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Elektro-Minimobil CarrE: Man steht sofort drauf

Foto: Tom Grünweg

Elektro-Minimobil CarrE Lass rollen, Roboter

Das Geschäft mit Elektro-Minimobilen boomt. Ein Mitarbeiter bei Ford hat jetzt ein neues Modell vorgestellt: Man kann selbst darauf fahren, es per Smartphone steuern oder sich den Koffer tragen lassen.

Wenn Kilian Vas über einen Parkplatz schlendert, sind ihm die neugierigen Blicke der Passanten sicher. So wie anderen Spaziergängern bisweilen ein Hund folgt, ist dem Ford-Ingenieur ein Roboter von der Größe einer Sahnetorte auf den Fersen. Besonders viel Aufmerksamkeit bekommt der junge Mann, wenn er zu faul zum Schleppen ist: Dann lässt er sich von dem Kleinst-Ufo auf Rädern nämlich seine Tasche tragen.

Was ihm da an einer virtuellen Leine auf Schritt und Tritt folgt, ist ein ziemlich ernst gemeintes Entwicklungsprojekt, das aus einem Ideenwettbewerb seines Arbeitgebers Ford hervorgegangen ist. Die Innenstädte werden immer voller, die Bevölkerung immer älter. Viele Fahrzeughersteller machen sich deswegen Gedanken, wie man die sogenannte letzte Meile überbrücken kann - also auch dort ans Ziel kommt, wo man mit dem Auto nicht mehr fahren will, kann oder darf.

CarrE - so nennt Vas das Gerät, das entfernt an einen Rasenmäher-Roboter erinnert. Auf der Plattform kann man nicht nur Lasten transportieren, sondern auch selbst aufsteigen und sich im gehobenen Schritttempo durch die Stadt chauffieren lassen, erläutert der Ingenieur. Eigentlich beschäftigt sich Vas mit der Entwicklung von Fahrzeuginnenräumen, CarrE hat er sich eher nebenbei ausgedacht.

Strom für bis zu 15 Kilometer

Ganz neu ist die Idee nicht. Schon länger erobern elektrische Monocycles, Hoverboards, elektrische Skateboards und allerlei andere Geräte an der Nahtstelle zwischen Spiel- und Fahrzeug die Bürgersteige. Doch Vas hat die Idee gleich in mehrerlei Hinsicht weitergedacht.

Er hat zum Beispiel drei verschiedene Fahrmodi programmiert: Auf CarrE kann man entweder selbst fahren, das Gerät wie eine Drohne auf Rädern mit dem Smartphone fernsteuern oder es eben wie einen elektronischen Lastesel automatisch hinter sich herziehen. Und man muss kein Balance-Künstler sein, um sich auf CarrE fortzubewegen, wie in diesem Video zu sehen ist:

Tom Grünweg

"Man soll auf Anhieb Vertrauen haben zu dem Gerät und nicht lange nach dem Gleichgewicht suchen müssen", erklärt Vas die kreisrunde Form und die beiden karbongefederten Stützräder, die er zusätzlich zu den beiden elektrischen Antriebsrädern unter den Boden geschraubt hat.

Die Form hat aber noch einen weiteren Vorteil: "CarrE passt genau in die Mulde für das Reserverad und könnte deshalb ohne große Umbauten in jedem Fahrzeug integriert werden", sagt Vas und lupft den Prototypen aus dem Kofferraum seines Dienstwagens.

Obwohl CarrE gerade mal zehn Kilo wiegt, steckt jede Menge Technik in dem Roboter: Er hat zwei Elektromotoren mit jeweils einem halben PS, die gut sind für knapp 20 km/h, einen Akku, der nach 35 Minuten Ladezeit Strom für bis zu 15 Kilometer liefert, Scheinwerfer und Rückleuchten in LED-Technik sowie ein Dutzend Sensoren, mit denen die Fahrt gesteuert wird.

Ruck, zuck über die Bodenwellen

Das geht wie bei fast allen elektrifizierten Minimalmobilen mit Gewichtsverlagerung: Sobald man auf der Tripplatte steht, schaltet der LED-Ring auf grün und die Fahrt kann beginnen. Stellt man sich ein bisschen auf die Zehenspitzen, surrt CarrE nach vorn. Verlagert man das Gewicht auf die Fersen, wird die Fuhre langsamer, und wenn man die Knie ein bisschen zur Seite drückt, fährt das Gerät um die Kurve.

Auf den ersten Metern ist das gewöhnungsbedürftig. Und je schlechter der Untergrund, desto wackeliger fühlt sich das an. Doch wer schon einmal auf Skiern oder Rollschuhen gestanden hat, der kommt damit sehr schnell zurecht und rumpelt damit ruck, zuck auch über Bordsteinrampen, Bodenwellen, einen Schotterpfad oder zur Not auch mal über eine Wiese. Nur bei größeren Unebenheiten und natürlich bei Treppen streikt der elektrische Lastesel.

Nicht nur beim Fahren selbst überrascht CarrE mit einem ungewöhnlichen Reifegrad, der so gar nicht zu der nur neun Monate kurzen Konzeptphase und den drei Monaten Bauzeit passen will. Auch Details wie die aus Ford Focus und Co. entlehnten Parksensoren, mit denen CarrE vor Hindernissen anhält, oder der Diebstahlschutz, der Alarm schlägt, wenn jemand hinter dem Rücken des Besitzers die Ladung lupft, schüren die Hoffnung, dass es der kleine Freund in Serie schafft.

Teurer als ein Hoverboard, billiger als ein E-Bike

Bevor das gelingen kann, muss Vas erst einmal seine Chefs überzeugen, dass es weltweit einen Markt gibt für ein Gerät, das mehr kosten wird als ein normales Hoverboard, aber weniger als ein E-Bike und deshalb wahrscheinlich am Ende bei einem Preis von knapp 1000 Euro landet. Und Ford muss einen Weg finden, wie CarrE möglichst schnell in Produktion gehen kann, bevor der Aha-Effekt wieder verpufft ist.

Einen ersten Erfolg hat der Tüftler auf diesem Weg schon erzielt: Bei einer international besetzten Erfinder-Olympiade in der Ford-Zentrale in Detroit hat es zwar nur für den zweiten Platz gereicht. Doch der Entwicklungschef Raj Nair war von CarrE so angetan, dass er kaum mehr absteigen wollte, freut sich Vas.

Jetzt muss er nur weiter fleißig Klinken putzen im Unternehmen, Erbsenzähler überzeugen und Bedenkenträger begeistern. Schwerfallen dürfte ihm das nicht. Wahrscheinlich reicht es, wenn er zur richtigen Zeit über die richtigen Parkplätze spaziert.