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Fahrräder: Diese Innovationen werden günstiger

Foto: Stefan Weißenborn

Fahrrad-Innovationen Hightech für alle

Fahrräder sind teurer geworden – aber sie können auch viel mehr als vor ein paar Jahren. Selbst Allerwelts-Bikes sind mit Technik ausgestattet, die sich einst nur an High-End-Rädern fand. Die wichtigsten Beispiele.

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Es ist eine Art Doppeleffekt, der dazu führt, dass Menschen in Deutschland mehr Geld für Fahrräder ausgeben: Die wachsende Nachfrage nach E-Bikes treibt den Durchschnittspreis der verkauften Fahrräder seit Jahren. 2020 lag er nach Angaben des Zweirad-Industrie-Verbands (ZIV) bei 1279 Euro. Obendrauf kommt ein Coronaeffekt mit Lieferengpässen, der die Preise aktuell um 20 Prozent oder mehr hat steigen lassen. »Die Produktion kommt nicht hinterher«, sagt ZIV-Sprecher David Eisenberger. Entspannung am Fahrradmarkt erwartet er nicht vor Ende 2022.

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Diese Lage täuscht allerdings darüber hinweg, dass viele, einst kaum erschwingliche Komponenten am Fahrrad viel günstiger geworden sind – und Kunden deshalb oft mehr fürs Geld bekommen. Es finde sich mittlerweile Technik am Rahmen, die einst nur in höchsten Preissegmenten zu haben war, sagt Fahrradexperte Marco Brust vom Prüfinstitut Velotech in Schweinfurt.

»In Summe lässt sich verallgemeinernd sagen, dass die Performance eines 2000-Euro-Bikes von heute besser ist als jene eines 6000 Euro-Bikes von vor zehn Jahren«, sagt Veit Hammer von Trek, einem der größten Hersteller der Welt. Hinter dem allgemeinen Preisanstieg verbirgt sich eine Hightech-Demokratisierung. Vier Beispiele:

Leichtbau

Leichte und zugleich robuste Fahrräder zu bauen, ist aufwendig. Fertigungsverfahren, bekannt unter Begriffen wie »Hydroforming« und »Konifizieren«, ermöglichen Stahl- und Aluminiumrahmen mit dünnen Wandstärken, die auch stabil sind. Nur in stark belasteten Bereichen wie den Rohrenden wird das Material noch verdickt.

Doch wurden die Fertigungsverfahren nicht nur verbessert, sie sind auch günstiger geworden. »Leichtbau im Allgemeinen ist billiger geworden«, sagt Marco Brust. Am deutlichsten zeigt sich der Preisverfall bei Carbon. Rahmen aus dem zugfesten und leichten Kohlefasermaterial waren einst nahezu unerschwinglich. Vor fünf bis sechs Jahren, sagt Brust, habe beispielsweise ein Rennrad mit Vollcarbonrahmen noch über 6000 Euro gekostet. »Heute starten die Preise bei etwa 2500 Euro.«

Mittlerweile wird Carbon zum Teil automatisch gefertigt und nicht mehr ausschließlich von Hand. Kohlefasermatten, aus denen Rahmen laminiert werden, werden preisgünstig auf Webapparaten hergestellt. Und so trimmen Hersteller Fahrräder zunehmend mit Carbon auf Leichtbau – auch Gabeln, Sattelstützen und Lenker bestehen häufiger aus dem Werkstoff.

Bremsen

Scheibenbremsen am Fahrrad sind fast so alt wie das Fahrrad selbst. Große Komponentenhersteller nahmen sie in den Siebzigern ins Programm; in den Neunzigern kamen sie in Mode, zunächst am Mountainbike. Früher hätten Scheibenbremsen rund 2000 Mark gekostet, sagt Brust, »jetzt gibt es gute Systeme für 300 Euro.« Und es geht noch günstiger.

Die fester zupackende und gegenüber Nässe unempfindlichere Scheibenbremse verdrängt die in dieser Hinsicht defizitäre Felgenbremse zusehends. »Selbst in der letzten Bastion der Felgenbremsen, dem Rennrad«, würden mittlerweile mehrheitlich Scheibenbremsen montiert, sagt Michael Wild vom Shimano-Generalimporteur Paul Lange in Stuttgart. Nur an Fahrrädern im Preisbereich bis tausend Euro kämen oft noch Felgenbremsen zum Einsatz. »Doch auch hier nehmen Scheibenbremsen einen immer größeren Anteil ein.«

Scheibenbremse

Scheibenbremse

Foto: Stefan Weißenborn

Fahrradexperte Brust schätzt die Quote an hydraulischen oder mechanischen Scheibenbremsen bei nicht elektrifizierten Fahrrädern auf mittlerweile 50 Prozent, Tendenz steigend. E-Bikes würden zu etwa 80 Prozent mit hydraulischen Scheibenbremsen ausgerüstet.

Dabei seien Preise für Scheibenbremsen derselben Serie in den letzten fünf Jahren im Preis eher gestiegen, sagt Wild. Grund sei verbesserte Technik bei Nachfolgemodellen. Leistungsbereinigt seien die Bauteile tendenziell günstiger geworden.

Beleuchtung

Eine flackernde Halogenfunzel, die Strom von einem Dynamo erhält, der an der Reifenflanke surrt: So sah Fahrradbeleuchtung früher aus. »Vor 20 Jahren war der Seitenläufer-Dynamo noch Standard«, sagt Prüfingenieur Brust. Längst aber bezieht die Beleuchtung am Fahrrad Strom aus leicht laufenden Nabendynamos oder Akkus, die LED-Leuchtmittel versorgen.

Auch hier hat sich neue Technik schnell in die unteren Marktsegmente ausgebreitet: Bei Liegerädern oder teureren City- und Trekkingrädern seien LEDs schon früh vertreten gewesen, sagt Sebastian Göttling, Sprecher bei Busch & Müller, einem Hersteller von Fahrradbeleuchtung mit Sitz im sauerländischen Meinerzhagen. »Nur bei Billigsträdern findet man heute noch Halogenlicht.« 2005 kostete der erste LED-Scheinwerfer der Firma noch 50 Euro, heute liegt das – zudem heller leuchtende – Einstiegsmodell bei 20 Euro.

Doch der technische Fortschritt hat Fahrradlampen auch teurer gemacht. Die leistungsstärkeren Modelle arbeiten nicht mehr mit linsenbasierter Optik, sondern mit Spiegeltechnik, die das Licht laut Göttling auf größerer Fläche homogener verteilt. Heute kann man für einen Fahrradscheinwerfer mehrere Hundert Euro ausgeben. Das App-gesteuerte Flaggschiff beim Konkurrenten Supernova (der bereits 2004 sein erstes LED-Modell brachte) mit vergoldeten Steckverbindungen kommt nicht nur auf 275 Lux, sondern kostet samt Softwareupdates nach dem Kauf und Akkupack 539 Euro.

Dabei wandelt sich Fahrradbeleuchtung vom Anbauzubehör zum integrierten Bauteil: Hersteller wie Bianchi, Urwahn, Vanmoof oder Furo Systems lassen LEDs im Rahmen verschwinden, Teilefertiger wie Lightskin bauen Sattelstützen und Lenker mit integrierten Dioden. »Integrierte Beleuchtung« ist Marco Brust zufolge ein Trend, der noch an Fahrt aufnehmen wird – auch weil es dank LED-Technologie möglich ist, winzige Leuchten zu bauen.

E-Bikes und ihre Komponenten

Allein der seit Jahren wachsende Anteil von E-Bikes am Gesamtfahrradmarkt steht für die Technik-Demokratisierung: ZIV-Angaben zufolge landeten die Pedelecs in Deutschland im vergangenen Jahr schon bei einem Anteil von 38,7 Prozent.

Als Komponente ist der Akku günstiger geworden – er ist aber nach wie vor das teuerste Teil am E-Rad. »Die Kosten pro Wattstunde sind in den letzten fünf Jahren um etwa 50 Prozent gesunken«, sagt Experte Brust. Den grundsätzlichen Trend bestätigt Armin Harttig, Vertriebsleiter bei Bosch E-Bike-Systems, einem der Marktführer bei Pedelec-Komponenten.

So habe Bosch im Jahr 2012 für einen 288-Wattstunden-Akku einen Preis von 599 Euro empfohlen, heute koste ein 500-Wattstunden-Pack beim Fachhändler 739 Euro (UVP). Damit sank der Preis bei Bosch auf die Wattstunden bezogen in den vergangenen zehn Jahren von gut zwei Euro auf knapp 1,50 Euro. Allerdings geben die Kunden unterm Strich oft mehr Geld aus, da sie sich für größere Akkus entscheiden.

Schwer absehbar ist laut ZIV-Sprecher Eisenberger, wie sich die Preise von E-Bike-Akkus weiterentwickeln, angesichts von Lieferengpässen und Rohstoffverknappung. »Auch Skaleneffekte werden weiterhin eine Rolle spielen« – steigende Stückzahlen also Produktionskosten senken.

E-Bike-Motoren sind laut Harttig »über die Jahre auf einem vergleichbaren Niveau geblieben, während sie zugleich leichter und kompakter wurden«. Allerdings weisen viele Antriebe heute mehr Drehmoment auf – und sind teurer als schwächere Motoren von einst. Genaue Preise nennt der Zulieferer nicht, da Motoren nicht einzeln an Endkunden verkauft, sondern als Teil des Antriebssystems von Fahrradherstellern verbaut werden.

Dass E-Bikes – ohne Coronaeffekte – grundsätzlich günstiger geworden sind, belegen Zahlen des Zweirad-Industrieverbands allerdings nicht – im Gegenteil. Aktuell koste ein solches Rad in Deutschland durchschnittlich rund 2600 Euro. Für das Jahr 2015 ermittelte der Verband noch den Durchschnittspreis von 2000 Euro.

Dennoch sind E-Bikes günstiger zu haben als in ihren Anfangsjahren: So kosteten E-Modelle von Marken wie Scott und Cannondale, die die ersten Bosch-Antriebe verbauten, 2011 noch mindestens 2600 und 2800 Euro. Derzeit werden E-Bikes mit Bosch-Technik ab rund 1800 Euro gehandelt. Das ist exakt der Richtwert, den Branchenexperten als Mindestpreis nennen, ab dem E-Bikes mit guter Qualität verkauft werden.

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