Buch "Off the Road" Hin und weg, weg, weg

Rein ins Auto, raus in die Welt. Das Buch "Off the Road" stellt Menschen vor, die ihr Leben auf unbestimmte Zeit gegen ein Abenteuer auf Rädern tauschten. Abseits der üblichen Klischees. Und ganz anders als erwartet.

Jurgen Stroo

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Bitte nicht noch ein Buch über Aussteiger! Nicht noch ein Aufguss über hippe Mitdreißiger, die sich im vollrestaurierten Hochglanz-Bulli und mit Surfbrett auf dem Dach eine Auszeit vom stressigen Agenturalltag nehmen. Derartig verklärte Aussteigerromantik hat mit dem wahren Leben auf Rädern meist wenig zu tun. Erfrischend anders dagegen greift das Buch "Off the Road" vom Berliner Gestalten Verlag das Thema auf.

Schon beim ersten Durchblättern packt einen das Fernweh. Auf rauem Papier gedruckt, versetzen die großen, teilweise ganzseitigen Bilder den Betrachter in ferne Länder und abgelegene Regionen. Das auf Englisch verfasste Buch umfährt dabei bewusst typische Traveller-Klischees. "Es sollte eben nicht nur einer dieser Bildbände werden, der die schönsten Momente beim Kaffeekochen auf der Motorhaube zeigt", sagt Sven Ehmann, Kreativdirektor des Gestalten Verlags.

"Wir wollten vielmehr einen offenen Zugang zum Thema Autoreisen schaffen und Lust darauf machen." Und das ist den Autoren gelungen. Auch deshalb, weil man es wie einen Ratgeber lesen kann. Auf den ersten der insgesamt 262 Seiten geht es los wie bei einer echten Reise: nämlich mit dem Packen.

Das muss unbedingt in den Kofferraum

Das Thema wird mit bunt illustrierten Packlisten für die unterschiedlichsten Trips und Gegenden angegangen. Logisch, dass Schlafsack oder Taschenlampe nie fehlen dürfen. Aber manchmal sind auch Dinge wie ein Wasserfilter, ein GPS-Gerät oder ein Anker für die Seilwinde, der sich in den Boden krallt, falls mal kein Baum in der Nähe ist, unbedingt zu empfehlen. Es gibt auch spezielle Zusammenstellungen für Reisen in Polarregionen oder die Wüste. Jedenfalls wird die Reiselust geweckt. Und dann geht es los.

Insgesamt 27 Protagonisten schildern in dem Band die Geschichte ihres Roadtrips. Warum sind sie überhaupt losgefahren? Welche Pannen und Probleme galt es zu meistern? Was war eigentlich das Ziel?

Luis und Lacey wollten mit ihrem Toyota Land Cruiser Baujahr 1987 ursprünglich innerhalb eines Jahres aus den USA bis nach Ushuaia, der südlichsten Stadt Argentiniens, und wieder zurück reisen. Sie waren viereinhalb Jahre unterwegs, in denen sie 300.000 Kilometer durch 17 Länder in Zentral- und Südamerika zurücklegten. Essen und Unterkünfte erhielten die beiden im Austausch zu ehrenamtlich geleisteter Arbeit, mal als Kellner, mal als Reisebegleiter, mal als Hotelgehilfen.

Länder, Leute und Fahrzeuge aller Art

Nicht nur die Storys, auch die Fotos stammen von den Reisenden selbst. Dadurch ändert sich mit jeder Geschichte auch die Bildsprache, die Perspektive und vor allem - man ist mittendrin im Geschehen. Auch die Autos kommen nicht zu kurz. Jeder Reisebericht endet mit einem Steckbrief zum Auto oder Motorrad. Dazu gibt es, als Einsprengsel zwischen den Reisegeschichten, Texte zu besonders innovativen Leichtbaufahrzeugen oder Off-Road-Wohnwagen. "Wir wollten die Menschen und die Autos gleichermaßen in den Fokus rücken", sagt Ehmann. "Das Buch soll reisebegeisterte Leser ebenso ansprechen wie diejenigen, die sich für die Fahrzeuge interessieren."

Würdigung der besten Offroad-Fahrzeuge im Buch
Gestalten 2016

Würdigung der besten Offroad-Fahrzeuge im Buch

Das gelingt nicht zuletzt durch die in regelmäßigen Abständen eingebetteten Seiten unter dem Titel "Hall of Fame". Es handelt sich um kurze Würdigungen der wichtigsten und berühmtesten Reisefahrzeuge und Allradikonen. Einen krassen Gegensatz dazu bietet die Story von Jurgen Stroo, der sich in einem Mercedes W123 aus dem Baujahr 1983 auf den Weg machte. Außer einer stärkeren Federung und einem Dachzelt hatte Stroo an dem Fahrzeug nichts verändert. In dem senfgelben Oldie mit einem Drei-Liter-Dieselmotor und 88 PS Leistung, der inzwischen 225.000 Kilometern auf dem Zähler hatte, durchquerte Stroo mehr als 40 Länder und kurvte durch die Alpen, durch Russland und durch Afrika.

Im BMW M Coupé 5000 Kilometer durch Kanada

Zur Weltreise taugt aber auch ein Chevrolet Viking Bus, Jahrgang 1959 mit marokkanischem Interieur, Sofas, Stromversorgung und Platz für bis zu 13 Leute. Und die Kumpel Mark und Ryan berichten von ihrer Extremreise durch Kanada in einem BMW Z3 M Coupé mit 333 PS Leistung und Heckantrieb. Ausgerüstet mit Winterreifen, einem übergroßen Dachgepäckträger und einem Bierkühler legten die beiden einen 5000-Kilometer-Trip hin. "Man braucht nicht unbedingt ein hochgerüstetes und vollausgestattetes Allradfahrzeug", sagt Buchmacher Ehmann.

Insofern ist "Off the Road" ein Entdeckungsbuch in mehrfacher Hinsicht. Es präsentiert ferne, abgelegene Gegenden; stellt höchst unterschiedliche Menschen und ihre persönliche Reisebegeisterung vor; und es zeigt Fahrzeuge, die man sich nicht im Traum als Hardcore-Roadtrip-Vehikel vorgestellt hätte. "Die Sehnsucht, die man mit sich herumträgt, war auch die Triebfeder für das Buch", sagt Ehmann. Legt man den Band zur Seite, greift man fast unwillkürlich in die Tasche und klimpert mit dem Fahrzeugschlüssel. Wie wäre es, jetzt rasch zu packen und loszufahren...

Gestalten Verlag (Hg.): "Off the Road, Explorers, Vans an Life Off the Beaten Track", 262 Seiten, 35 Euro.



insgesamt 9 Beiträge
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mol1969 24.06.2016
1.
Würde ich sofort kaufen, wenn es eine deutschsprachige Ausgabe gäbe. Nicht, dass ich kein Englisch kann, aber da muss man schon extrem interessiert sein, um sich ein fremdsprachiges Buch anzutun.
r2snth 24.06.2016
2.
Wieso in der Ferne schweifen? Ich bin einmal ca.8 Wochen in Europa (BRD, Österreich, Italien, Schweiz, Frankreich, Spanien und wieder zurück) unterwegs gewesen. (14 Campingplätze, 7200 Kilometer).Unter anderen quer durch die Alpen und 2x der länge nach durch die Pyrenäen. Und das alleine, nur mit meinem Pudel in einem Fiat Uno mit 75 PS. Bis auf einen Platten hatte ich mit dem Wagen keine Probleme. Gesehen habe ich viel.Auch Bergtouren gemacht, im Auto geschlafen, im Atlantik und Mittelmeer gebadet. Und andere freie Menschen getroffen die auch ohne Top Ausrüstung und ohne Aufmerksamkeit heischend längere Zeit durch die Lande ziehen.
wanderer777 24.06.2016
3. Und doch wieder Betrug am Leser
Es ist doch immer das selbe -in KEINEM "Auswander-Buch" findet man wirklich Berichte und Angaben darüber, welche Behördlichen Hürden zu nehmen sind, welche Quarantänevorschriften einzuhalten sind, wie es die Leute schaffen, sich mit einem popeligen Touristenvisa dort ein halbes Jahr oder mehr aufzuhalten. Etwa illegal?? Eigenes Auto mitbringen -schon mal was von Quarantäne gehört? Für mich ist so etwas Schönfärberei oder Betrug. Und eben DOCH nur billige Auswanderer-Romantik. Gibt es endlich mal irgendwann einen realistischen Bericht darüber?
Prinzen Paule 24.06.2016
4. Zum 50. ....
Geht's in 2 Jahren im Januar zum Nordkap! Im Sommer kenne ich es schon :-)
fdohmann 24.06.2016
5. Around the World in 700000 KM ...
Automobile produziert bis 1984 im Unterschied zu den heutigen Wegwerfmobilen halten einfach länger und sind in der Wartung oft selber zu bedienen. Hier ist die Geschichte eines 40zig jährigen Merzedes AMGs mit über 700000 Kilometer und immer noch täglich auf der Rolle. http://allbeaufort.com/letters/baron1.html
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