Fahrrad-Blog Der tägliche Straßenkampf

Platz da - oder nicht?

Platz da - oder nicht?

Foto: Ralf Neukirch

Mehr Radwege und Fahrradgaragen werden nichts an der Überzeugung mancher Autofahrer ändern, dass die Straße ihnen allein gehört. Ausgerechnet US-Städte machen vor, was man dagegen tun kann.

In der vergangenen Woche ist es mir wieder passiert: Ich fuhr mit dem Rad auf dem Weg zur Arbeit die Onkel-Tom-Straße hinunter, eine morgens stark befahrene Allee durch den Berliner Grunewald. Plötzlich hupte hinter mir ein Transporter, beim Überholen zeigte der Fahrer wild gestikulierend auf den Bürgersteig. Dann scherte er so dicht vor mir wieder ein, dass ich scharf bremsen musste. Das war vermutlich als erzieherische Maßnahme gedacht.

Ähnliches erlebe ich nahezu jeden Tag. Der fragliche Bürgersteig war einmal ein Radweg. Manchmal benutze ich ihn noch, aber im Herbst ist mir das zu gefährlich. Auf den nassen Blättern rutscht man leicht. Außerdem sieht man die Schlaglöcher schlecht. Das Radwegschild auf der Onkel-Tom-Straße wurde schon vor Jahren abmontiert. Das bedeutet, dass ich auf der Straße fahren darf. Zumindest aus Sicht des Gesetzgebers. Viele Autofahrer sind da anderer Meinung.

Ich musste an diesen Vorfall denken, als ich mir den Koalitionsvertrag durchlas, den SPD, Grüne und Linke in Berlin geschlossen haben. Dort sind viele Projekte vereinbart, die das Radfahren in der Stadt angenehmer und sicherer machen sollen. Mehr Fahrradwege, neue Abbiegeregelungen, Fahrradgaragen an S-Bahnen. Aber das alles wird ein grundsätzliches Problem nicht lösen: Viele Autofahrer haben noch immer nicht akzeptiert, dass Fahrradfahrer gleichberechtigte Verkehrsteilnehmer sind.

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Foto: Hanna Becker

Zunächst deutete wenig auf eine andauernde Liebesaffäre hin. Die erste Begegnung mit einem Fahrrad, an die Ralf Neukirch sich erinnert, endete mit einem Sturz. Doch irgendwann wurde für den SPIEGEL-Redakteur das Radfahren von der Notwendigkeit zur Leidenschaft. Seither hält er es mit John F. Kennedy: "Nichts ist vergleichbar mit der einfachen Freude, Rad zu fahren."

Von den schönen Momenten, aber auch den sportlichen, technischen und persönlichen Herausforderungen des Radfahrens erzählt Ralf Neukirch regelmäßig in diesem Blog. 

Es gab gute Grunde dafür, dass das Verkehrsministerium vor einigen Jahren die Benutzungspflicht für viele Radwege aufgehoben hat. Das Fahren auf der Straße ist vielerorts sicherer. Außerdem ist die Fahrt über Berliner Radwege ein Parcoursritt zwischen Schlaglöchern und Baumwurzeln, der allenfalls mit vollgefederten Mountainbikes Spaß macht. Eine spürbare Minderheit von Autofahrern ist trotzdem der Meinung, Fahrradfahrer hätten auf der Straße nichts zu suchen.

Das heißt nicht, dass diese Autofahrer ihrerseits die Radspuren respektieren würden. In Berlin wurden in den vergangenen Jahren viele Radwege, die auf dem Bürgersteig meist zwischen parkenden Autos und Fußgängerweg verliefen, durch sogenannte Schutzstreifen für Radfahrer ersetzt. Das sind eigene Spuren, die durch eine gestrichelte Linie von der Fahrbahn abgesetzt sind. Viele Autofahrer sehen darin eine willkommene Möglichkeit, ihr Auto zu parken. So stören sie wenigstens den fließenden Verkehr nicht.

In den USA wird das Parken auf Radwegen richtig teuer

Den Fahrstreifen auf der Paulsborner Straße, die auf meinem Arbeitsweg liegt, kann ich morgens selten in voller Länge nutzen. Mal versperrt ein Lastwagen, der Lebensmittel für einen Supermarkt anliefert, den Weg, mal ist es ein Pkw, dessen Fahrer schnell ein paar Hemden aus der Reinigung holt. Das ist gefährlich, weil ich mich dann in den Autoverkehr einfädeln muss. Was ich auf der Paulsborner Straße noch nie gesehen habe, ist ein Polizist, der die Falschparker aufgeschrieben hätte.

Im vergangenen Jahr habe ich ein halbes Jahr in Chicago verbracht. Die Stadt hat einiges für Radfahrer getan, es gibt auf vielen Straßen Fahrradstreifen. Eine Sache fiel mir auf: Die Autofahrer nahmen viel mehr Rücksicht auf Radler. Auf den Fahrradstreifen parkte niemand.

Amerikanische Autofahrer sind meiner Erfahrung nach nicht per se höflicher als deutsche. Ich glaube, dass ihr defensives Verhalten einen ganz einfachen Grund hat: Wer einen Fahrradfahrer anfährt und verletzt, für den kann es richtig teuer werden. Und das gleiche gilt das Parken auf Fahrradwegen.

Ich halte nichts von den zum Teil absurd hohen Summen, die im amerikanischen Recht als Strafe oder Schadenesrsatz üblich sind. Aber offensichtlich ist es so, dass Strafen bisweilen durchaus abschreckende Wirkung haben. Im Berliner Bezirk Wedding hat vor zwei Jahren ein Lastwagenfahrer, der laut Sachverständigengutachten über eine bereits vier Sekunden lang rote Ampel gefahren ist, einen Radfahrer getötet .

Er musste 5250 Euro Strafe zahlen. Den Führerschein durfte er behalten. "Sie sind Berufsfahrer und darauf angewiesen", urteilte die Richterin lapidar. So wird das jedenfalls nichts mit dem rücksichtsvolleren Fahren.

In Berlin-Mitte gibt es seit einiger Zeit eine uniformierte Fahrradstaffel der Polizei. Sie nimmt einen großen Teil ihrer Bußgelder von Fahrradfahrern ein. Dagegen ist nichts einzuwenden. Auch auf zwei Rädern gibt es genug rasende Rüpel, die nicht einsehen wollen, dass die Verkehrsregeln auch für sie gelten. Als Fußgänger rege ich mich selbst oft über solche Radfahrer auf.