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Emanzipation: Die ersten Radfahrerinnen

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Emanzipation mit dem Fahrrad Als Frauen in die Freiheit fuhren

Ungesund, unweiblich, unmoralisch: Radfahren war für Frauen anfangs verpönt. Diejenigen, die es trotzdem taten, fuhren gesellschaftlichen Zwängen davon. Wie etwa Amelie Rother in Berlin.

"Das Erste, was unbedingt in die Rumpelkammer gehört, ist das Korsett. Wie soll der unglückliche Brustkorb sich weiten, wenn er in einem Stahlpanzer steckt!" Das schreibt Amelie Rother im Buch "Der Radfahrsport in Wort und Bild"  von 1897.

Wer Ende des 19. Jahrhunderts in der Radfahrszene etwas zu sagen hatte, leistete einen Beitrag für die 272-Seiten starke Anthologie. Rother, damals Vorsitzende des Damen Radfahr-Klubs, schrieb als einzige Frau einen Text. Sie gehörte in Deutschland zu den Radfahrerinnen der ersten Stunde. Sie fuhr von Gejohle und Geschimpfe begleitet durch die Straßen Berlins und plädierte für praktische Kleidung beim Pedalieren.

Der Gegenwind, der Rad fahrende Frauen damals traf, war eisig. Das ist keine Überraschung in der Gesellschaft des 19. Jahrhunderts: Mann hatte Angst, dass Frau ihrer vorgesehenen Rolle wortwörtlich davonfährt.

Diese Angst war berechtigt. Tatsächlich befreite das Fahrrad die zur Stubenhockerei verurteilte Großstädterin - zumindest teilweise. Die deutsche Journalistin und Frauenrechtlerin Lily Braun bezeichnete 1901 in ihrem Standardwerk "Die Frauenfrage" das Rad als Emanzipator.

Der "Knochenschüttler" war nichts für Frauen

Zunächst war Radfahren reine Männersache. Seit der Vorstellung der Laufmaschine von Karl von Drais  im Jahre 1817 wurde zwar versucht, Damenmodelle zu etablieren, jedoch seien die nicht alltagstauglich und manchmal generell nicht fahrtauglich gewesen, sagt Dörte Florack, Historikerin und Autorin des Buches "Wehe, wenn sie losgelassen".

Auf die ersten Zweiräder mit Tretkurbelantrieb, sogenannte Boneshaker (Knochenschüttler), trauten sich nur wenige Frauen. Hochräder waren ebenfalls in bodenlangen Kleidern kaum erklimmbar. Zumindest Artistinnen nutzen ihre verhältnismäßig große Freiheit, um darauf zu experimentieren.

Mit der Erfindung des Niederrades änderte sich vieles: Das Rover Sicherheitsfahrrad kam 1885 auf den Markt und hatte zwei gleich große Räder. Das erste moderne Damenrad mit niedrigem Durchstieg ermöglichte 1889 einer breiteren Öffentlichkeit an Frauen die Fortbewegung auf zwei Rädern.

Frauen, die gegen moralische Gesetze verstoßen

Amelie Rother soll eine der ersten Frauen im Berlin der 1890er Jahre gewesen sein, die öffentlich Rad fuhren. Sie habe sich mit ihrer Freundin Clara Berger "dem entsetzten Volke" auf dem Dreirad gezeigt, so schreibt sie. Nach ersten Touren über stille Waldwege ging es mitten über den Blücherplatz. Der reinste Spießrutenlauf soll das gewesen sein. Dass die Frauen in wehender Kleidung öffentlich durch die Stadt pedalierten, galt als unzüchtig. Immer wieder habe sich Rother gefragt, ob das Rad die verbalen Scheußlichkeiten aufwöge, denen sie ausgesetzt war.

Die öffentlichen Anfeindungen machten etwas mit den Frauen. Sie bildeten eine Identität als selbstbewusste Radlerinnen aus. Das passte wiederum gut zur politischen Strömung, die zeitgleich an Gewicht gewann: "Die Entdeckung des Fahrrades für die Frau fiel mit der Emanzipationsgeschichte der Frauen zusammen", sagt Dr. Gudrun Maierhof, Professorin für Methodenkompetenz und Geschichte der Sozialen Arbeit an der Frankfurt University of Applied Sciences und Co-Autorin des Buches "Sie radeln wie ein Mann, Madame".

Trotzdem hätten sich die meisten Radfahrerinnen kaum zur Frauenbewegung dazugezählt. Auch, weil Radfahren anfangs ein bürgerlicher Zeitvertreib war. "Es war schick, aber man musste sich ein Rad auch leisten können", so Maierhof. Erst in den 1920er Jahren sei das Fahrrad zum Massentransportmittel geworden und Arbeiterinnen radelten morgens in die Fabrik.

So kam es, dass sich die privilegierte Damengesellschaft plötzlich Fragen der Gleichberechtigung stellte. Wer gegen Konventionen verstieß, bezog automatisch Stellung. Gleichzeitig schwangen sich prominente Frauenrechtlerinnen auf den Sattel. Wie die Amerikanerin Susan Brownell, damals 53 Jahre alt. Sie sagte später: "Das Fahrrad hat die Frauen mehr emanzipiert, als alles andere auf der Welt. Es gab ihnen ein Gefühl der Freiheit und Selbstständigkeit."

Mit geschmackvollen Anzügen gegen das Modediktat

Die Pionierinnen zeigten, zu welchen Leistungen Frauen auch sportlich in der Lage sind. Die Amerikanerin Annie Londonderry reiste zwischen 1894 und 1895 als erste Frau mit ihrem Rad um die Welt . 1893 soll das erste deutsche Damenrennen für Niederräder in Berlin-Halensee stattgefunden haben. Amelie Rother nahm teil und berichtete, dass erstmals Frauen in geschmackvollen Anzügen vor großem Publikum fuhren.

Was Frau trug, war Ende des 19. Jahrhunderts außerordentlich wichtig. "Die frühen Radfahrerinnen haben zur Verschiebung des Weiblichkeitsideals beigetragen", sagt Dörte Florack.

Das Modediktat war ein Problem. "Mit einem halben Dutzend Unterröcken kam selbst eine tüchtige Fahrerin kaum vom Fleck", so Rother. Zunächst wurden Röcke gekürzt, dann Modelle erfunden, bei denen eine Stoffbahn nach dem Absteigen die weite Pumphose verdeckte. Bald hatte auch das Schnürkorsett ausgedient. Der Grat, auf dem die Frauen wandelten, war schutzblechschmal.

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Onanie auf dem Sattel

Neben den gesellschaftlichen Moralverfechtern meldeten sich auch Mediziner zu Wort. Um die Jahrhundertwende ließen sich Spezialärzte für Radfahrkranke nieder. Auch in Deutschland fabulierte man über die gesundheitsschädigenden Wirkungen - wieder erwischte es vor allem die Frauen. Skurrile Diagnosen wurden gestellt. Etwa, dass Radfahren während der Monatsblutung zu Geschwüren und Unfruchtbarkeit führen könne.

Dr. Martin Mendelsohn trieb es wortwörtlich auf die Spitze und schrieb in der "Deutschen Medizinischen Wochenschrift" über das Onanieren auf dem Sattel: "Es kann keinem Zweifel unterliegen, dass, wenn die betreffenden Individuen es wollen, kaum eine Gelegenheit zu vielfacher und unauffälliger Masturbation so geeignet ist, wie beim Radfahren sich darbietet." Je nach Sattelform werde Druck auf die Klitoris ausgeübt. Zusammen mit der frischen Luft ließe das "die sexuelle Libido bei manchen Frauen ins Unermeßliche steigen".

Irgendwann beruhigten sich die Gemüter. Bald wurde Radfahren sogar als Heilmethode verordnet, beispielsweise bei Nervenschwäche, einer typischen Frauenkrankheit. Woher der Sinneswandel kam? Immer mehr Ärzte fuhren selbst Rad und erlebten die positiven Effekte am eigenen Leib.

Der Kampf der radelnden Geschlechter

Aus heutiger Perspektive klingt das alles furchtbar anachronistisch. Tatsächlich wird der Kampf der Geschlechter aber nach wie vor auch auf dem Rad ausgetragen. Hierzulande ist eine Machokultur in der Fahrradszene noch spürbar. Davon berichten Sportlerinnen wie Lena Zwanzleitner, die zusammen mit Cecilia Farias Marchant als Botschafterin der Marke Specialized regelmäßig Ausfahrten für Frauen in Hamburg organisiert.

Wenn sie keine Lust auf testosterongesteuerte Machtkämpfe haben, bleiben die Frauen unter sich, obwohl beide eigentlich gern mit Männern fahren. "Es läuft halt immer wieder auf einen Hahnenkampf hinaus, und keiner will zugeben, dass er eigentlich eine Pause und eine Cola braucht." Der Effekt potenziere sich in den Generationen: "Alte Männer lassen sich besonders ungern von Frauen überholen. Die geben lieber Gas und brechen anschließend komatös zusammen", so Zwanzleitner.

In anderen Ländern sind fahrradfahrende Frauen im Alltag gar nicht oder kaum sichtbar. Ein Grund: Die Radinfrastruktur ist schlecht, und das hat direkte Auswirkungen darauf, wie viele Frauen das Rad nutzen. In Moskau etwa sind deutlich mehr Männer auf den von Autos dominierten Straßen unterwegs als Frauen.

In Iran wiederum ist das Radfahren für Frauen schlicht verboten. 2016 sprach das religiöse Oberhaupt, Ali Khamenei, eine entsprechende Fatwa aus. Auch dagegen formierte sich Protest: Unter dem Hashtag #IranWomenLoveCycling posteten Iranerinnen im In- und Ausland Fotos von sich auf dem Fahrrad.

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