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Fahrradfahren in Los Angeles: Vorsicht bei Gelb

Foto: © Fred Prouser / Reuters/ REUTERS

Fahrradfahren in Kalifornien Achtung L.A., hier komm ich!

Radfahren in Los Angeles? Die Idee ist nicht so irre, wie sie klingt. Radwege sind zwar die Ausnahme, aber die Straßen sind schön breit - und Autofahrer wie Fußgänger verblüffend entspannt. So wird die Zweirad-Tour durch Kaliforniens Metropole zum Geheimtipp.
Von Tijs van den Boomen

Flanieren ist die vornehme Form des Schlenderns. Obwohl im 19. Jahrhundert erfunden, ist es auch jetzt, im Zeitalter des Autos, die beste Methode eine Stadt als komplexes Kunstwerk schätzen zu lernen. Zumindest, wenn es sich um eine europäische Stadt handelt, die seit jeher auf Fußgänger eingestellt ist.

Aber wie macht man das eigentlich mit amerikanischen Städten, wie etwa in Los Angeles? Wie erobert man das Epizentrum der Stretchlimousinen? Nicht der Bürgersteig ist das Maß dieser Stadt, sondern der Freeway. Man braucht also eine Alternative, aber welche? Die Essenz des Flanierens ist, dass man Impulsen nachgeben kann: eine kleine Seitenstraße hineingehen, ein schönes Gebäude auch von hinten zu bewundern versuchen, sich auf eine Bank in der Sonne setzen. Diese Flexibilität hat neben dem Fußgänger nur der Fahrradfahrer.

Meine Ankündigung, L.A. mit dem Fahrrad erkunden zu wollen, stößt auf ungeahnt heftige Reaktionen. Unmöglich, lebensgefährlich und unverantwortlich, lautet in Kurzfassung das Urteil. Zwar haben die Stadtväter der US-Metropole in den vergangenen Jahren versucht, den Radfahrern ein wenig mehr Raum zu verschaffen, aber Fahrradstrecken wie der Santa Monica Bicycle Path - der am Pazifik entlangführt -, oder der L.A. River Bicycle Path, der parallel zum Namen gebenden Fluss verläuft, machen immer noch nur zwei Prozent der gesamten Straßenlänge aus. Und nur diese Strecken soll ich benutzen, sagt die Stadtverwaltung. Und ich soll sie mir auch noch mit Skateboardern und Joggern teilen.

Fahre nicht zu weit am Straßenrand

Es steckt wohl noch nicht einmal böser Wille dahinter. Die Amerikaner halten das Fahrrad eher für ein Sportgerät als für eine Alternative zum Auto oder zu öffentlichen Verkehrsmitteln. Auf der anderen Seite haben sie ein sehr entspanntes Verhältnis zu Radfahrern. Ich bräuchte keine Sorge zu haben, versichert der Fahrradvermieter: Im Schritttempo darf man in L.A. auf dem Bürgersteig fahren.

Aber das macht mir schon bald keinen Spaß mehr, und ich wechsle auf die breiten Avenuen und Boulevards. Der Asphalt ist schön glatt: Nach dem 1994er Erdbeben sind alle Durchgangsstraßen neu asphaltiert worden. Außerdem fahren amerikanische Autofahrer ganz ruhig und entspannt, in Berlin läuft man ein viel größeres Risiko, über den Haufen gefahren zu werden.

Das Prinzip ist einfach: fahre nicht zu weit am Straßenrand, sondern mach dich breit und groß und fahre in der Mitte der Fahrspur. Ob aus Höflichkeit oder aus Angst, in einen Unfall verwickelt zu werden, Autos umfahren dich weiträumig. Aber nur so lange man vor ihnen fährt. Denn rechtsabbiegende Autofahrer rechnen überhaupt nicht damit, dass sich ein Zweirad im toten Winkel aufhalten könnte. Über eine gelbe Ampel zu fahren, ist auch nicht ohne Gefahr. Die amerikanischen Kreuzungen lassen wenig Puffer für Nachzügler: Wenn die eine Seite auf Rot springt, darf die andere Seite fast im gleichen Moment losfahren. Auf breiten Kreuzungen kann das für Fahrradfahrer zu unangenehmen Situationen führen.

Busse erweitern den Radius der Radfahrer

Ein wahres Eldorado für Fahrradfahrer ist Downtown, wo der dichte Verkehr die Autos stark einbremst: Man kann ruhig überholen, zwischen sich stauenden Autos hindurchfahren und ab und zu den Bürgersteig nehmen, wenn mal eine Einbahnstraße den Weg versperrt. Hier trifft man auch andere Fahrradfahrer: Latinos und Schwarze, die sich kein Auto leisten können, und Profis wie Sicherheitsbeamte und Kuriere. Viele gibt es nicht, noch immer läuft weniger als ein Prozent des täglichen Berufsverkehrs in L.A. über das Fahrrad.

Mit dem Fahrrad fühle ich mich auch sicher genug, die problematischeren Viertel von Downtown zu sondieren. Man ist schnell genug, um im Ernstfall flüchten zu können, aber man kommt trotzdem mit seiner Umwelt in Berührung. Flanieren also, im eigentlichen Sinne des Wortes.

Erst nach einigen Tagen finde ich eher zufällig heraus, dass die geringe Zahl der Fahrradfahrer die Stadt nicht davon abhält, einen Service zu bieten, den ich in Europa noch nie genießen konnte: Fast alle Autobusse in L.A. haben an der Vorderseite einen Fahrradständer. Herunter klappen, Fahrrad festschnallen und los. Für sich selbst kauft man für sechs Dollar - etwa vier Euro - eine Tageskarte, das Fahrrad darf man umsonst mitnehmen. Und urplötzlich ist man nicht länger ans Zentrum gebunden, die komplette Riesenstadt ist in Reichweite. L.A., here I come.

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