Dezibel Drag Racing: Völlig aufgedreht
Dezibel Drag Racing Die Bassmonster von Osnabrück
Eine größere Liebeserklärung kann der junge Mann mit dem Kampfnamen Wengo seinem Opel Corsa nicht machen: "Da ist nicht mal ein Radio drin." Wengo ist ein Teilnehmer des sogenannten Dezibel Drag-Race in Osnabrück. Bei der Veranstaltung treffen sich Tuner von Auto-Soundanlagen zu den Westdeutschen Meisterschaften im, nun ja, Krach machen.
Wengo und sein Corsa waren einst ein erfolgreiches Team bei den db Drag Races. Doch nachdem mehrfach die A-Säule des Fahrzeugs riss, weil die Schallwellen aus den Boxen zu heftig waren, wollte der Tuner aus Herford seinem Schatz den Dezibel-Rausch ersparen. "Es ist mein allererstes Auto, ich hänge einfach daran." Deshalb die radikale Stilllegung: "Ich kenne mich: Wenn ein Radio drin ist, fange ich an zu basteln und dann geht alles wieder von vorne los."
Bei der jüngsten Ausgabe des db Drag Race am Wochenende ist Wengo mit einem Opel Combo angereist. In seinem neuen Bassmonster ist ungefähr eine halbe Tonne Hi-Fi-Equipment verbaut. "Der TÜV hat sich wegen des Gewichts zwar ein wenig angestellt, aber ich darf ihn fahren."
Acht Autobatterien musste er im Kofferraum unterbringen, um die diversen Endstufen und Subwoofer mit genügend Energie zu befeuern. Unter dem Gewicht litt die Höchstgeschwindigkeit des Kastenwagens: "120 km/h, dann ist der Arsch ab." Aber auf Speed kommt es in Osnabrück nicht an. Was zählt, ist Schalldruck.
In der Hauptdisziplin "db Drag" entlassen die Boxen lediglich einen Sinuston, der für Laien wie Baustellenlärm klingt und sich wie ein kleines Erdbeben anfühlt. Ein an der Frontscheibe befestigter Sensor misst die Basskraft. Die Spitzenwerte liegen bei mehr als 170 Dezibel. Das entspricht der Lautstärke eines Gewehrschusses - unmittelbar neben dem Ohr abgefeuert.
Fiat Panda mit Granitfliesen
Damit eine möglichst geringe Vibration entsteht und wenig Schall aus dem Wagen entweicht, arbeiten die Aufmotzer mit Tricks. Sich im Wettkampf auf das Auto zu legen ist Standard. Szene-Guru Gerri Douven, Kampfname DeBurper, ging vor ein paar Jahren noch einen Schritt weiter: Er goss den Boden seines Fiat Panda mit Beton aus und flieste ihn mit Granit.
Douven tritt bei db-Racing-Treffen mittlerweile als Kommentator auf. Sein Platz ist der Messwagen, in der Szene "Pommesbude" genannt. Von dort verkündet er die Dezibel-Werte, die die Teilnehmer beim "Brummen" erreichen. Eine Legende in der deutschen Carsound-Szene ist auch Michael "The Big Oki" Müller. Der mehrfache Weltmeister ist Franchisenehmer und verantwortet die Veranstaltungen der amerikanischen db drag Racing Association (dBDRA). Für die Wettbewerbe baut Müller auch die Pokale. "Ich mache eigentlich alles, außer Kloputzen", sagt er.
"Hätte denen direkt in den Arsch treten können"
Wie es sich für eine Legende gehört, ist Big Oki eine Anekdotenmaschine. Damals, 2001, da habe er das erste Mal an den Weltmeisterschaften in den USA teilnehmen wollen. Doch dann fehlte beim Wettkampf sein Auto, ausgerechnet am 11. September hatte er es verschifft, was die Reederei dann als Ausrede genommen habe. In Wahrheit sei es aber Schlamperei gewesen, vier Jahre habe er gekämpft, um das Geld für den Transport zurückzubekommen.
Enttäuscht war er auch von den amerikanischen Aufmotzern: "Als ich gesehen habe, wie schlecht die mit dem Material umgehen, hätte ich denen direkt in den Arsch treten können." Nachdem die Weltmeisterschaften in den vergangenen Jahren online ausgetragen wurden, Europäer und Amerikaner sich also zum Wettbrummen über das Internet zusammenschalteten, haben die Amis die WM inzwischen abgeschafft. "Vermutlich auch deshalb, weil wir Europäer einfach zu stark sind", glaubt Müller.
Es mangelt an Brummer-Nachwuchs
Bei Wettbewerben wie den Westdeutschen Meisterschaften in Osnabrück können die Teilnehmer Punkte sammeln, um sich für die nationalen Titelkämpfe zu qualifizieren. Doch die Szene hat ein Nachwuchsproblem. Warum? "Die hohen Spritpreise" lautet die häufigste Antwort. "Die Technik wird natürlich auch immer teurer", sagt Müller. Digitale Endstufen lösen seit einigen Jahren die analogen ab und treiben den Preis für einen Kofferraum voller Hi-Fi in die Höhe.
Tobias Kreft aus Köln hat in seinem Peugeot Partner zwei Endstufen für 8000 Euro verbaut - pro Stück. "Insgesamt habe ich etwa 50.000 Euro in den Wagen gesteckt", sagt er. Während es ihm wie den anderen Tunern um die Tieftöner geht, ist er musikalisch ein Exot. Denn normalerweise hört die Szene nur Bassmusik, entweder Techno oder Hip Hop. "Sie werden es nicht glauben", sagt Kreft, "ich stehe auf ZZ Top."