Eindrücke vom Bulli-Treffen Parade der Superlative

Der Trubel zum 60. Geburtstag des VW-Allzweckmobils Bulli war gewaltig. Unter anderem wurden 6000 Currywürste, eine Tonne Pommes Frites und 100 Fass Bier während der Feierlichkeiten in Hannover verkonsumiert. SPIEGEL ONLINE hat vor Ort noch andere Superlative entdeckt.

Aus Hannover berichtet


Den Preis für die längste Anreise zum Bulli-Treffen in Hannover fuhr Maxim Gülow ein. 36 Stunden und 2587 Kilometer war er mit seinem türkis-metallic lackierten T4 unterwegs, um von Russland an die Leine zu gelangen. Mindestens genauso verdient hätte die Ehrung allerdings Toni Radeski aus Belgrad, der müde und unrasiert in seinem T1 saß. "Zwei Tage war ich unterwegs, und bin immer schön langsam gefahren, schließlich hat mein Motor schon 1,2 Millionen Kilometer auf dem Zähler", erzählte der freundliche Serbe. Warum er den langen Weg auf sich genommen habe? Weil er Bulli-Fan ist, und weil er Werbung macht - für seine Werkstatt, die auf VW-Reparaturen spezialisiert ist. Außerdem trommelt er für einen großen "Buba"-Club. "So heißt der Käfer auf Serbisch", erklärte Radeski und bat alle Umstehenden zum Käfer- und Bulli-Treffen, das im kommenden Frühjahr vor den Toren Belgrads stattfinden soll.

Begonnen hatte das Bulli-Wochenende am Freitag mit einer Parade von gut 150 Transportern durch die Innenstadt von Hannover. Nachdem viele Gäste bereits auf der Autobahn im Konvoi durch halb Deutschland gefahren waren, rollten nun die schönsten und seltensten Stücke noch einmal hintereinander her. Die Polizei sperrte der Bulli-Parade freundlich den Weg frei, doch fehlte das Fingerspitzengefühl bei dieser Aktion. Denn vorne weg fuhr weder ein alter, noch ein neuer Polizei-VW-Bus, sondern ein Touran. "Immerhin war es ein VW-Fahrzeug und kein Konkurrenzprodukt", kommentierte ein VW-Sprecher mit Schulterzucken.

Nein, ein schlechtes Gewissen hat Jürgen Scholl nicht. Zwar hatten er und sein Kumpel André Zech mit ihrem tiefergelegten T1 bei der Wertung des originalgetreuesten Modells keine Chance, doch als Denkmalschänder fühlt er sich nicht. "In der Oldtimerszene sind Custom-Cars umstritten, weil wir natürlich nicht nur restaurieren, sondern auch individualisieren und verändern", sagt Scholl. Doch in der Bulli-Szene seien sie voll akzeptiert. "Wir nehmen schließlich nur eine Idee auf, die in den USA mit dem VW Bus populär geworden ist. Was dort richtig war, kann hier ja nicht falsch sein." Dass er Recht hat, zeigen die vielen bewundernden Blicke, die der T1 der beiden Niederrheiner erntet.

Stretch-Bulli aus Belgien und Ur-Bulli aus Dänemark

Bei der Sonderwertung "Pimp My Bulli" allerdings zogen Scholl und Zech dennoch buchstäblich den Kürzeren. "Länge läuft eben", kommentierte Juror Thomas Ebeling trocken und kürte den mutmaßlich längsten VW-Bus aller Zeiten: Auf sechs Meter hat der Belgier Bob van Heyst seinen T2 in den USA strecken lassen, so dass allein das Faltdach nun drei Meter überspannt. Van Heyst fährt mit dem Stretch-Bulli Reklame für seinen VW-Shop, in dem er Käfer und Busse aller Generationen verkauft, restauriert und ganz Europa mit Ersatzteilen versorgt. Auch wenn er viele Anfragen bekommt: Aus der Hand geben will er seinen Longliner nicht. "Dieses Auto kann man nicht mieten oder leihen. Dafür sind wir einfach zu oft unterwegs, wir haben am Cruisen selbst zuviel Spaß."

"Im VW-Museum gibt es noch ein paar Autos, die älter sind. Doch von den Privatfahrzeugen dürfte meiner am meisten Jahre auf dem Buckel haben", sagt Tonny Larsen aus Dänemark. Sein blaugrauer T1 lief in Wolfsburg am 5. August 1950, nur gut drei Monate nach Beginn der Serienproduktion, vom Band und ist damit ohne Zweifel das älteste Auto des Treffens. Gekauft hat Larsen den Wagen 1992 in Hildesheim. Dann holte er ihn zu sich nach Seeland und verbrachte zehn Jahre mit schrauben, feilen, lackieren und polieren. Die Mühe hat sich gelohnt – und zwar nicht nur wegen des Preises für das älteste Teilnehmerfahrzeug. Sondern auch, weil der Bulli jetzt wieder aussieht wie am ersten Tag. "Selbstverständlich kam er nicht auf dem Hänger, sondern mit eigener Kraft nach Hannover."

Alles für den Bulli, und zum Feiern an die Bulli-Bar

René Kaufmann nahm mit seinem grünen Samba-Bus am Bulli-Geburtstagstreffen teil. Der T1-Fahrer steckt nach eigenem Bekunden schon seit zehn Jahren alles verfügbare Geld ins Auto. Und das, obwohl er den Wagen schon weitgehend restauriert gekauft hat und nur noch Kleinigkeiten in Ordnung bringen muss. An diesem Wochenende hat sich der vermeintlich asketische Lebenswandel gelohnt: Sein Bulli wurde als der schönste T1 des Treffens prämiert.

Über das Messegelände wehte mehr als ein Hauch von Woodstock. Besonders turbulent waren die Nächte im Beachmobil, einem VW-Bus, verkleidet mit Bambusmatten, bestückt mit Barhockern und Rundumtheke. Auch morgens um 10 Uhr war für das Team der Bulli-Bar die Welt noch nicht so ganz in Ordnung. Jürgen Helms kann das erklären: "Wir haben hier bis fünf Uhr in der Früh ausgeschenkt und damit viel für die Völkerfreundschaft getan."



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