Drohende Fahrverbote "Wir Motorradfahrer haben die Pflicht, Rücksicht zu nehmen"

Tausende Motorradfahrer haben gegen drohende Fahrverbote demonstriert. Ihr Bundesverband indes macht auch die Biker selbst dafür verantwortlich, dass die gesellschaftliche Akzeptanz ihres Hobbys leidet.
Ein Interview von Emil Nefzger
Motorradfahrer demonstrieren vielerorts wie hier auf der A37 im Süden von Hannover gegen mögliche Einschränkungen wie Fahrverbote

Motorradfahrer demonstrieren vielerorts wie hier auf der A37 im Süden von Hannover gegen mögliche Einschränkungen wie Fahrverbote

Foto: Hauke-Christian Dittrich/ DPA

SPIEGEL: Herr Lenzen, am Wochenende haben zahlreiche Motorradfahrer in Deutschland gegen mögliche Fahrverbote demonstriert. Ist es angesichts der zahlreichen Klagen über Motorradlärm nicht eher kontraproduktiv, wenn Biker nun auch noch die Innenstädte verstopfen?

Lenzen: Motorradfahrer haben ein Recht darauf, ihre Meinung kundzutun. Es ist grundsätzlich positiv, dass sie für ihre Rechte eintreten. Ich halte die Reaktion auf die drohenden Fahrverbote für nachvollziehbar, auch wenn sie vielleicht nicht zu hundert Prozent reflektiert war. Wir als Verband hätten zu diesem Zeitpunkt keine Kundgebung veranstaltet.

Zur Person

Michael Lenzen, Jahrgang 1963, ist gelernter Redakteur und seit 25 Jahren Vorstandsmitglied des Bundesverbands der Motorradfahrer (BVDM). Seit 2006 ist er Vorsitzender des Verbandes.

SPIEGEL: Wieso nicht?

Lenzen: Weil Fahrverbote zurzeit nicht ernsthaft zur Debatte stehen. Der Bundesverkehrsminister hat ihnen eine Absage erteilt, der Bundestag befasst sich ebenfalls nicht ernsthaft mit dem Thema. Erst bei konkreter Gefahr würden wir zu einer zentralen Kundgebung aufrufen.

SPIEGEL: Viele Motorradfahrer fürchten dennoch um ihre Freiheit und ihr Hobby. Was können sie tun, um beides zu schützen?

Lenzen: Wir Motorradfahrer haben ein Recht zu fahren, und für das werden wir auch eintreten. Aber wir haben genauso die Pflicht, Rücksicht zu nehmen. Das müssen wir in die Köpfe hineinkriegen. Es fängt bei Kleinigkeiten an, zum Beispiel nicht an jedem Ortsausgang im zweiten Gang zu beschleunigen, sondern mal einen höheren Gang zu nehmen. Fahrspaß hat man trotzdem, aber man fährt deutlich leiser. Wir sollten die Perspektive der Anwohner einnehmen und uns fragen, welches Verhalten sie sich wünschen würden.

SPIEGEL: Wäre es nicht am besten, lärmgeplagte Anwohner und Motorradfahrer an einen Tisch zu bringen?

Lenzen: In der Breite klappt das leider nicht. Wir wünschen uns stattdessen eine Zusammenarbeit der Bundesländer mit uns Motorradfahrern und den Anwohnern, um auf besonders belasteten Strecken gezielt einzugreifen. Zum Beispiel durch Lärmdisplays, die dem Fahrer zeigen, wie viel Lärm sein Fahrstil verursacht. Aber auch durch verstärkte Kontrollen, um Fahrer mit manipulierten Auspuffanlagen aus dem Verkehr zu ziehen. Und der Gesetzgeber muss endlich die legalen Schlupflöcher in den Zulassungsregeln schließen. Auspuffklappensteuerungen, die Motorräder außerhalb der Testverfahren sehr laut machen, gehören verboten.

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SPIEGEL: Also sind Motorräder tatsächlich zu laut?

Lenzen: Nicht alle, aber die Maschinen wurden in den letzten Jahren im Realbetrieb kontinuierlich lauter. In den Papieren stehen zwar 77 Dezibel, aber die gelten nur in einem genau festgelegten Bereich. Vor allem Klappenauspuffe, die zum Beispiel bei höheren Drehzahlen aufgehen, machen viele Maschinen unnötig laut.

SPIEGEL: Die Hersteller sehen das Problem eher bei Bikern , die ihre Maschinen nicht leiser fahren wollen.

Lenzen: Hersteller wie rücksichtslose Fahrer tragen ihren Teil zum Problem bei. Natürlich haben wir Fahrer es in der Hand, wie ein Motorrad bewegt wird. Gleichzeitig werden immer lautere Maschinen gebaut, vollkommen regelkonform, aber nicht alles, was legal ist, ist auch gut. Die Industrie sollte verstärkt leisere Modelle anbieten, damit das Motorradfahren in zehn oder zwanzig Jahren noch gesellschaftlich akzeptiert wird. Es geht darum, das Motorrad als Verkehrsmittel zu erhalten, dafür haben Tausende Menschen am Wochenende demonstriert.

SPIEGEL: Kunden könnten leisere Motorräder kaufen. Warum tun sie das nicht?

Lenzen: Vor allem im Premiumbereich gibt es kaum leise Motorräder. Wer dort als Kunde eine bestimmte Maschine haben will, bekommt die meist gar nicht ohne eine Klappensteuerung, die das Motorrad in bestimmten Drehzahlbereichen sehr laut werden lässt. Nachrüstauspuffe machen die Maschine nur in den seltensten Fällen leiser. Das könnte die Industrie bereits heute ändern.

SPIEGEL: Dann wäre eine Lärmobergrenze von 80 Dezibel in allen Fahrzuständen, wie sie der Bundesrat gefordert hat, doch eigentlich der richtige Ansatz.

Lenzen: Prinzipiell ist so ein Grenzwert sinnvoll, aber 80 Dezibel sind technisch nicht machbar. Mit diesem Wert haben selbst Elektrofahrzeuge bei Landstraßentempo durch das Rollgeräusch der Reifen und den Fahrtwind schon Probleme. Für Verbrennermotorräder wäre mit diesem Grenzwert endgültig Feierabend. Der Gesetzgeber sollte zusammen mit Fachleuten eine machbare Regelung ausarbeiten.

SPIEGEL: Das dürfte vielen Anwohnern zu lange dauern. Gibt es keine schnellere Lösung?

Lenzen: Es gab schon einmal eine freiwillige Selbstbeschränkung der Hersteller auf maximal 100 PS. So eine Selbstverpflichtung für eine maximale Lautstärke bei Höchstdrehzahl wäre eine gut umsetzbare Option. Es wäre ein starkes Signal an die Anwohner beliebter Motorradstrecken und an uns Motorradfahrer, dass die Industrie die derzeitige Diskussion ernst nimmt und nicht erst eine gesetzliche Regelung abwartet.

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