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13. März 2019, 05:29 Uhr

Concours d'Elegance in Amelia Island

Wo Amerikaner sich in deutsche Autos verlieben

Aus Amelia Island berichtet

Während US-Präsident Donald Trump gegen VW, BMW und Daimler wettert, feiern seine Landsleute in Florida deutsche Oldtimer. Mittendrin ein Dachdecker aus Niedersachsen mit seiner höchst seltenen "Banane".

Traugott Grundmann blickt sich um und staunt. "Dass wir hier dabei sein dürfen, kann ich kaum glauben," sagt der Dachdeckermeister aus Hessisch-Oldendorf und schüttelt den Kopf. Zwar ist Grundmann weit herumgekommen. Doch einen Auftrieb wie beim Concours d'Elegance auf Amelia Island hat der inzwischen über 70-jährige Sammler noch nicht gesehen: Mehr als 500 Oldtimer von der Motorkutsche bis zum Formelrennwagen erstrahlen auf dem Golfplatz in der Sonne Floridas. Sie machen das Treffen zum wichtigsten Klassikgipfel an der US-Ostküste.

In Amelia Island geht es noch fast nur ums Altmetall - anders als etwa beim Treffen in Pebble Beach (Kalifornien). Dort locken Shows Hunderttausende Gäste, und Neuwagen werden fast so wichtig genommen wie Oldtimer.

In Florida steht aber auch eine hochkarätige Oldtimerflotte, und deren Zusammensetzung ist in diesem Jahr nicht frei von Ironie. Denn während US-Präsident Donald Trump gegen deutsche Autos wettert, sind die Importmodelle in der absoluten Überzahl. Selbst VW haben die Veranstalter eine eigene Klasse (Preiskategorie) gewidmet - und damit auch Traugott Grundmann einen Grund für die Reise in die USA geliefert.

Grundmann lässt den Blick über den kurz gemähten Rasen schweifen und geht die Marken durch, die hier um die Gunst der Juroren buhlen: Rolls-Royce und Bentley, Packard und Porsche, BMW und Bugatti, Delahaye und Cadillac, Maybach und Mercedes - alles, was Rang hat in der Autowelt, hat hier eine eigene Klasse.

Dazwischen steht der Niedersachse mit einem Coupé, das der Volksmund "Banane" getauft hat. Und das mit lächerlichen 24,5 PS auskommen muss.

Ein Rometsch, entworfen von Designstar Johannes Beeskow

Vom ersten Tag an wurde der Wagen unterschätzt, erzählt der Sammler. Denn der Zweitürer mit dem himmelblauen Metalliclack ist ein Rometsch aus dem Jahr 1951 und war schon damals teurer als ein viel sportlicherer Porsche 356. Und er ist das einzige von sieben in dieser Baureihe produzierten Exemplaren, das erhalten geblieben ist. Genauso wie das Cabrio, das Grundmann zu Hause gelassen hat.

Beide Autos wurden nach dem Krieg vom Berliner Karosseriebauer Rometsch gebaut, nach einem Entwurf von Johannes Beeskow. Der Designer war vor dem Krieg ein Star in Berlin und entwarf die teuersten Autos der Welt. Nach 1945 musste auch Beeskow wieder klein anfangen. Erst hat er eine Presse entwickelt, die aus Stahlhelmen Kochtöpfe formen konnte, dann hat ihn der Zufall mit Friedrich Rometsch zusammengeführt, für den er Käfer zu luxuriösen Cabrios und Coupés umgestalten sollte. Das hat er so geschickt getan, dass Konkurrent Karmann ihn später zum Chefdesigner gemacht hat.

Hommage an Käfer und Beetle

Dass Grundmann diese Geschichte so gut kennt, hat Gründe: Er war persönlich bekannt mit Beeskow, und er besitzt mit sieben Exemplaren die nach eigenen Angaben größte Rometsch-Sammlung der Welt. Und darüber hinaus noch mehr als 60 weitere Oldtimer. Sie alle basieren auf dem VW Käfer oder sind entfernt mit ihm verwandt.

Weil der vor 70 Jahren erstmals nach Amerika exportiert wurde und in diesem Jahr die Produktion des Urenkels Beetle ausläuft, würdigt der Concours den Bestseller. Gezeigt wird dazu ein buntes Dutzend eigenwilliger Käfer-Umbauten, den Karosseriebauer in der Nachkriegszeit neu einkleideten.

"Verliebt in das Design"

Für Grundmann schließt sich in Amelia Island ein Kreis: Seine Liebe zu der Berliner Karosserieschmiede hat in den USA begonnen. Dort hat er in den Achtzigern als Fluglehrer gearbeitet, geriet in Kalifornien zufällig auf ein Käfer-Treffen und sah dort sein erstes Rometsch-Cabrio. "Ich war auf den ersten Blick verliebt in das Design", sagt der Sammler. Die Zuneigung teilte er mit Hollywood-Stars wie Gregory Peck oder Audrey Hepburn, die ebenfalls Rometsch-Autos fuhren.

Noch von den USA aus hat er in Deutschland nach einem Auto gesucht und so lange herumtelefoniert, bis er Beeskow persönlich kennenlernte. Der Designer vermittelte ihm einen Wagen nach dem anderen. Jetzt ist er damit zurück in Amerika und parkt beim Concours in der Nähe exakt desselben Cabrios, an dem vor fast 40 Jahren seine Leidenschaft entflammte.

Eingeschworene Sammlergemeinde

Die wenigen Rometsch, die es noch gibt, kennt Grundmann alle und die meisten Besitzer auch. Schließlich ist die Sammlerszene eine eingeschworene Gemeinde. Selbst wenn die Menschen unterschiedlicher kaum sein könnten. Denn egal ob Amelia Island oder Pebble Beach, die Villa d'Este oder Schloss Dyck - bei allen namhaften Zusammenkünften trifft man auf bodenständige Menschen wie Handwerkermeister Grundmann oder auf Großunternehmer wie Modezar Ralph Lauren. Sie eint die bedingungslose Liebe zu ihren alten Autos.

So sehr sich Grundmann in seiner Exotenrolle sonnt und so bereitwillig er mit seinem ebenfalls VW-fanatischen Sohn die Geschichte von Marke und Modell erzählt, so sehr fremdelt er mit dem amerikanischen Concours-Wesen. Obwohl es auf Amelia Island nicht so stark nach Champagner riecht wie in Pebble Beach.

Skepsis gegenüber der US-Concoursszene

"Hier geht es mehr um die Show als um die Substanz," sagt der Sammler. Er kann kaum glauben, dass sie die Autos hier vor der Bewertung mit Zahnbüsten und Wattestäbchen polieren. Auch Grundmann liebt seine Autos, hat sie sogar alle eigenhändig restauriert. Aber die Millionäre, die Heerscharen von Mechanikern beschäftigen und ihre Autos so weit überrestaurieren, dass Neuwagen dagegen verblassen, sind ihm suspekt.

Klar, auch die Grundmanns wischen nochmal den Morgentau vom Lack, bevor die Juroren mit den Strohhüten kommen. "Doch für mich ist ein Auto zum Fahren gemacht, egal wie alt oder selten es ist", sagt Grundmann und flucht über die Wagen, die auf dem Hänger von Ausstellung zu Ausstellung gefahren werden. Er ist noch zu jedem Concours auf eigener Achse gefahren. Nur dieses Mal musste er eine Ausnahme machen und seine "Banane" über den Atlantik fliegen. Aber es hat sich gelohnt - und ihm den Pokal für den Klassensieg eingebracht.

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