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Carsharing im Alltagstest: Herr über Hunderte Autos?

Carsharing im Alltagstest Teile und eile

Kaum Verpflichtung, aber volles Fahrvergnügen, das versprechen Carsharing-Anbieter wie Car2Go, Drive Now und Multicity. Aber fühlt man sich wirklich befreit - oder doch durch die Autosuche gestresst? Ein Erfahrungsbericht.

Mein erstes Auto gehörte meiner Mutter. Das zweite meinem Vater. Dann überließ mir ein Freund seinen alten Mercedes Strich Achter für die letzten Monate bis zum TÜV-Termin. Danach profitierte ich eine ganze Weile von der Großzügigkeit meines Bruders, der sein Auto nur selten brauchte. Im Rückblick lebte es sich damals nicht schlecht - auch ohne eigenes Auto.

Dieser Gedanke ging mir spontan wieder durch den Kopf, als ich jüngst die Werkstattrechnung für meinen Kombi in der Hand hielt. Knapp 650 Euro für die hinteren Bremsen, weil Beläge und Bremsscheiben fällig waren. Früher haben wir uns solche Rechnungen geteilt. Wieso nur brauche ich ein eigenes Auto? Zumal in einer so gut vernetzten Stadt wie Berlin?

Die Alternativen stehen dort in großer Zahl auf der Straße. Sie heißen Car2Go, DriveNow oder Multicity. Smarts, Minis als Zweitürer, Kombis und sogar als Cabrio, 1er BMWs oder ein C-Zero von Citroën mit Elektroantrieb. Sind sie eine Alternative zum eigenen Auto? Fühlt man sich wirklich wie ein Herrscher über Hunderte Fahrzeuge - oder wie ein armer Gucker, der ständig nach einem fahrbaren Untersatz sucht?

Damit mir das nicht passiert, melde ich mich bei allen drei Anbietern an, die eine Spontanmiete am Bordstein ermöglichen und eine ausreichende Fahrzeugdichte garantieren: DriveNow, Car2Go und Multicity. Danach bin ich - zumindest theoretisch - Teilzeitbesitzer von 1800 Autos.

Regelmäßige Stressmomente

Nicht nur wegen der Flottengröße klingt das Angebot vielversprechend: Bis auf die Anmeldegebühr fallen keinerlei Festkosten an, man zahlt nur, wenn man fährt. Die Fahrten rechnen alle drei Anbieter nach Minuten ab, pro Stunde ergibt sich ein Preis zwischen 12 und 15 Euro.

Echte Krämerseelen könnten in dem dichten Tarifdschungel wahrscheinlich noch etliche kleine Rabattmöglichkeiten aufstöbern. Doch das macht das Leben im Alltag nur unnötig kompliziert. Zum Zuge kommen soll der Wagen, der am nächsten steht. Abgerechnet wird am Ende des Monats.

Die Anmeldung geht bei allen drei Anbietern überraschend unkompliziert über die Bühne. Bei Drive Now hätte ich eigentlich das Datenblatt auf der Internetseite ausgefüllt haben sollen, aber am Sixt-Schalter ist das kein Problem. Die Formalitäten sind binnen Minuten erledigt.

Vor der ersten Fahrt steht ein kleiner Fußmarsch. Die Smartphone-App lokalisiert den nächsten Mini in 458 Meter Entfernung. Die App zählt in einer Art Countdown 15 Minuten herunter, die der Wagen nach der Buchung reserviert ist. Das Gimmick hat eine ungemütliche Wirkung: Ich gehe schneller als sonst und gerate - zumindest gefühlt - in Zeitnot, weil ich das Auto nicht gleich finde.

Wo zum Teufel steht das Cabrio?

Ein anderes Mal steht eine Fahrt nach Spandau an. In diesem Fall schlägt das Auto klar die S-Bahn, die rund eine dreiviertel Stunde länger brauchen würde. Den Zeitvorteil verspiele ich zum Teil wieder, weil ich bei strahlendem Sonnenschein ein Cabrio fahren will und keins in der Nähe ist. Also nehme ich erst mal den Smart, der in 200 Metern Entfernung steht.

Ich habe die Hoffnung auf ein Cabrio nicht aufgegeben, weswegen ich auf dem Weg nach Spandau den Drive-Now-Radar aktiviere. Und tatsächlich - die App ortet einen offenen Mini, der - naja - so ungefähr auf meinem Weg liegt. Der fliegende Autowechsel ist schnell erledigt. Hier wie dort öffnet man die Tür über ein Kartenlesegerät an der Frontscheibe und gibt anschließend einen PIN-Code ein. Zwei Minuten später kann ich meine Fahrt unter freiem Himmel fortsetzen.

In diesen Momenten ist sie am greifbarsten, die Freiheit, die die neuen Mobilitätsdienstleister versprechen. Von der Gewissheit eines stets bereitstehenden Autos vor der Tür verabschiedet man sich allerdings am besten gleich. Morgens zur Arbeit wollen eben auch viele der anderen Gelegenheitsmieter. Und wenn sie abends ausgehen, ist zumindest für den Hinweg der Minuten-Mietwagen das Maß der Dinge. Die Bewegungen lassen sich mit "Carfindern" der Apps gut beobachten.

Stress gehört leider dazu

Der morgendliche Run auf die Autos setzt mich besonders mittwochs und donnerstags unter Stress, wenn ich meinen Sohn auf dem Weg zur Arbeit an der Schule absetze. Meist sind wir an diesen Tagen spät dran, und der Kleine hat in der Regel keine Lust, weit zu laufen. Immer wieder sind die Autos von Multicity und DriveNow weiter entfernt als die Schule, oder sie stehen in der anderen Richtung. In meiner Verzweiflung habe ich den Sohnemann im Foyer unseres Hauses geparkt und den Wagen alleine geholt.

Auch unser samstäglicher Einkaufsbummel gestaltet sich sperrig. Ganz in der Nähe des KaDeWe stellen wir unseren Car2Go-Smart ab. Am liebsten würden wir ihn reservieren, um nachher nicht, mit Tüten bepackt, ein anderes Auto suchen zu müssen. Aber das kostet zehn Cent pro Minute und würde mit ziemlicher Sicherheit dazu führen, dass wir nicht entspannt einkaufen, sondern uns beeilen. Also riskieren wir es ohne Reservierung - der Tag endet mit einer U-Bahnfahrt nach Hause.

Am späteren Abend begegnen wir in Prenzlauer Berg zufällig einem der Drive-Now-Techniker, der gerade mit einem Mini Cooper beschäftigt ist, der sich offensichtlich nicht mehr abstellen ließ. Eine knappe halbe Stunde dürfte der Motor wohl gelaufen sein, denn der Mann kam extra dafür aus Wilmersdorf. Zusammen mit einem Kollegen betreut er die gesamte Flotte, ein weiterer übernimmt die Nachtschicht. Im Allgemeinen sei das Pensum leicht zu bewältigen, sagt er, während er ein kleines Kästchen mit den Servicestecker verbindet. "Die Leute gehen recht ordentlich mit den Autos um."

"Keine Verbindung zum Server"

Mir spielt die Technik allerdings wenige Tage später in einem Car2Go-Smart einen Streich: Das Lesegerät an der Windschutzscheibe verweigert die Beendigung der Miete, weil "die Verbindung zum Server nicht besteht". Erst nach wiederholtem Cruisen um den Block nimmt es die Karte an. "Wir kennen das Phänomen", räumt Car2Go-Sprecher Andreas Leo ein. "Ursache ist ein schlechter Empfang über das Mobilfunknetz." Das sei aber bislang sehr selten vorgekommen.

Die Bilanz nach vier Wochen? Als Ersatz für den eigenen Wagen taugen Car2Go und Co nur bedingt, schon allein, weil ihre Nutzung auf Berlin beschränkt ist. Im Stadtgebiet spielen sie jedoch ihren Vorteil gekonnt aus. Alle gefahrenen Autos sind in gutem Zustand und sauber. Abzuwarten bleibt, ob sich die Mängel häufen, wenn die Flotten älter werden.

Über weite Strecken des Tages steht immer ein Auto in erreichbarer Nähe. Die Minis findet man dabei gefühlt genauso oft wie die Smarts, obwohl es nur halb so viele davon gibt. Der C-Zero ist erwartungsgemäß seltener zu finden. Schwierig wird es in den Stoßzeiten, umso mehr, wenn es regnet. Dann sind die Mietautos schnell ausgebucht. Für die Fahrt zu wichtigen Terminen oder abends ins Theater käme dann nur noch ein Taxi in Frage.

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