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Singlespeed-E-Bike Cowboy: Ein unmoralisches Angebot

Foto: Stefan Weißenborn

Singlespeed-E-Bike Cowboy Ein unmoralisches Angebot

70 Kilometer Reichweite, nur ein Gang, aber dafür auch überraschend leicht und vergleichsweise billig - so wirbt das E-Bike Cowboy aus Belgien um Käufer. Und dann ist da noch eine schwierige Entscheidung in Sachen Top-Speed.

Der erste Eindruck: Irgendwie schick, gleichzeitig etwas unförmig. Das liegt vor allem am ungewöhnlich platzierten Akku.

Das sagt der Hersteller: Geht es nach dem belgischen Start-up Cowboy, schwirren schicke, reduzierte E-Bikes bald in Hundertschaften durch die Großstädte. "Wir wollen elektrische Bikes zum Hauptverkehrsmittel machen", sagt Mitgründer Adrien Roose. Die Firma will Pendler dazu bewegen, vom Auto auf's Fahrrad umzusteigen. Dazu hat das Brüsseler Unternehmen ein mattschwarzes Design-E-Bike auf die Räder gestellt, das so heißt wie das Unternehmen: Cowboy. Das Design soll bei der Mission helfen, vor allem aber auch der Preis: Mit knapp unter 2000 Euro ist das Cowboy um einiges günstiger als die meisten Mitstreiter unter den Style-Pedelecs: "Wir wollen in den Massenmarkt", sagt Roose.

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Singlespeed-E-Bike Cowboy: Ein unmoralisches Angebot

Foto: Stefan Weißenborn

Auch beim Antrieb setzt Cowboy auf Reduktion. Das Eingangrad bietet ein festes Übersetzungsverhältnis mit einem großen vorderen Zahnrad, verschiedene Unterstützungsstufen, wie sonst bei E-Bikes üblich, gibt es auch nicht. "Du brauchst über nichts nachzudenken", sagt Roose. Einfach aufsatteln und losdüsen - das ist laut Roose die Devise.

Das ist uns aufgefallen: Gar nicht so einfach mit dem Losdüsen. Wo geht das Ding bloß an? Wir suchen Alurahmen und Lenker ab - und finden keinen Knopf zum Anschalten des in der Hinterradnabe untergebrachten E-Motors. Ein Blick in die Bedienungsanleitung verrät: Um der Tretunterstützung Leben einzuhauchen, muss zunächst die Cowboy-App aufs Smartphone geladen werden. Über sie wird eine Bluetooth-Verbindung zum Rad aufgebaut, per Telefon lässt sich das Cowboy dann entriegeln und startklar machen.

Was wie ein umständlicher Tribut an die Smartphone-Generation wirkt, ist ein Beitrag zum vergleichsweise niedrigen Preis des Rades. Weil heutzutage sowieso jeder ein Smartphone in der Tasche hat, ist ein Display am Fahrrad überflüssig - das ist die Logik hinter diesem "Feature". Auch die fehlende Gangschaltung ist eine Sparmaßnahme; genau wie die Tatsache, dass kein Zwischenhändler beim Kauf mitkassiert. Das Cowboy ordert man online direkt von der Hersteller-Website.

Einmal angeschaltet, ist mit dem ersten Tritt in die Pedale der Drehmomentsensor aktiv. Nach Herstellerangaben gibt er dem Motor ab einer Geschwindigkeit von 1,4 Kilometern pro Stunde das Signal, zu unterstützen. Schon bei einem Hauch von Pedaldruck bürstet das E-Bike los. Und das trotz des einen, hoch übersetzten Gangs, mit dem man bei ausgeschaltetem Motor seine liebe Mühe hat, vom Fleck zu kommen.

Dieser Schub erschlafft allerdings an Steigungen jäh. Auch der im Cowboy verbaute 250-Watt-Motor teilt die Schwäche vieler - auch leistungsstarker - Hinterradantriebe: Je steiler es bergauf geht, desto mehr neigen sie zum Überhitzen und werden, um das zu vermeiden, heruntergeregelt. Hier wäre ein zweiter Gang hilfreich gewesen, sonst fehlte er uns aber nicht.

Grundsätzlich fährt sich das Bike wegen des recht kurzen Radstands, dem schmalen Lenker und dem eher steil stehenden Steuerrohr wendig, fast schon etwas nervös. Aber ein stoisches Reiserad soll der aufgeräumte Cityflitzer ja auch nicht sein. Nicht zuletzt wegen des angepeilten Nutzungsprofils liegt der Energiegehalt des Akkus mit 360 Wattstunden im eher niedrigen Bereich. Die Reichweite gibt Cowboy mit bis zu 70 Kilometern an, damit ist das Rad für Pendlerdistanzen bis zu 20 Kilometer pro Weg gerüstet.

Die kleine Batterie hat einen weiteren Vorteil: Sie wiegt nur 2,4 Kilo, das Gesamtgewicht des Cowboy beträgt deswegen lediglich 16,1 Kilo. Ungewöhnlich und zudem Geschmackssache ist der Ort des Stromspeichers: Der Akku findet am Sitzrohr unter dem Sattel Platz, das Rad wirkt dadurch etwas klobig. Die Batterie ist anders als bei anderen Designer-E-Bikes allerdings nicht fest verbaut, sondern entnehmbar.

Das muss man wissen: Das Cowboy sei voll vernetzt, sagt Adrien Roose. Im Oberrohr ist eine SIM-Karte verbaut, über die das Rad geortet werden kann, zum Beispiel, wenn es gestohlen wird. Die Cowboy-App bietet eine Navigationsfunktion, der Ladezustand der Batterie lässt sich in Prozent und Restreichweite ablesen, die Beleuchtung an- und ausschalten. Allerdings entsprechen die schick in den Rahmen integrierten Front- und Rückleuchten nicht der Straßenverkehrs-Zulassungsordnung - weswegen Cowboy für deutsche Kunden ein Lichtset zum Anbringen an Lenker und Sattelrohr beilegt.

Zum schönen neuen Rad gehört auch die Möglichkeit zu Over-the-air-Updates. Ist eine neue Softwareversion verfügbar, meldet sich die App mit einer Mitteilung. Einmal bestätigen, und schon läuft die Aktualisierung über Mobilfunk. Auf unseren Testfahrten zeigte sich das als sehr hilfreich, um spontan eine Kinderkrankheit des noch jungen Modells zu kurieren: Unterwegs schaltete sich der Motor ohne Vorwarnung mehrfach aus. Auch die Diodenreihe, die auf dem Oberrohr den Ladezustand der Batterie abschätzen lässt, funktionierte nicht so, wie sie sollte. Alle fünf Leuchtpunkte glimmten dauerhaft - selbst bei fast leerem Akku. Nach einem Update funktionierte alles einwandfrei.

Kommen wir zur erwähnten Zügellosigkeit: In der Cowboy-App verbirgt sich unter dem Punkt "Speed limit" ein unmoralisches Angebot: Hier lässt sich das maximal unterstützte Tempo auf 30 Kilometer pro Stunde hochsetzen, der Cowboy gibt die digitalen Sporen.

Weil das Ganze auf deutschen Straßen illegal ist, sichert sich der Hersteller mit der Warnmitteilung ab, der 30-Sachen-Modus sei in Europa auf öffentlichen Straßen nicht erlaubt, für Privatgelände gedacht und werde auf eigene Verantwortung genutzt. Nun kann der Cowboy-Fahrer sich entscheiden: Tippt er "Cancel", bleibt es bei Tempo 25. Mit "I agree" befördert er das Fahrrad in Geschwindigkeitsbereiche, die bei manchem Pendler zum entscheidenden Kaufkriterium werden könnten: Bei Tempo 25 fühlen sich viele E-Bike-Fahrer zu früh ausgebremst.

Tatsächlich wird in der Branche immer mal wieder über eine 32-km/h-Grenze nachgedacht, wie sie zum Beispiel in der Schweiz und den USA gilt. Dass E-Biker dann schneller als die meisten nicht motorisierten Radler und so schnell wie Autos in Tempo-30-Zonen unterwegs sein könnten, bringen die Befürworter als Argument hervor. Für ältere Menschen seien 32 Kilometer pro Stunde zu schnell, und auf Waldwegen steige die Unfallgefahr mit Wanderern, so die Gegner.

Das werden wir in Erinnerung behalten: Wir geben es zu: Wir sind der Verlockung erlegen, haben einmal "I agree" gedrückt und sind dabei zum Glück nicht erwischt worden. Und ja: Es war ein Pendlerglück, denn wir waren auf einige Kilometer Distanz so schnell wie mit dem Auto bei der Arbeit, von Tür zu Tür, die nervige Parkplatzsuche in der Stadt eingerechnet. Der Tempo-30-Subversiv-Modus nagte allerdings auch ein bisschen an unserem Gewissen.

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