Kühlergrill-Design bei BMW Das geht an die Nieren

Autodesign ist ein Balanceakt: Bloß keine Markenfans verschrecken, aber die Kunden auch auf keinen Fall langweilen. Meist passiert Letzteres. Oder es kommt zur Provokation – wie jetzt bei BMW.
Der neue BMW 4er trägt den Nierenstein des Anstoßes vor sich her: Der extragroße Kühlergrill, die ikonische BMW-Niere, entsetzt manche Fans – und trifft bei anderen auf Begeisterung

Der neue BMW 4er trägt den Nierenstein des Anstoßes vor sich her: Der extragroße Kühlergrill, die ikonische BMW-Niere, entsetzt manche Fans – und trifft bei anderen auf Begeisterung

Foto: Fabian Kirchbauer / BMW

Mercedes-Stern, Audi-Ringe, BMW-Niere – bei vielen Automodellen genügt ein Blick, um die Marke eindeutig zu identifizieren. Für die Hersteller ist ein derart prominentes Erkennungszeichen ein Segen, denn spätestens seit dem SUV-Boom gleichen sich Autos optisch immer weiter an: Ob Verbrenner-, Hybrid- oder Elektrotechnik, sie steckt meist im Karosseriekörper eines Minilastwagens. Stern, Ringe, Niere oder andere Markensymbole sind daher oft das einzig verbliebene Merkmal am Auto, um seine Herkunft zweifelsfrei zu bestimmen.

Und so wurden nicht nur die Autos immer größer, sondern auch die Markenzeichen. Das VW-Logo erreicht bei einigen Modellen inzwischen Tellergröße, ebenso der Mercedes-Stern. Bei Audi blieben die vier Ringe zwar vergleichsweise dezent, doch sie sitzen seit rund 15 Jahren inmitten eines riesigen vergitterten Rachens, dem sogenannten Singleframe-Kühlergrill.

Spott über die »Monsternieren«

Auf diesen Effekt setzt nun offenbar auch BMW mit einem ähnlichen Designmanöver. Die jüngsten Modelle der Münchner Autobauer irritierten Fachwelt und Fans vor allem durch grotesk große BMW-Nieren. Technisch begründen lässt sich das Element nicht, zumal es auch beim künftigen Elektromodell i4 zum Einsatz kommt.

In Social-Media-Posts wird über »Monsternieren« und »übergroße Hasenzähne« gespottet, andere erkennen eine »klaffende Wunde« oder fragen: »Warum sieht der Grill aus wie der Eingang zu einer Wasserrutsche?« Die Frontpartie des neuen 4er-BMW mit den beiden vertikal gestalteten XXL-Kühlluftöffnungen sorgt jedenfalls für Aufregung im Lager der Markenfans.

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Überzeichnung als Lockmittel

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Markenzeichen können also nicht nur ein Segen, sondern auch ein Fluch sein. Wobei BMW-Traditionalisten auf Designexperimente offenbar besonders empfindlich reagieren. Viele in der Münchner Zentrale erinnern sich noch an das letzte Großgefecht dieser Art, bei dem es nicht um eine provokante Formgebung der Frontpartie, sondern des Hecks ging. Der 2001 erschienene BMW 7er (E65) hatte vom damaligen Designchef Chris Bangle einen barocken Kofferraumdeckel verpasst bekommen. Die Kreation wurde als »Bangle Butt« (Hintern) geschmäht. Manche Kritiker regten sich so sehr auf, dass sie die Internetpetition »Stoppt Bangle« starteten. Mit VW-Designchef Hartmut Warkuß reihte sich damals sogar ein Berufskollege in die Riege der Spötter ein und nannte den Wagen »einen Haufen unkoordiniertes Blech«.

»Vertikal und sehr ausdrucksstark«

Jetzt ist es ähnlich. Diesmal ergreift Autodesigner Frank Stephenson, der unter anderem für Ford, BMW, Mini, Ferrari und Fiat arbeitete, auf seinem YouTube-Kanal das Wort: »Der Grill sieht aus, als hätten die Designer gar nicht gewusst, dass sie die Nieren für einen neuen BMW entwerfen. Die Proportionen passen überhaupt nicht zum Rest des Autos. Es sieht fast aus, als käme der Grill gar nicht von BMW, sondern von irgendwem anders.«

Das ist natürlich Unfug. »Die Doppelniere ist das zentrale Markenerkennungszeichen«, sagt BMW-Chefdesigner Domagoj Dukec. »Es handelt sich um eine ikonische Grafik, deren Form über Jahrzehnte immer wieder variiert wurde. Beim neuen BMW 4er ist sie wieder vertikal und sehr ausdrucksstark – und damit ganz bewusst polarisierend. Denn Menschen, die sich für dieses Auto entscheiden, tun das vor allem aus emotionalen Gründen.« Lutz Fügener, Professor für Transportation Design an der Hochschule Pforzheim, beurteilt das ähnlich: »Jetzt kann man einen Unterschied zu anderen BMW-Modellen sehen, das ist schon mal gut. Außerdem finde ich es logisch, das wichtigste Element über die gesamte Höhe der Frontpartie zu ziehen – vorher sah die BMW-Niere eher belanglos aus.«

Wie differenziert man 40 verschiedene Modelle?

Dukec hat – wie vermutlich die meisten seiner Berufskollegen – das Problem, die unterschiedlichen BMW-Typen auf möglichst spezifische Zielgruppen zuzuschneiden. Bei vier oder sechs verschiedenen Modellen ließe sich das noch hinbekommen, aber es gibt inzwischen rund 40 verschiedene BMW-Modelle. Es ist also geradezu zwingend, dass ein paar davon weit über den ästhetischen Mainstream hinausschießen. Erstens, weil sonst wirklich alle Autos ziemlich gleich aussehen würden, und zweitens, um so auch schrille Käufergruppen für die Marke zu interessieren.

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Auto-Design: Miesmacher und freundliche Hamster

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Die Mehrzahl der BMW-Modelle, so Dukec, spreche eher zurückhaltend-rational orientierte Kunden an, sogenannte Elegant Creators. Es gebe aber auch die »Expressive Performer«, die mit ihrem Fahrzeug vor allem auffallen wollen. Das ist die Klientel, die sich jeder Autohersteller wünscht. Denn diese Leute sind bereit, ordentlich Geld hinzublättern, wenn sie dafür ein Auto bekommen, das Nachbarn, Kollegen oder Clique vor Neid erblassen lässt. In manchen Kreisen ist das ein BMW 4er.

Tuner denken schon über Umbausätze nach

Für manche könnte sich aus der Diskussion immerhin ein Geschäftsmodell entwickeln: Die Tuningfirma Prior aus Kamp-Lintfort hat kürzlich auf YouTube ein Video gepostet, in dem Firmenchef Anderas Belzek eine veränderte Frontpartie für die Sportvariante BMW M4 vorstellt. Da werden aus der wuchtigen Doppelniere zwei flache Nierchen, wie man sie seit Jahren kennt. Ob der Umbausatz auf den Markt kommen wird, steht noch nicht fest.

BMW kann zufrieden sein, denn es wird jetzt über das Auto und sein Design gesprochen. So werden sich die Marketingleute die Diskussion schönreden. Tatsächlich sollten sie alarmiert sein. Denn die Optik eines Autos wirkt ja nicht nur im Verkaufsraum eines Autohändlers, sondern vor allem später auf der Straße. Wohin soll es führen, wenn Autos ganz gezielt besonders aufdringlich, anmaßend und aggressiv gestaltet werden? Erst vor wenigen Wochen veröffentlichte der Verband der Versicherungswirtschaft die Studie »Verkehrsklima 2020«. Zentrale Erkenntnis: Die Aggressivität im Straßenverkehr nimmt weiter zu. Womöglich auch deshalb, weil schon die Optik vieler Autos – bullig wie Panzerwagen, Scheiben wie Schießscharten, Frontpartien wie Fratzen – ganz klar symbolisiert: meine Vorfahrt first!

Für welche Zukunft gestalten BMW-Designer?

Autodesigner, so heißt es häufig, lebten beruflich stets ein paar Jahre in der Zukunft. Wenn das zutrifft – welche Zukunft hatten die BMW-Kreativen vor Augen, als sie die neuen, riesenhaften Nieren ausheckten? Ganz sicher keine, in der Autos nicht mehr automatisch die Hauptrolle auf den Straßen spielen. Dabei deutet vieles gerade darauf hin: Nämlich dass es auf den Straßen, vor allem in Städten und Dörfern, künftig sehr viel kooperativer und rücksichtsvoller zugehen muss, wenn der Verkehrsfluss, die Sicherheit und der Klimaschutz verbessert werden sollen. Eine schöne Vision? Vielleicht. Aber eine, für die Designer allmählich eine Form entwickeln sollten. Einfach nur Nieren, Sterne oder andere Details aufzublasen, reicht jedenfalls nicht.