Radel verpflichtet Elektrisch zum Höhepunkt - nein danke!

Was die Vorlieben der Menschen beim Radfahren angeht, bin ich ziemlich tolerant: Ob jemand Hollandrad, Rennmaschine, Tourenrad oder Fatbike fährt, ist mir wurscht. Es gibt allerdings eine Ausnahme.

Vor einiger Zeit habe ich mit einem Freund eine Wandertour in den Alpen gemacht. Wir hatten beim Aufstieg zur ersten Hütte die Schotterstraße verlassen und stapften schwitzend einen Waldweg hoch, als wir hinter uns Geklapper hörten. Es war eine Gruppe Mountainbiker, die in erstaunlichem Tempo den steilen Pfad hochschossen. Als sie auf unserer Höhe waren, sahen wir, dass die Gruppe Elektro-Mountainbikes fuhr.

Es ist irgendwie deprimierend, einen Berg hochzukeuchen und dabei von einer schwatzenden Gruppe Männern auf Elektrorädern überholt zu werden. Ich habe nichts gegen Elektrofahrräder, gut möglich, dass ich mir irgendwann eins kaufe. Bei einem Urlaub im bayerischen Wald habe ich mir einmal das E-Bike eines Nachbarn ausgeliehen. Es war erstaunlich, wie schnell und problemlos ich die hügelige Strecke in den nächsten Ort bewältigte. Als Rad zum Pendeln über längere Strecken oder zum Einkaufen oder zum Transport von Kindern und Lasten sind E-Bikes super.

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Foto: Hanna Becker

Zunächst deutete wenig auf eine andauernde Liebesaffäre hin. Die erste Begegnung mit einem Fahrrad, an die Ralf Neukirch sich erinnert, endete mit einem Sturz. Doch irgendwann wurde für den SPIEGEL-Redakteur das Radfahren von der Notwendigkeit zur Leidenschaft. Seither hält er es mit John F. Kennedy: "Nichts ist vergleichbar mit der einfachen Freude, Rad zu fahren."

Von den schönen Momenten, aber auch den sportlichen, technischen und persönlichen Herausforderungen des Radfahrens erzählt Ralf Neukirch regelmäßig in diesem Blog. 

Eins sind sie aber nicht: Eine Alternative zu traditionellen Fahrrädern, so wenig wie ein alkoholfreies Bier eine Alternative zu einem frischen Kölsch ist. Ich trinke gerne alkoholfreies Bier, aber nicht anstelle von richtigem Bier. Ich trinke es statt Apfelschorle. E-Bikes benutzt man nicht für Fahrten, auf denen man sonst das Fahrrad benutzen würde. Man nutzt es, wenn man sonst Auto oder U-Bahn nehmen würde. Das ist gut, weil man sich bewegt und die Luft weniger verschmutzt.

Aber warum sollte man mit einem E-Mountainbike ins Gebirge fahren? Ich gehe in die Berge, um die Natur in ihrer wilden, ungezähmten Form zu erleben. Mag sein, dass ein wenig Selbstbetrug dabei ist, schließlich wandere ich auf markierten Pfaden und gesicherten Steigen. Aber nach zwei Stunden Aufstieg fühle ich mich, als hätte ich die Zivilisation hinter mir gelassen. Ein Gefühl, das ich mir mit dem Aufstieg hart erkämpft habe.

Vor einigen Jahren bin ich mit meinem alten Rennrad den Mont Ventoux hochgefahren. Die Fahrt hat zwei Stunden gedauert, und es war die Hölle. Es war heiß, die letzten fünf Kilometer führten durch schattenloses Gelände und die Steigung war brutal. Als ich oben ankam, fühlte ich mich großartig.

Berge fährt man mit dem Fahrrad hoch, weil es weh tut. Weil man sich jeden Meter erkämpft und man mit jedem Tritt in die Pedale den Annehmlichkeiten der Zivilisation ein Stück mehr entflieht. Die Fahrer eines Motor-Mountainbikes erkämpfen sich nichts, stattdessen prügeln sie die Annehmlichkeiten der Zivilisation in Form von Hightech den Berg hoch und zerstören so den Moment des Einsseins mit der Natur.

Der E-Mountainbike-Fahrer handelt nach der Devise des österreichischen Schriftstellers Jan Rys: "Das Bergsteigen wird durch die Existenz von Bergen sehr erschwert." Er hat kein Gefühl für die Erhabenheit der Berge, weil er sie nicht spürt. Er will Spaß ohne Qual, weil er nicht weiß, wie schön das Gefühl ist, den Berg aus eigener Kraft zu erklimmen. Er weiß nicht, was ihm entgeht. Das ist traurig!

Aber ich scheine mit diesen Ansichten zu einer Minderheit zu gehören. Auf SPIEGEL ONLINE las ich vor einigen Monaten, dass es sogar Weltmeisterschaften für E-Mountainbikes gibt. Wer kommt auf so etwas? Die Kollegen hatten den amtierenden E-Mountainbike-Weltmeister interviewt. Er begründete seine Begeisterung für seinen Sport damit, dass er es liebe, mit dem Mountainbike schnell unterwegs zu sein. "Aber mit dem E-Mountainbike komme ich auf Geschwindigkeiten, die normal nicht möglich sind." Das stimmt, aber nach dieser Logik könnte er auch Motocross fahren. Dabei kommt man auf Geschwindigkeiten, die mit einem E-Mountainbike nicht möglich sind. Aber ist es das, worum es geht?

In einigen Regionen in den USA dürfen E-Mountainbikes nur dort fahren, wo andere motorisierte Fahrzeuge erlaubt sind. Ich bin kein Freund von Fahrverboten. Möglicherweise geht es auch anders: Man sollte Fahrer eines E-Mountainbikes ermuntern, dem Ruf der Berge ohne Motor zu folgen, als Herausforderung. Damit sie merken, was ihnen entgeht. Ich glaube, das würde helfen.