Eine Marke wird 100 Die einen bauten Autos, Citroën schuf Kunst

Citroën feiert in diesen Wochen den 100. Geburtstag als Autohersteller. Bis heute zehrt die Marke von einem Avantgarde-Image, das vor allem auf das Modell DS zurückgeht. Eine Spurensuche bei Fans der Auto-Ikone.

Citroen

"Beim Einsteigen versanken zuerst die Füße im Teppich, dann der Körper in den Sitzpolstern." Ulrich Klauke, 62, Ingenieur und DS-Fahrer, erinnert sich noch lebhaft an seine Kindheit im Fond, nachdem sein Vater 1962 einen Citroën ID 19 gekauft hatte, die Sparversion der DS. "Bei diesem einfachen Modell war der Übergang zwischen dem Dach aus glasfaserverstärktem Kunststoff und der Metallkarosserie von innen nicht verblendet, sondern es gab eine umlaufende Rinne. Dort passten meine Spielzeugautos perfekt hinein." Ein automobiles Meisterwerk aus der Sicht eines Kindes.

Für Erwachsene, zumal solche, die sich für Autos interessierten, galt das ebenso - jedoch aus anderen Gründen. Als der Wagen 1955 auf dem Autosalon in Paris vorgestellt wurde, auf einer kreisrunden, weißen Bühne mit weißem Zaun darum herum, um den sich die Besucher drängten, sei das geradezu "eine Anbetung" gewesen, schreibt der Autodesignexperte Paolo Tumminelli. Unfassbare 12.000 Bestellungen für das Auto gingen am ersten Messetag bei Citroën ein, bis zum Ende des Autosalons wurden es rund 80.000. Das entsprach der kompletten Fahrzeugproduktion des Jahres 1955 von Ford in Deutschland, Pkw und Lastwagen zusammengerechnet.

Ein Auto als Versprechen auf eine bessere Zukunft

Warum diese Begeisterung? Weil Citroën nicht nur ein neues Automodell präsentierte, sondern zugleich ein Versprechen: auf eine bessere, fortschrittlichere, elegantere Zukunft. Das Design des Autos, ein Werk von Flamino Bertoni, ließ alle anderen Autos des Salons schlagartig alt aussehen. Die futuristische Optik war aber nicht nur Hülle, sondern Resultat der zukunftsweisenden Technik des Autos. Citroën-Chefentwickler André Lefèvre hatte den Wagen mit hydropneumatischer Federung, variabler Bodenfreiheit, Servolenkung und Halbautomatikgetriebe bestückt. Selten steckten in einem neuen Auto mehr Ideen und mehr Wille zur Veränderung als im Citroën DS.

Das Ereignis hallt bis heute nach im Markenimage von Citroën. Der französische Hersteller zehrt nach wie vor von der weitverbreiteten Einschätzung, er sei avantgardistischer, mutiger, experimenteller, kreativer als andere Autobauer. "Mit der DS war zweifellos der Höhepunkt der Kreativität bei Citroën erreicht", sagt Klauke. Markus Poweska, 48, Vertriebsfachmann und wie Klauke Mitglied im DS Club Deutschland e.V., ergänzt: "Die Innovationskraft, die das Auto noch immer ausstrahlt, die fehlt heute ein bisschen."

Wobei es natürlich nicht allein das Modell DS war, das den Ruf der Marke Citroën prägte, sondern auch Modelle wie der Traction Avant - das erste Serienauto mit Frontantrieb, der französische "Volkswagen" 2CV - hierzulande als "Ente" berühmt, oder das Happy-Hippie-Strandmobil Méhari mit unkaputtbarer Kunststoffkarosserie. Außerdem besaß Firmengründer André Citroën, der ursprünglich als Zahnradfabrikant begann, im Ersten Weltkrieg Granaten fertigte und ab 1919 den Automobilbau als Geschäftsgrundlage auserkor, ein außergewöhnliches Organisations- und Verkaufstalent.

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100 Jahre Citroën: Ewig modern

Er richtete beispielsweise ein Netz von Ersatzteillagern ein, um Reparaturen zu beschleunigen; er bot erstmals Neuwagen zum Ratenkauf an; er spendete 165.000 Straßenschilder in Frankreich mit dem Hinweis "Don de Citroën" (Gespendet von Citroën) und er zahlte seinen Beschäftigten - ein Novum in Europa - 1927 erstmals ein 13. Monatsgehalt. Zudem setzte er auf Reklame: Zwischen 1925 und 1934 etwa bildeten bei Nacht 250.000 Glühbirnen das Wort "Citroën" auf dem Eiffelturm.

Um die Autos zu konstruieren, umgab er sich mit begabten Ingenieuren. Schon das erste Modell 1919, der Typ A, wurde mit elektrischem Licht, elektrischem Anlasser und einem Ersatzrad ausgeliefert. Für diese Zeit ein erstaunliches Angebot. Ab 1925 baute Citroën die ersten Ganzstahlmodelle in Europa , ab 1932 die ersten Autos mit gummigelagerten Motoren, ab 1935 das erste Pkw-Modell mit Dieselmotor (ein halbes Jahr vor dem ersten Diesel-Pkw von Mercedes-Benz).

Doppelstrategie mit 2CV und DS

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs begann Citroën den Neuaufbau mit einer Doppelstrategie: 1948 wurde der 2 CV präsentiert, ein spartanisch-originelles Universal-Automobil für die Massenmobilisierung, der später als "Ente" zum Kultfahrzeug avancierte. Und 1955 eben der Citroën DS, die gehobene Limousine als Nachfolger des Traction Avant sowie als Beleg der noch immer herausragenden Innovationskraft des Unternehmens.

"Man sitzt ja tatsächlich wie in einem Raumschiff", sagt Klauke. "Die Windschutzscheibe mit den dünnen A-Säulen bietet einen Panorama-Ausblick, das Einspeichen-Lenkrad bricht mit allen Konventionen und wenn man die Fenster öffnet, wummert nichts und es entsteht auch kein unangenehmer Luftzug - die Aerodynamik ist einfach perfekt." Gleiches gilt für das Fahrverhalten, vor allem den Geradeauslauf. Denn der Citroën DS ist eines der wenigen Autos mit dem Lenkrollradius 0. Möglich wird das, weil die vorderen Scheibenbremsen nicht wie üblich in den Rädern platziert sind, sondern innen am Differenzialgetriebe. Der so gewonnene Platz in den Rädern macht die spezielle Achsgeometrie möglich, die wiederum zum Lenkrollradius 0 führt - mit dem Resultat, dass keinerlei Bremsmomente an die Räder übertragen werden. Anders gesagt: Der Wagen läuft stoisch geradeaus.

Rot oder grün - für DS-Fahrer ist das eine Grundsatzfrage

Gepaart mit der hydropneumatischen Federung ergibt dies das typische DS-Fahrgefühl: fliegender Teppich trifft Wolke sieben. Wobei die Hydropneumatik zugleich das größte Ärgernis des Wagens ist, denn zumindest anfangs ist die ambitionierte Technik alles andere als ausgereift. Befüllt war die Hydraulikanlage zunächst mit einer hygroskopischen (Feuchtigkeit anziehenden), rötlichen Flüssigkeit, die zum Verharzen neigte und gegenüber Gummidichtungen sehr aggressiv war. Häufige Pannen waren die Folge. Ab Modelljahr 1967 schwenkte Citroën auf eine jetzt grünliche, auf Mineralöl basierende Hydraulikflüssigkeit um. Damit waren die Probleme passé. Allerdings wurde nicht nur die Hydraulikflüssigkeit ausgetauscht, sondern das komplette System - alle Schläuche, Dichtungen, Manschetten - musste auf "grün" umgestellt werden.

Deshalb gilt die Rot-grün-Frage unter DS-Kennern nach wie vor als wesentliches Auswahlkriterium beim Autokauf. Wer sich für "grün" entscheidet, wird deutlich weniger Ärger mit Reparaturen haben. Wer jedoch "rot" wählt, sollte sich einerseits auf Schraubereinsätze einstellen, darf jedoch andererseits "auf ein nochmals geschmeidigeres Fahrerlebnis freuen", wie Claus Ton sagt, ein DS-Fan aus Holland, der sich seit mehr als vierzig Jahren mit den Eigenheiten dieses Automobils beschäftigt.

So oder so - das "Wunder DS" prägt das französische Unternehmen nach wie vor. Nicht zuletzt wurde das deutlich durch die Ausgründung der Marke DS, neben Opel, Peugeot und Citroën der vierte Autoanbieter im Sortiment des französischen PSA-Konzerns. Aktuell versucht DS, mit Elektrostudien und -Serienautos an die einstige Avantgarde-Ausrichtung anzuknüpfen.

Ganz gelingen kann das freilich nicht. Und das liegt nicht nur am Design. Unter einem DS-Elektroauto wird man wohl nie ein paar Tropfen Hydraulikflüssigkeit finden. Unter einer klassischen DS jedoch immer. "Sonst ist sie leer", wie DS-Experte Poweska sagt. In Fachkreisen wird die Inkontinenz des Autos selbstverständlich positiv gedeutet. Da heißt es dann: "Eine DS markiert ihr Revier."

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viellärmumnichts 23.06.2019
1. Unkenntnis
Wiedermal ein intellektueller Wohlfühl-Bericht, der den Technikstand ignoriert, weil ich in das Welt-Bild der Redaktion passt. Citroen war und ist ein Verfechter der Diesel-Technologie (neben den bösen Deutschen sind und waren alle französischen Autohersteller seit den 70ern hier federführrend). Schade eigentlich, denn Citroën/PSA haben hier einiges geleistet, um die überlegene Diesel-Technologie vom Transporter in den PKW zu überführen, deutlich vor den Deutschen mit Filter-Technologie. Auch die betagte Ente war Ende der 80er den modernen PKW voraus, schadstoffarm ohne Katalysator oder Umrüstung. Aber leider ist bei SPON der Diesel böse und deutsch, und die frankophile Haute Volaute Kundschaft darf nicht mit technischen Fakten gelangweilt werden. Traut Euren Lesern doch mal Eigenverantwortung zu, die können damit umgehen.
Elektricman 23.06.2019
2. Das Fahrwerk ist der Hammer...
Ich hatte mal einen Citroën Besitzer beim Reifenwechsel zugeschaut. Der hat einfach vier Kant Hölzer unter sein Auto gelegt. Dann gibt es einen Schalter, wo das Fahrwerk umgeschaltet werden kann. Die Räder gingen hoch und das Auto stand nur noch auf den Kant Hölzern. So lässt es sich doch viel leichter die Räder wechseln. Bei so einer Technik kann man sich den Wagenheber sparen. Winterreifenwechsel ist somit ein Kinderspiel. Auch können verschiedene Fahrweisen eingestellt werden. Wo im Gelände, härtere Stoßdämpfer mit höherem Fahrwerk gebraucht werden, das ist mit dieser Technik kein Problem. Der Fahrkomfort bei einer weichen Einstellung ist wesentlich besser wie bei Stahlfedern. Aber wie schon beschrieben, ist diese Technik auch wartungsanfällig. Vielleicht ist man in der heutigen Zeit besser geworden, aber der Kunde möchte doch lieber ein Auto haben, wo der Wartungsaufwand gering ist.
bfhoffmann 23.06.2019
3. Technik hui design pfui
Für mich stand Citroen immer für den ausgesprochenen Mut zur Hässlichkeit. Die Technik war immer spannend und Avantgarde aber das Design war einfach schrecklich aber, und dass muss man Citroen zu Gute halten, es hatte stets ein Gefühl von Logik und Konsequenz. Die US Hersteller bauen auch hässliche Autos aber da ist es deutlich ein Zeichen von Ideenlosigkeit und mangelndem Geschmack. Citroen war immer hässlich wie Picassos spätes Werk.
power.piefke 23.06.2019
4. Kunst?
wenn etwas extravagant aber eigentlich urhässlich ist, dann ist es halt Kunst. Siehe DS.
zia-zaruba 23.06.2019
5. Weiss ich noch,
als ich als Kind die DS sah. Die Blinker hinten zum Beispiel oder das Lenkrad. WOW. Auf dem Schulweg in Zuffenhausen stand sogar ein Citroen- Maserati. Daran erinnere ich mich noch sehr genau.
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