Altes DIN-KFZ-Kennzeichen Dahinter steckt immer eine coole Geschichte

Ab und zu trifft man im Straßenverkehr noch auf Autos mit dem alten DIN-Kennzeichen. Es erzählt von Autofahrern, die sich niemals von ihrem alten Vehikel trennen würden - weder durch TÜV noch durch Reklame der Neuwagen-Industrie.

Haiko Prengel

Von Haiko Prengel


Auch ein Allerweltsauto wie der VW Golf kann ein begehrter Hingucker werden. Man muss es nur lange genug reifen lassen. Der hellblaue Golf II von Anneliese Schwatke gedeiht seit nunmehr 26 Jahren, und das ist wörtlich zu nehmen: Auf den Türgummis und der Schiebedachdichtung blüht längst grünes Moos. Auch sonst hat der Golf GL, Erstzulassung 1990, einiges an Patina angesetzt: Ein Lackkratzer hier, ein Riss im Armaturenbrett dort. Ein Vierteljahrhundert UV-Strahlung geht eben am Hartplastik-Cockpit nicht spurlos vorbei, vor allem, wenn der Wagen ständig draußen stand - und steht. Bei Wind und Wetter.

Doch das sind nur kosmetische Kleinigkeiten, Frau Schwatke war mit ihrem Brot-und-Butter-Golf stets hochzufrieden. Rost: dank vollverzinkter Karosserie kein Problem. Und bei der Technik? "Da war nie etwas Ernstes dran", sagt die 92-Jährige. Folglich gab es für sie auch keinen Grund, sich von ihrem treuen Vehikel zu trennen. Sie behielt es bis heute - allen Reklameverheißungen der Autoindustrie und Lockangeboten wie der staatlichen Abwrackprämie zum Trotz.

Dank der Treue trägt der Golf II ein seltenes Accessoire, um das die Seniorin viele andere Autofahrer beneiden: An den Stoßfängern prangt noch das alte westdeutsche DIN-Nummernschild, also ohne den blauen EU-Balken. Diese Kennzeichen sind inzwischen sehr selten geworden. Autos, die das alte DIN-Schild tragen, sind von den Straßen fast verschwunden. Bei den wenigen, die es noch gibt, handelt es sich fast immer um Fahrzeuge mit einer besonderen Geschichte: Sie handelt von Maschinen und Menschen, die sich einfach nicht von ihrem alten Auto scheiden lassen - auch nicht vom TÜV.

Auf einmal war alles anders

Kurzer Rückblick: Im November 1998 beschloss die EU-Kommission die Einführung eines Kfz-Kennzeichens für die Euro-Zone. Alle Kraftfahrzeuge sollten ab sofort ein Nummernschild in Anlehnung an die Europaflagge erhalten, mit gelben Sternen für die einzelnen Mitgliedstaaten und einem Buchstaben auf Blau, der Länderkennung.

Dream-Team: DIN-Nummernschild und D-Aufkleber
Haiko Prengel

Dream-Team: DIN-Nummernschild und D-Aufkleber

Zunächst gab es in Deutschland noch eine freiwillige Übergangsfrist. Doch ab dem Jahr 2000 wurde das EU-Nummernschild für alle Kfz-Halter Pflicht. Die Behörden gaben bei einer Neuzulassung oder Umschreibung nur noch das neue Kennzeichen heraus. Das amtliche DIN-Nummernschild, immerhin schon 1956 eingeführt, war Geschichte.

Viele Autofahrer reagierten auf die EU-Verordnung verärgert: "Es gab eine regelrechte Welle der Empörung", erinnert sich Mario de Rosa, Vorsitzender der Initiative Kulturgut Mobilität. Dabei ging es eigentlich nur um ein paar Buchstaben und Zahlen auf ihrem Auto. Doch die Leute hatten das Gefühl, das ihnen ein Stück Tradition weggenommen wird. "Es ging auch um den bürokratischen Zwang von oben, das machen zu müssen", sagt De Rosa.

Der Zwang gestattet allerdings bis heute eine Ausnahme: Wer sein Auto bereits vor dem Jahr 2000 zuließ und bis heute besitzt, darf auch jetzt noch mit dem alten DIN-Kennzeichen herumfahren. Und das auch in Zukunft, solange der Wagen nicht um- oder abgemeldet wird: "Ich fahre meinen alten Wagen, solange es geht", sagt Daniel Kranz.

16 Jahre in einer Hand

Der Kirchwart aus Berlin-Prenzlauer Berg kaufte seinen Volvo 245 Kombi vor 16 Jahren einem Arzt aus erster Hand ab - also kurz bevor die EU-Verordnung griff. Ein Kirchwart ist so etwas wie ein Hausmeister für Gotteshäuser, ein Auto mit viel Platz für Werkzeug kann da nicht schaden: "Vor Gemeindefesten lade ich den auch mal mit 18 Getränkekisten voll", berichtet der 45-Jährige. Auch Kranz' Volvo trägt noch das alte westdeutsche DIN-Kennzeichen.

Kranz lernte schon als Knirps das kantige 240er-Modell aus Schweden schätzen. In seiner Kindheit besaßen Bekannte einen solchen Kombi, und er und seine Freunde nutzten während der Fahrt die schier grenzenlose Ladefläche. "Das war eine riesige Spielwiese", sagt er.

Klare Kante: Der Volvo 240 mit DIN-Nummernschild
Haiko Prengel

Klare Kante: Der Volvo 240 mit DIN-Nummernschild

Heute ist der Kirchwart selbst Vater einer zehnjährigen Tochter. Sein Volvo 245 ist ein sehr spätes Exemplar aus dem letzten Modelljahr 1993, zugelassen wurde er aber schon einen Tag vor Weihnachten 1992. Der Erstbesitzer wollte sich wohl etwas zum Fest gönnen und machte bei der Wahl der Sonderausstattung etliche Häkchen: Ledersitze, Tempomat, Klimaanlage: Der alte Volvo aus Prenzlauer Berg hat etliche Extras an Bord, die vor 25 Jahren Luxus waren. Nur auf die ebenfalls aufpreispflichtige "Luftsackanlage", wie der Airbag damals bei Volvo genannt wurde, verzichtete der Vorbesitzer.

Gefragter Youngtimer

Heute ist der 240er ein gesuchter Youngtimer, insbesondere als Kombi. Der Klassiker ist von einer Qualität und Solidität, wie sie heute viele bei modernen Volvos vermissen. So kommt es, dass Daniel Kranz regelmäßig kleine Zettelchen zur Kontaktaufnahme an seinem Auto kleben hat. "Die einen fragen nach einem guten Schrauber", berichtet der Kirchwart. "Die anderen wollen ihn mir abkaufen." Aber Kranz will nicht, sein Volvo ist unverkäuflich.

Dabei ist auch der 240/245 kein Wunderauto. In der Nachbarschaft von Kranz' Kirchengemeinde steht noch ein 245er Kombi, und dessen Zustand beweist, dass auch Schwedenstahl rosten kann. Und anders als Kranz' Exemplar ist er wohl auch durch etliche Hände gegangen, wie das moderne Kennzeichen mit EU-Balken beweist.

Gut 44 Millionen Autos sind in Deutschland zugelassen. Wie viele davon noch das alte DIN-Kennzeichen tragen, kann das Kraftfahrzeug-Bundesamt nicht sagen. "Eine statistische Betrachtung der Kennzeichen EU und DIN liegt nicht vor - sie werden nicht unterschieden", erklärt ein Sprecher der Behörde.

Länger fahren liegt im Trend

Der DIN-Anteil ist jedenfalls marginal. Autos länger zu fahren und besitzen liegt allerdings im Trend. Der Fahrzeugbestand der Gebrauchtwagen in Deutschland hat inzwischen ein Durchschnittsalter von neun Jahren erreicht, wie Ferdinand Dudenhöffer, Professor für Automobilwirtschaft an der Universität Duisburg-Essen, herausfand. Aber die Kfz-Industrie versucht natürlich, den Menschen neue Modelle schmackhaft zu machen - in manchem Segment durchaus mit großem Erfolg, wie die SUV-Mode zeigt.

Daniel Kranz will weiter an seinem alten Volvo-Kombi festhalten, auch wenn der mittlerweile angefangen hat zu rosten. "Der Unterboden musste schon geschweißt werden", erzählt der Kirchwart. Und auch für die Abgasuntersuchung bei der Hauptuntersuchung brauche der Wagen öfters "zwei Anläufe". Trotzdem findet er es nachhaltiger, alte Autos zu reparieren und weiterzufahren, anstatt ständig neue zu produzieren. "Die Abwrackprämie war doch ein Irrsinn", findet der 45-Jährige. 2009 landeten so Hunderttausende funktionierende Gebrauchtwagen auf dem Schrottplatz. "Ökologisch war das nicht."

Und der betagte VW Golf II von Anneliese Schwatke? Auch er wäre ein guter Kandidat für die Abwrackprämie gewesen, schon vor zehn Jahren war ein Golf II praktisch nichts mehr wert, außer vielleicht Top-Modelle wie GTI oder G60. Dabei ist auch der GL (für "Gehobener Luxus") von Frau Schwatke beileibe kein Buchhalter-Exemplar: Zu den Extras gehören Schiebedach, Zentralverriegelung, elektrisch verstellbare Außenspiegel und ein Automatikgetriebe. Auch die Radzierringe ergänzten die Serienausstattung.

Das Skateboard auf der Rücksitzbank ist dagegen neumodischer Zierrat. Das Rollbrett gehört Till Trilling, dem Großneffen von Anneliese Schwatke. Denn inzwischen hat sich die 92-Jährige doch von ihrem Auto getrennt. Nicht, weil ihr historisches Vehikel nicht mehr funktionieren würde. Sondern weil die West-Berlinerin sich selbst ein wenig zu alt fürs Autofahren fühlt. Der Golf aber blieb in der Familie, inzwischen hält Großneffe Till den Golf weiter am Laufen. Der 33 Jahre alte Physiotherapeut fährt nicht nur gerne Skateboard, sondern betreibt in Berlin-Mitte ein eigenes Fitnessstudio.

In Mitte sind die Wege nah, der Golf der Großtante steht daher meist ungenutzt am Straßenrand und setzt weiter Moos an. "Ich fahre zwar wenig, aber ich liebe ihn", betont Trilling. Manchmal nutzt er den Golf aber auch für ausgedehnte Urlaubsausflüge wie zuletzt ins Allgäu. Mit Dreigangautomatik und 55 PS sei das pure Entschleunigung, freut sich der Youngtimer-Fahrer. Und die Reaktionen auf das alte Auto seien einfach wunderbar. So kam neulich an der Tankstelle der Fahrer eines Porsche 911 Carrera GTS auf Trilling zu - nicht um ihn und sein Auto auszulachen, sondern um den alten Golf zu bestaunen. Der Porsche-Fahrer sagte: "Den dürfen Sie niemals weggeben." Wohl wahr. Auch, weil es dann um das schöne, alte Nummernschild geschehen wäre.

Mehr zum Thema


insgesamt 81 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
dergenervte 10.12.2016
1. Letztens auf der KFZ-Zulassungsstelle
Ich brauchte für meinen Skoda Bj.97 einen neuen KFZ-Schein. Der alte ging verloren und ich bekam beim TÜV deswegen keine Plakette geklebt. Als ich an der Kasse der Zulassungsstelle stand um zu zahlen und endlich die Plakette zu bekommen, wollte man sie mir verweigern. Man meinte ich hätte noch ein altes Kennzeichen welches nicht mehr zulässig wäre. Jetzt musste ich der Behörde auch noch die Gesetze erklären. Ich werde mein Auto solange fahren bis nichts mehr geht. Natürlich mit Kennzeichen ohne blauen Balken.
steve_burnside 10.12.2016
2. Seit 1995.
Das Euro-Kennzeichen gibt es aber, zumindest in Deutschland, bereits seit Januar 1995. Ich hab mir im Februar 1995 ein Auto gekauft und habe dort bereits ein solches Kennzeichen machen lassen, obwohl es noch freiwillig war. Pflicht wurde es erst später. Ich hab auch noch Fotos von dem Wagen.
acyonyx 10.12.2016
3. Als diplomierter Designer...
Beitrag....hat mein inneres Auge geweint. Der Schriftsatz und die Typografie der neuen ist geradezu barbarisch im Vergleich zu drn alten Schildern von Ottl Eicher. Die Argumente für das neue Kennzeichen waren alle Ende der 70er schon doppeltobsolet.
flovo 10.12.2016
4. schlecht recherchiert
Der Golf II ist nicht vollverzinkt. Er rostet wenig, weil er noch mit den giftigeren 80er Jahre Lacken lackiert ist und weil er ab Werk super konserviert war. Und ein G60 war vor 10 Jahren auch nicht wirklich wertvoll sondern hauptsächlich das, was er immer war: Meistens im Eimer.
Bueckstueck 10.12.2016
5. Foto 2:
Trill Trilling? Echt jetzt oder Tippfehler?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.