Citroën HZ Wellblech-Hütte auf vier Rädern

Probier's mal mit Laisser-faire: Schon mit entspannten 35 PS und einem charmanten Minimaldesign kann man die Herzen von Autofahrern erobern. Das bewies Citroën mit dem anspruchslosen Transporter HZ - der automobilen Entsprechung einer Junkers 52.
Von Dirk Maxeiner

Das liebste Forschungsobjekt des Mediziners Iwan Petrowitsch Pawlow waren Hunde. Bei seinen Experimenten stellte er fest, dass ein Hund nicht erst beim Fressen Speichel produziert, sondern bereits beim Anblick der Nahrung. Das nennt sich Konditionierung. Und die funktioniert nicht nur bei Vierbeinern, sondern auch bei Zweibeinern. Der Citroën HZ repräsentiert gewissermaßen die Gourmet-Variante des Pawlowschen Experimentes. Kaum taucht diese fahrbare Wellblechhütte auf einem Wochen- oder Jahrmarkt auf, löst das die Produktion von Verdauungssäften aus und dem Gehirn wird mitgeteilt: "Au fein, heute gibt es Crêpes." Die Frage ist eigentlich nur noch: Crêpe Suzette mit Orangenmarmelade oder eine flambierte Crêpe quarts de plaisir? Frankreichs Volkstransporter verströmt den unwiderstehlichen Duft von Feinkost. Das unterscheidet ihn grundsätzlich von sonstigen betagten Transportfahrzeugen, bei denen der moderne Mensch eher an Feinstaub denkt.

Bei unserer Tour durch München sind wir gleichsam in eine Sympathiewolke aus flambiertem Orangenlikör eingehüllt. Junge Menschen fallen genauso vor uns auf die Knie wie nachwachsende Omis im besten Alter. Das ist die Generation Uschi Obermaier, deren Film-Biografie "Das wilde Leben" vergangenes Jahr in die Kinos kam. Die Obermaier oder die Getty-Sisters wären die Idealbesetzung für das 1,60 Meter breite Doppelbett im Heck unseres Citroën HZ (es handelt sich um eine Original-Wohnmobilversion).

Womit wir beim zweiten Grund für die freundliche Aufnahme zwischen Leopoldstraße und Allianz-Arena angelangt wären. Münchner Mädels, ein Hauch von Boheme, Schwabing, das Jahr 1968 - die Jeunesse dorée der Stadt gehörte zu den gelehrigsten Schülern französischer Lebensart. Es wurde Gitanes geraucht, Gainsbourg gehört, Sartre gelesen und 2 CV gefahren. Citroën hat es als einzige Automobilmarke geschafft, eine Faszination auf die linke Intelligenzia auszuüben. Unser Citroën HZ, nie restauriert und mit charmanter Patina, wirkt wie ein Kurierdienst aus jener Zeit, bis zum Rand bepackt mit Sehnsucht und Seelenheil. Während der Maiunruhen in Paris entstand der berühmte Slogan: "Unter dem Pflaster liegt der Strand". Der HZ ist die perfekte Symbiose aus Pflasterstrand und Wellblech.

Lässigkeit, Freude am Genuss, Savoir-vivre, Laisser-faire: Das Lebensgefühl jener Zeit feiert bei den Jungen und den Schönen von heute ein Comeback. Ein schickes neues Münchner Hotel heißt "La Maison" und verspricht "Bohemian Chic". Boutiquen firmieren unter Titeln wie "Le Bretagne", der beliebteste Name für den weiblichen Nachwuchs lautet Amélie. Im "Le Stollberg" kredenzt der Chef einfache Klassiker wie "gebratene französische Blutwurst mit Kartoffelpüree". Wo wir gerade dabei sind: Französische Metzger lieben den Citroën HZ übrigens mindestens so wie Blutwurst. Viele Jahrzehnte leistete er ihnen als rollende Kleinmetzgerei auf dem Lande treue Dienste. Womit wir beim kleinbürgerlichen Aspekt dieses Fahrzeuges wären.

Am Anfang seiner Konzeption stand nicht der Gedanke an ein fahrendes Lotterbett für Uschi Obermaier, sondern die Förderung von Frankreichs Handwerk und Handel. Die Pariser Regierung schrieb einen Wettbewerb für ein preiswertes, robustes, praktisches und möglichst wartungsfreies Transportfahrzeug aus. Die Supermärkte waren noch nicht erfunden, und die Versorgung des ländlichen Frankreich blieb dem ambulanten Gewerbe überlassen. Der HZ hatte also durchaus eine politische Mission: Er sollte das Leben für die Menschen ein bisschen leichter und ihre Welt ein bisschen besser machen (und dafür hat er vermutlich erheblich mehr getan als die 68er). Er war ein Held des Kleingewerbes und wurde zwischen 1947 und 1981 fast eine halbe Million Mal gebaut. Die Franzosen nennen ihn nach seinem Vorgänger (Traction Utilitaire série B) auch liebevoll "TUB", seine deutschen Fans "Dauerwelle".

Französische Techniker, Ingenieure und Architekten verfolgten mit ihrer Arbeit oft sozioökonomische Ziele. Dabei kamen neben dem Citroën HZ eine ganze Reihe legendäre und minimalistische Konstruktionen heraus, die ein gemeinsames geistigmoralisches Gerüst aufweisen. Nur zwei Beispiele: Ganz unten das berühmte "Velo-Solex"-Moped mit Frontantrieb(!). Es kostete kaum mehr als ein gutes Fahrrad und machte Krankenschwestern und kleine Angestellte, Bäuerin und den Bauern basismobil (Die Eroberung der akademischen Elite war lediglich ein ungeplanter Kollateralnutzen).

Hier werden eindeutig die richtigen Prioritäten gesetzt


Etwas darüber rangierte dann der Citroën 2 CV, der den unschätzbaren Vorteil eines Daches über dem Kopf bot. Es bestand aus Stoff und ließ sich ganz leicht zurückrollen. Das Lastenheft für den 2 CV war ziemlich übersichtlich: Vier Personen sollten damit trockenen Fußes und mit minimalen Treibstoff- und Wartungskosten transportiert werden. Der legendäre Citroën Boss Pierre Jules Boulanger bestand außerdem darauf, die Prototypen mit Hut zu besteigen, was in einer außergewöhnlichen Kopffreiheit mündete (mit aufgerolltem Dach ist sie sogar unbegrenzt). Und auch die schwingend-weiche Federung war eine Antwort auf eine konkrete Frage: Wie kriegt der Bauer seine rohen Eier heil zum nächsten Wochenmarkt?


Der Citroën HZ stellt die kommerzielle Großraumvariante dieser technischen Tradition dar. Wie der 2 CV (von dem er die Frontscheinwerfer geerbt hat) ist er ein Stück französische Nachkriegsgeschichte. Sein Wellblechkleid war meistens grau. Außer als Feuerwehr (rot), Polizeibus (blau) oder Ambulanz (weiß). Der Autor dieser Zeilen kennt alle genannten Varianten aus persönlicher Anschauung. Die Graue vom Trampen in Südfrankreich. Man teilte sich den Laderaum mit mehreren Ziegen, was ein sehr spezielles Geruchserlebnis darstellte. Die Rote von einem Waldbrand im Departement Landes, wo ganze Schwärme von HZ anrückten. Die Weiße von einem Unfall in Paris und dem anschließenden Transport ins Hospital. Der Sound der lustlosen Ambulanz-Sirene, die vergeblich gegen den Stau anhupte, wird ewig unvergessen bleiben. Es klang wie ein verzweifeltes Röcheln und passte hervorragend zum eigenen Gesundheitszustand. Schließlich die blaue Polizei-Variante. Nach einer Radarkontrolle bat der Monsieur Gendarme in das mobile Polizeirevier. Dort wartete ein regelrechtes Tribunal mit einer Schreibmaschine für das Protokoll und sehr ernsten Blicken. Es folgte die Aburteilung als Tagesbester.

Um solche Prüfungen zu bestehen, muss der Mensch eigentlich nur ein einziges französisches Wort beherrschen: "Ça va". Wer sich die Mühe macht und nachschlägt, wird als trockene Übersetzung finden. "Geht's gut?" oder auch "Wie geht's?" In Wirklichkeit ist in diesen beiden Kurzworten die gesamte Lebensauffassung unserer Nachbarn enthalten. Das Leben leicht nehmen, nur keine zu großen Anstrengungen machen - auch auf sprachlicher Ebene. Das Schöne an der Formel ist: Der Gesprächspartner wird einem nicht mit einem Wortschwall überfallen. Nein, er wird genauso "ça va" sagen, so als ob es sich um einen Geheim-Code handelt, um ein Lösungswort, mit dem man einen Freund erkennt.

Die Formel "ça va" genügt im Grunde auch um den Citroën HZ zu verstehen. Er ist gewissermaßen ein Ça-va-Mobil. Design? "Ça va": Wellblech. Das ist leicht, steif und billig. Und Wellblech hat was. In Minen- und Goldgräberstätten haben sie einst sogar herrschaftliche Villen aus Wellblech gebaut. Was damals aus der Not geboren wurde ist heute todschick. Genau wie der HZ. Wellblech diszipliniert außerdem den Gestaltungswillen: Würfel und Dreiecke mussten als Grundform genügen. Macht aber nichts: In einem Würfel ist sowieso am meisten Platz. Und für den Motor und die Passagiere gibt's vorne ein paar Dreiecke. Schräg verringert den Luftwiderstand.

So lautet zumindest ein Prinzip der gefühlten Aerodynamik (wie die JU 52 beweist, kann man damit sogar fliegen). Motor? "Ça va": Vier Zylinder und 36 Pferdestärken. Geht nie kaputt. Und wenn doch, dann lässt er sich nach Lösen von ein paar Schrauben wie eine Schublade nach vorne herausziehen. Getriebe? "Ça va": Drei unsynchronisierte Gänge und dazwischen Raum für ausgedehnte Nickerchen. Erster Gang bis 20 km/h, zweiter Gang bis etwa 40 km/h, danach Warten auf Godot. 90 bis 100 km/h sind aber drin. Komfort? "Ça va": Sitze mit Kunststoffbespannung auf Rohrgestell. Einstieg durch zwei nach vorne öffnende Selbstmörder-Türen. Während der Fahrt bitte geschlossen halten. Hinten drei Klappen und an der Seite eine Schiebetür.

Und die Wohnmobil-Ausstattung? "Oh, là, là!" Filigranes Schreinerhandwerk wie im feinsten Bootsbau. Dazu ein kleines Waschbecken aus richtigem Porzellan. Plüschig und opulent geblümte Polster. Hier werden eindeutig die richtigen Prioritäten gesetzt. Dafür muss man die Franzosen und den Citroën HZ einfach mögen. Wir hätten ihn während unserer München-Tour gleich mehrmals verkaufen können. Auf die Frage nach dem Preis gaben wir aber stets die gleiche Antwort: "Ça va."

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