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13. Juni 2019, 04:46 Uhr

Dufttricks der Autoindustrie

Morgens riecht der Wagen nach Meer, abends nach Wüste

Von Fabian Hoberg

Zur Luftqualität in Städten tragen Autohersteller bestenfalls zögerlich bei. Viel motivierter wirken sie bei den Innenräumen der Fahrzeuge. Parfümeure und Kosmetikspezialisten überbieten sich.

An den ersten intensiven Geruch kann sie sich noch gut erinnern: Bergamotte. Blumig, warm, zitronig. Annabelle Kanzow-Coffinet wuchs in Fontainebleau auf, 50 Kilometer südlich von Paris. Für die Französin der ideale Ort: "Dort gibt es schöne Wälder, Blumen, viel Natur. Ideal für meine Nase", sagt sie.

Als Kind schnupperte sie unentwegt an Blumen und Kräutern. "Ich fing an, Düfte zu sammeln und sie zu lernen", sagt sie. Rund 30 Jahre später ist sie beim Autokonzern BMW für den Duft in Fahrzeugen zuständig. Düfte würden komponiert, sagt sie. Harmonische Zusammensetzungen seien sie, analog zu Geräuschen und Musik.

Während sich viele Autohersteller in den vergangenen Jahren mit ihrer Abgasreinigung schwertaten, verbesserten sie permanent die Luft in den Fahrzeugen. Zum einen mit Filtern, die Pollen und Feinstaub draußen halten, zum anderen mit zunehmend ausgefeilten Beduftungstechniken. Sie geben ihren Fahrzeugen Duftmarken, wie bei Kosmetik. So erkennen Verbraucher die Marke schon am Geruch.

"Menschen fühlen sich mit Düften wohler", sagt Duftforscher Hanns Hatt, Zellphysiologe an der Ruhr-Universität Bochum (RUB). Düfte würden aber sehr subjektiv bewertet. "Nicht jeder mag den gleichen Duft. Der Wunsch nach seinem individuellen Duft ist deshalb wichtig." Biologe und Mediziner Hatt gilt als Koryphäe im Bereich der Düfte und der Duftwahrnehmung.

Morgens riecht der Wagen nach Meer, abends nach Wüste

Das Riechen wird wichtiger, auch in Autos. BMW bietet für einige seiner Modelle vier verschiedene Düfte in zwei Stärken an, Mercedes vier. Zwei austauschbare Duftkartuschen sitzen bei BMW im Handschuhfach, bei Mercedes ist es ein wechselbarer Flakon.

Der Duft wird über ein mit Duftöl getränktes Vlies durch Lüftung und Klimaanlage in den Innenraum verströmt, die Duftintensität lässt sich variieren. Morgens kann der Wagen nach Meer riechen, abends nach Abenddämmerung in einer Wüste. Die Beduftung im BMW-Fahrzeug ist aber selbst in der höchsten der drei möglichen Stufen dezent. Denn der Charakter des Autos soll sich nicht verändern, es soll weiter nach Leder und neu riechen.

In den kleinen Innenräumen der Autos lassen sich Düfte einfacher verteilen als in großen Räumen, sie lassen sich auch leichter wechseln und entfernen. Dennoch sieht Hatt noch große Aufgaben für die Hersteller. "Ein anspruchsvolles Duftsystem muss von Passagieren individuell eingestellt werden können, Konzentration und Dauer müssen sich variieren lassen", sagt er. Menschen nehmen mit ihren rund 350 verschiedenen Rezeptoren Gerüche und Düfte unterschiedlich wahr. Männer und Frauen riechen zwar gleich, die Empfindlichkeit ist aber unterschiedlich ausgeprägt.

Duft-Know-how ist in der Autobranche zunehmend gefragt. Als Opel-Vertriebschefin pries Tina Müller das AirWellness-Aromasystem des Herstellers. Zuvor hatte sie bei L'Oréal, Wella und Henkel gearbeitet. Nach ihrem Engagement beim Autobauer wechselte sie 2017 wieder in die Beautybranche - als Chefin zu Deutschlands größter Parfümkette Douglas.

"Professionelles Riechen verlangt ähnlich viel Übung"

Annabelle Kanzow-Coffinet startete ihre Berufslaufbahn im Schönheitsbereich. Nach der Schule studierte sie ein Jahr lang Medizin und wechselte dann auf die Isipcar in Versailles, eine weltweit führende Schule in den Bereichen Duft, Kosmetik und Aroma. "Es hat mich interessiert, wie Düfte funktionieren und wie Menschen sie wahrnehmen", sagt die Französin.

Die Ausbildung zur Parfümeurin beinhaltet Fächer wie Biologie und Chemie sowie Geruchsbildung. "Professionelles Riechen verlangt ähnlich viel Übung, Ausdauer und Talent wie Musizieren oder das Erlernen einer Fremdsprache. Düfte sind nicht einfach zu unterscheiden", sagt Kanzow-Coffinet. Nach ihrem Studium arbeitete sie als Duftdesignerin in Südfrankreich und der Schweiz.

Seit sieben Jahren kümmert sie sich um den Innenraumduft von BMW-Fahrzeugen, speziell um die Beduftungsanlage von 5er bis 7er. Ideen und Trends sammelt sie über Monate in sogenannten Moodboards. Mit Designern und Ingenieuren legt sie fest, welche Stimmung die BMW-Fahrzeuge mit den Düften erzeugen sollen.

Warum Lavendel im Auto eher unpassend ist

Dazu erstellt sie ein Briefing und lässt sich von verschiedenen Elementen sowie Farben inspirieren, um eine Mixtur dann im Auto in mehreren Schleifen testen zu können. "Anschließend komponiere ich Düfte, suche die richtigen Parameter und die passende Balance für den Innenraum. Der Duft muss dezent und fast neutral sein, aber noch wahrnehmbar", sagt sie. Dazu müssen die Duftmoleküle volatil sein und sich nicht im Material ablagern. Schwere Düfte funktionierten daher nicht, ebenso wie bekannte Düfte. "Lavendel mögen zwar viele Menschen, der Geruch ist aber zu bekannt. Ein Autoduft muss unbefangen sein", sagt sie.

Eine Duftentwicklung dauert etwa zwei Jahre. "Die Komposition beruht zum größten Teil auf meinen Bewertungen. Ich muss meinem Instinkt folgen", sagt sie. Für den richtigen Riecher trainiert die Französin mehrmals pro Woche, schnuppert sich durch 200 verschiedene Duftproben. Ihr Lieblingsduft hat eine holzige, warme und würzige Note, wie Shiseido Feminite du noir, weil er sie an Küchengerüche erinnert. "Düfte haben immer mit Erinnerungen zu tun, deshalb sind sie für uns wichtig", sagt sie. Düfte gehen direkt ins limbische System, das zuständig für Emotionen ist, sowie in den Hippocampus, verantwortlich für die Erinnerung.

Autonome Autos müssen besonders gut duften

Riechen ist von der jeweiligen Kultur geprägt. Während im Mittleren Osten ein oft holzartiger Duft sehr stark am Körper hängt, beduften Chinesen weniger ihre Körper, dafür mehr Räume. Außerdem erwarten Chinesen von Düften einen Erfrischungseffekt. Fruchtige Noten riechen in China wegen der hohen Luftfeuchtigkeit anders als in Europa. Europa und die USA sind dagegen nicht so klar definiert.

In der Duftsensorik stecke noch viel Potenzial, sagt Professor Hatt: "Wir forschen derzeit an Düften, die wissenschaftlich nachweisbar eine bestimmte Wirkung zeigen. Mit ihnen können sich Personen entspannen oder ihre Konzentration steigern." Zudem bekommt der Innenraum bei autonom fahrenden Autos eine andere Wichtigkeit. "Dieser wird vermehrt zum Wohlfühlraum", sagt der Duftexperte.

Annabelle Kanzow-Coffinets erstes Auto, ein Renault Clio, roch lange synthetisch nach einem Neuwagen. Ein Geruch, der ihr immer noch in der Nase hängt, wenn sie ein solches Auto auf der Straße sieht - und den die Liebhaberin von Bergamotte so gar nicht vermisst.

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