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07. März 2011, 11:10 Uhr

Brooklands Race Circuit

Die Mutter aller Rennstrecken

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Ohne dieses Vorbild gäbe es womöglich weder den Nürburgring, noch irgendeine andere Rennstrecke. Denn erst seit ein patriotischer Brite vor mehr als hundert Jahren den Brooklands Racing Circuit anlegen ließ, rasen Autos und Motorräder auf geschlossenen Kursen um die Wette.

Tausende jubelten den tollkühnen Männern und ihren abenteuerlichen Knatterkisten zu - und weit und breit war kein Engländer in Sicht. Das muss den Briten Hugh Fortescue Locke-King schwer gewurmt haben. Derartige Begeisterung erlebte er während der Targa Florio auf Sizilien und auch beim Großen Preis von Frankreich. Die englische Abstinenz in den Anfangsjahren des Motorsports empfand Locke-King beinahe als Schmach, überraschend aber war sie nicht. Denn im Vereinigten Königreich galt noch bis 1930 ein Tempolimit von 20 Meilen pro Stunde (32 km/h) auf öffentlichen Straßen. An Raserei auch auf abgesperrten Strecken war also nicht zu denken.

Auf dem Rückweg von Italien, so heißt es, habe Locke-King eine damals bahnbrechende Idee entwickelt: Wenn auf öffentlichen Straßen so strenge Limits gelten, müsste man eben auf Privatstraßen ausweichen. Und weil er selbst nicht nur wohlhabend war, sondern auch genügend Land besaß, begann er auf seinen Latifundien nahe der Stadt Weybridge, etwa 30 Kilometer südwestlich von London, noch im selben Jahr mit dem Bau der ersten Rennstrecke der Welt. Benannt nach dem Wohnsitz seiner Familie, wurde der Brooklands Racing Circuit im Jahr darauf eröffnet, am 17. Juni 1907.

Weil es Locke-King vor allem um Testfahrten und Rennen bei Höchstgeschwindigkeit ging, hat er einen aufwändigen Kurs bauen lassen: Er ließ zu Spitzenzeiten 2000 Arbeiter Bahngleise verlegen, ein halbes Dutzend Lokomotiven rangieren und abertausende Tonnen Material heranschaffen, einen Fluss umleiten, Brücken bauen und Wälder roden, um schließlich ein 5,2 Kilometer langes Beton-Oval samt zweier Steilkurven in die Landschaft zu bauen. Dazu gab es eine Boxenanlage samt Clubhaus, Tribünen für 5000 Zuschauer und Platz für etwa 250.000 Stehplätze.

Die Raserei in Brooklands begann bereits vor dem offiziellen Eröffnungsrennen am 6. Juli 1907. Kaum war der Beton trocken, startete Ende Juni 1907 der Engländer Selwyn Edge zu einer Rekordfahrt über 24 Stunden. Im ganzen Land diskutierten die Zeitungen, ob Mensch und Maschine solche Strapazen überhaupt aushalten würden - der neuen Kurs wurde schlagartig bekannt. Die Publicity schwoll noch mehr an, als Edge in einem Napier 60 PS tatsächlich durchhielt an einem Tag exakt 2531 Kilometer abspulte, was einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 107,87 km/h entsprach. Es war der Auftakt für hunderte weiterer Bestleistungen. So erreichte Mercedes-Werksfahrer Victor Héméry im November 1909 in einem Blitzen Benz auf dem Brooklands-Oval eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 205,7 km/h. Das war nicht nur ein neuer Landgeschwindigkeitsrekord, sondern abermals die perfekte Reklame für Brooklands.

Ab 1914 wurde Brooklands zu einer Art Luftwaffenstützpunkt

Mit Beginn des Ersten Weltkrieges wurden die Rennen in Brooklands gestoppt. Locke-King stellte das Gelände noch 1914 für die Landesverteidigung zur Verfügung. Kurz darauf entstand in Brooklands das erste Aerodrom des Landes. Statt Autos wurden jetzt Flugzeuge getestet, und ab 1915 auch gleich vor Ort produziert.

Ab 1929 wurde der Rennbetrieb wieder aufgenommen. Mit Racern, die Auto- und Luftfahrtgeschichte verbanden - zum Beispiel der "Chitty Chitty Bang Bang" des Grafen Louis Vorow Zborowski. Er ließ auf ein Mercedes-Vorkriegs-Chassis einen Maybach-Flugmotor mit rund 23 Liter Hubraum und etwa 300 PS montieren, und der Bolide erzielte mit infernalischem Getöse sogleich einen neuen Rundenrekord. Autos mit Flugzeugmotoren kamen groß in Mode und gipfelten in der Aluzigarre vom Typ Napier-Railton mit zwölf Zylindern, fast 24 Litern Hubraum und 500 PS. Auf dem Geschoss erreichte John Cobb 1934 mit 230,84 km/h eine Rekordgeschwindigkeit, die in Brooklands nicht mehr übertroffen werden sollte. Zu dieser Zeit waren die Autos bereits besser als die Strecke. Bei hohen Geschwindigkeiten hatten die Fahrer selbst in den Steilkurven Mühe, ihre Wagen auf der Piste zu halten.

Heute rollen in Brooklands Fahranfänger die ersten Meter mit dem Auto

Während des Zweiten Weltkriegs wurde Brooklands stark beschädigt, und alle Hoffnungen auf einen Wiederaufbau zerplatzten, als der Flugzeugbauer Vickers das gesamte Areal 1946 übernahm, Teile des Ovals abbaute und die Region zum Herzen der britischen Luftfahrtindustrie macht. Es entstanden in den dortigen Fabriken, die später unter dem Namen British Aerospace zusammengeführt wurden - rund 18.000 Flugzeuge, bis 1987 die Werke schlossen.

Die mittlerweile unter Denkmalschutz gestellte Originalstrecke existiert nur noch in Teilen. Motorenlärm aber dröhnt noch immer in Brooklands, denn es gibt hier ein recht aktives Museum, das mit vielen Exponaten die Erinnerung an Auto- und Motorrad-Rennen sowie an die Luftfahrtgeschichte am Leben hält. Und mitten im alten Oval hat Mercedes ein Marken-Center und eine neue Teststrecke gebaut. Es fahren dort allerdings keine Rennfahrer, sondern Neukunden in Vorführwagen oder Fahranfänger in Begleitung ihre Fahrlehrer. Einen solchen hätte vor mehr als 100 Jahren auch der damalige Hausherr Locke-King gebraucht. Denn der Erbauer der ersten Rennstrecke der Welt hatte zeitlebens keinen Führerschein.

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