Tipps vom Pedelec-Tester Worauf Radfahrer beim Kauf eines E-Bikes achten müssen

Mehr Drehmoment und mehr Assistenzsysteme: E-Bikes werden attraktiver, doch mitunter leidet die Sicherheit. Nico Langenbeck von der Stiftung Warentest erklärt, worauf Käufer achten sollten.
Ein Interview von Stefan Weißenborn
Schnell, bequem, aber auch sicher? E-Bikes liegen im Trend, es gibt jedoch große Qualitätsunterschiede

Schnell, bequem, aber auch sicher? E-Bikes liegen im Trend, es gibt jedoch große Qualitätsunterschiede

Foto: Greice Baltieri/ iStockphoto/ Getty Images

SPIEGEL: Herr Langenbeck, als E-Bike-Experte werfen Sie einen kritischen Blick auf Pedelecs. Aber beginnen wir positiv: Worin sind E-Bikes zuletzt besser geworden? 

Langenbeck: Beim Aufbau der Räder. Noch vor einigen Jahren war es Standard, die damals noch schwereren Akkus auf dem Gepäckträger anzubringen. Dadurch war der Schwerpunkt des Fahrrads höher und weit hinten. So gebaut, fahren Pedelecs instabiler. Das Problem wurde verschärft, wenn man zusätzlich einen Kindersitz auf dem Gepäckträger anbrachte. Heute sind die Akkus schwerpunktgünstig am oder im Unterrohr verbaut.

Zur Person
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Kühnapfel/ Stiftung Warentest

Nico Langenbeck, 38 Jahre, ist Testleiter für E-Bikes bei der Stiftung Warentest mit Sitz in Berlin. Seit 2016 koordiniert der Diplom-Sportingenieur diese Tests, bei denen bislang 39 Elektrofahrräder unter die Lupe genommen wurden - zuletzt Tiefeinsteiger-Modelle. 

SPIEGEL: Aber auch das ist problematisch. Wenn man bei der Herstellung Rahmenrohre aufschlitzt, um Batterien unterzubringen, geht das zulasten der Fahrstabilität.

Langenbeck: Das stimmt grundsätzlich. Aber auch hier beobachten wir: Die Rahmen sind besser geworden. Gleichwohl haben wir in unserem aktuellen Test von Tiefeinsteiger-E-Bikes zwei Kandidaten, die in diesem Punkt durchfallen. Bei bestimmten Geschwindigkeiten schwingen sich die Rahmen auf und fangen mit Ladung an Bord an zu flattern. Es gibt also noch Unterschiede unter den Anbietern.

SPIEGEL: Wie schließe ich dieses Sicherheitsrisiko als Käufer aus? 

Langenbeck: Grundsätzlich empfehlen wir das Beratungsgespräch mit einem Fachhändler. Zentral ist aber auch das eigene Ausprobieren bei einer Probefahrt: Dabei ruhig Gepäck mitbringen und aufladen. Für 25 Kilogramm sind viele Gepäckträger zugelassen. Wer die Grenze ausschöpft, wird merken, dass sich das Rad anders fährt, weil der Schwerpunkt wieder nach oben wandert – im Idealfall bleibt es aber stabil.

SPIEGEL: Wer Gewicht bewegt, braucht gute Bremsen. Es lässt sich beobachten: Fest zupackende hydraulische Scheibenbremsen sind selbst am gemütlichen City-E-Bike längst der Standard. Ebenfalls eine positive Entwicklung, oder? 

Langenbeck: Generell ja, da der Sicherheitsaspekt im Vordergrund steht. Ob die immer größer werdenden Scheibendurchmesser - auch an den Komfort-Tiefeinsteigerrädern - immer sinnvoll sind, muss jedoch hinterfragt werden. Der Nutzer benötigt immer weniger Kraft in den Fingern, um zu bremsen. Das kann tendenziell sogar zu einem größeren Risiko von Unfällen und Überschlagen führen, da die Scheibenbremsen wirklich stark verzögern.

SPIEGEL: Bleibt einem also nur, den Umgang damit zu üben? Oder gibt es technische Alternativen?

Langenbeck: Ich kann nur jedem raten, der noch nie oder lange nicht mit Scheibenbremsen gefahren ist, auf abgesperrtem Gelände mal ein paar kontrollierte Gefahrenbremsungen zu üben. Wer sein E-Bike nur in der Stadt oder auf dem platten Land bewegt, dem könnten allerdings auch hydraulische Felgenbremsen genügen. Sie sind weniger bissig, in der Bremswirkung für diese Art Fahrradfahrer ausreichend, und sie sind kostengünstiger.

SPIEGEL: Eine Überdosierung gibt es auch bei Motoren. Nm, die Einheit für das Drehmoment, scheint das neue PS zu sein: Es muss immer mehr sein, obwohl das manchmal gar nicht sinnvoll ist.

Langenbeck: Ja, die ganz starken Motoren waren vor einigen Jahren nur an sportlichen E-Mountainbikes zu sehen, und jetzt sind sie auch an den Komforträdern verbaut. Ob das sein muss, muss man kritisch hinterfragen.

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SPIEGEL: Inwiefern?

Langenbeck: Auch heftige Beschleunigung kann das Rad unkontrollierbar machen. In der höchsten Unterstützungsstufe zu fahren, kann für ungeübte Fahrer zu gefährlichen Situationen führen, da es schneller vorangeht, als man es unter Umständen erwartet. Verbraucher, die nur kurze Strecken im Flachland, beispielsweise zum Bäcker oder zum Supermarkt fahren, brauchen nicht den stärksten Motor. Weniger Drehmoment ist für die meisten Nutzer völlig ausreichend.

SPIEGEL: Und das E-Bike wird abermals billiger in der Anschaffung, wenn der Motor schwächer ist. Bei Autos besteht ja auch ein krasser Preissprung zwischen V8 und Dreizylinder.

Langenbeck: Es wird dann auch günstiger, ganz klar. Und der Stromverbrauch geht zurück – der Akku hält länger durch bei gleicher Größe. Wählt man als Käufer einen Akku mit geringerer Kapazität, spart man nochmals - schließlich ist die Batterie das teuerste Bauteil.

SPIEGEL: Während der Verzicht auf Motor- und Bremskraft dem Markttrend zuwiderläuft, aber durchaus der Sicherheit dienen kann, rüsten die Hersteller bei der Sicherheitstechnik auf. Die Assistenzsysteme haben das Fahrrad erreicht. Was taugen Traktionskontrolle oder Abstandswarner für den Autoverkehr hinter einem?

Langenbeck: Grundsätzlich sind solche Systeme gut, und sie funktionieren. Es kommen immer mehr Sensoren ans E-Bike, die Fahrdaten aufzeichnen und auswerten und so zum Beispiel eine Traktionskontrolle ermöglichen. Der wichtigste unter ihnen ist das ABS. Wenn man damit auf Schotter oder auf schlammigen Untergrund mit der Vorderradbremse eine Vollbremsung macht - was man eigentlich nicht tun soll - bremst das Rad kontrolliert ab, statt zu blockieren. Aber es ist auch eine Kostenfrage. Rund 500 Euro Aufpreis kostet das ABS derzeit noch. Bald dürfte es erschwinglicher werden.

SPIEGEL: Gute E-Bikes sind nach wie vor teuer. Was halten Sie von einer Kaufprämie, wie sie aktuell in Italien ausgeschüttet wird, um den Vormarsch des Fahrrads weiter zu beschleunigen?

Langenbeck: Ansätze, den Kauf eines E-Bikes zu fördern, sehen wir ja nicht nur aktuell in Italien. In Frankreich gab es so etwas schon einmal und auch in Deutschland kann man sich zum Beispiel Lastenräder fördern lassen. Einige Bundesländer und Kommunen bieten Programme an, beispielsweise Hamburg, Sachsen-Anhalt und Nordrhein-Westfalen und bald wohl auch Berlin wieder. Vor allem Kaufprämien für E-Lastenräder ergeben Sinn, wenn man Nutzer dazu bringen möchte, ihre Autos stehen zu lassen.

SPIEGEL: Sehen Sie diese Entwicklung kommen?

Langenbeck: Es ist eine Tendenz, die stark zunehmen wird. Man versucht, den Umstieg auch jenseits der Zuschüsse zu fördern – zum Beispiel durch Leasingmodelle, die Arbeitgeber mit ins Boot holen. Ich tippe, dass wir in den nächsten Jahren insbesondere mehr Lastenräder im Straßenbild der Städte sehen werden, auch im gewerblichen Bereich, etwa bei der Zustellung von Paketen und Post. Das ist ein Markt, der boomen wird. Und dann haben wir ja noch die Pop-up-Radspuren, die bleiben sollen. Sie machen das Radfahren für alle attraktiver.

E-Bikes im Test der Stiftung Warentest: Sie erhalten den kompletten Artikel mit Testtabelle als PDF bei der Stiftung Warentest .

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