigte Schnauze älterer BMW, entflammte allerdings schon viel früher.

Lutz Schmidt wuchs in Gottmadingen auf, südlich von Singen, nicht weit vom Bodensee. Auf dem Grundstück seines Kindergartens standen zwei Schrottautos. Unterm Baum eine Isetta, ein paar Meter weiter ein 2002. Beide BMW waren einmal weiß, beide vergammelten dort mit Motor, Getriebe und Betriebsflüssigkeiten. Es sind die Siebzigerjahre. Schrottautos seien gut zum Spielen, fand der Spender. Und die Kinder teilten seine Meinung. Sie sprangen auf dem Dach des 2002 herum, losten, wer auf dem heiß begehrten Platz hinter dem Lenkrad sitzen durfte, fuhren Fantasiestraßen um den Hohentwiel, den Hausberg der Region. Der kleine Lutz saß häufig am Steuer. Es war Liebe auf den ersten Blick.

Eines Tages rollte der Vater des besten Freundes auf den Hof in einem nagelneuen BMW 528 E12. Lutz Schmidt verlangte nach einer Probefahrt und kletterte in die dunkelgrün glänzende Limousine. Noch heute erinnert er sich an diesen Moment. "Etwas veränderte mich. Die Beschleunigung, die Kurvenlage und dann dieser geile Sound des Reihensechsers. Der hat mich gepackt mit seinen Doppelscheinwerfern und seiner Haifischnase." Nach der ersten Fahrt war er wie von Sinnen.

In der Grundschule schlich Lutz nach den Hausaufgaben über Parkplätze, lernte Marken und Typenbezeichnungen auswendig. Für die Bücherecke in seinem Klassenzimmer zeichnete er Rallye-Comics, die er mit Uhu zu kleinen Heften band. In jedem Heft ein neues Rennen, mit neuen Autos und neuen Fahrern. Die Autos waren nicht gerade rallyetauglich, doch BMW M1, BMW 2002, Opel Monza, Ford Capri 3, ein Hundeknochen-Escort, begeisterten ihn am meisten. Das Fahrerfeld bestand aus zehn Klassenkameraden und Statisten.

Der Traum vom ersten eigenen Auto

Als Schmidt 15 Jahre alt war, starb seine Mutter nach schwerer Krankheit. Der Vater verlor seine Arbeit und zog, verwitwet und alleinerziehend, zu seiner Mutter nach Ühlingen in den Südschwarzwald. Sein Sohn litt unter dem Verlust der Mutter und dem Umzug. Allerdings erkannte Lutz Schmidt auch die Vorteile des Dörfchens am Hochrhein: Es gab Platz, viele Bauernhöfe und noch mehr Scheunen. Ideal, um ein Auto unterzustellen. Der Junge träumte vom ersten eigenen Auto, der Vater untersagte es. Zwei Jahre später, kurz vor seinem 18. Geburtstag, verpflichtete sich Schmidt für vier Jahre bei der Bundeswehr.

Marine, drei Monate Grundausbildung in Eckernförde, dann Fernmeldeschule in Flensburg und Unteroffizierslehrgang in Plön. Nebenher machte er eine Ausbildung zum Bürokaufmann. Er hätte gern ein Handwerk gelernt, Mechaniker oder Schreiner vielleicht, doch der Vater, selbst Kaufmann, verbot auch das. Nach seinem Unfall mit dem ersten eigenen Auto wurde Schmidt nie auf See eingesetzt. Er blieb Funker in Glücksburg, Fernmeldegruppe 11, Wache 2. Vier Jahre nach dem Tod seiner Mutter starb auch sein Vater.

Seltene Kombination: Baur-Topcabriolet mit eta-Motor

Im Sommer 1997 heiratete er seine Freundin Jaqueline und kaufte sich ein echtes Schmuckstück: ein platanengrünes Baur-Cabriolet. Seit Ende der Siebzigerjahre baute das Stuttgarter Unternehmen Baur Karosserie- und Fahrzeugbau GmbH die BMW 3er-Reihe zu sogenannten Topcabriolets (TC) um . Im Gegensatz zu den Werkscabriolets waren es keine "echten" Cabrios. Die Fensterrahmen blieben erhalten, zusätzlich gab es einen Überrollbügel. Über Fahrer- und Beifahrersitz befand sich ein Targadach in der Farbe des Stoffverdecks, das herausgenommen und im Kofferraum verstaut werden konnte. Der hintere Teil des Daches war ein Faltdach. Das Besondere an diesem Baur-Topcabriolet war: Im Bug arbeitete ein eta-Motor. Diese Kombination existierte nur 426 Mal. Als BMW sein eigenes Cabriolet auf der IAA 1985 vorstellte, war zunächst nur die Variante 325i, später auch 320i und 318i verfügbar. Einen eta-Motor gab es in den Werkscabriolets nie.

Baur Topcabriolet von Lutz Schmidt

Baur Topcabriolet von Lutz Schmidt

Foto: Lutz Schmidt

Wie ein Autohof aus den Achtzigerjahren

Fünf BMW E30 hat Schmidt heute in seiner Sammlung. Über der Garage neben dem Hauseingang prangt eine 3er-Front zur Beleuchtung des Hofs in Ühlingen. Dem Dorf, in das er nach dem Tod seiner Mutter zog. Vom Nachbargrundstück hat er ein paar Quadratmeter Wiese hinzugekauft, um sich eine echte Schrauberbude zu bauen. Sie wirkt wie ein Autohof aus den Achtzigerjahren. Ehefrau Jaqueline trägt die Leidenschaft ihres Mannes mit Fassung. Meistens. "Wir machen ja nicht mal richtig Urlaub", sagt sie. "Das letzte Mal Urlaub war die Hochzeitsreise. Und das war 1997." Die gebürtige Brandenburgerin lacht herzlich. "Aber wenn ein Autotreffen ansteht, dann hat er plötzlich Zeit." Sollte noch ein weiteres Auto hinzukommen, droht sie sanft, müsse ein anderes gehen. Schmidt, der mittlerweile als Zöllner arbeitet, schmunzelt. "Nee, da kommt nichts mehr." Es sei denn, er bekäme ein Angebot, das er nicht ablehnen könne. Dann aber nur mit Doppelscheinwerfern und Haifischnase.

Baur Karosserie- und Fahrzeugbau GmbH

Ab 1978 baute die Baur Karosserie- und Fahrzeugbau GmbH die sogenannten Top-Cabriolets auf Basis der 3er-Reihe: Vom TC1, auf Basis des BMW E21, entstanden 4595 Fahrzeuge, vom TC2, auf Basis des E30, 10.865 Fahrzeuge. Auch vom Nachfolger des E30,dem BMW E36,wurden noch 310 Top-Cabriolets (TC4) gebaut, die jedoch mit den Werkscabriolets vom BMW konkurrierten und Baur schließlich in finanzielle Schieflage brachten. Das Stuttgarter Traditionsunternehmen, das unter anderem den Bitter CD, den Opel Kadett Aero und den BMW M1 fertigte, wurde 1999 von IVM Automotive übernommen. Mittlerweile ist auch IVM Teil des schwedischen Konzerns Semcon, die sich auf Produktentwicklungen spezialisiert haben.

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