Kunstobjekt Fahrradi Model MD Von 100 auf null

Maximale Entschleunigung in Gestalt größter Rasanz: Diesen Anspruch verfolgt Künstler Hannes Langeder mit seinen bizarren Fahrrädern. Sein jüngstes Werk erfüllt diese Anforderung nahezu perfekt.
Das Fahrradi Model MD ähnelt einem klassischen Rennwagen, fahren lässt es sich jedoch nicht – die Räder drehen sich nur im Stand. Es ist das jüngste Werk des österreichischen Künstlers Hannes Langeder

Das Fahrradi Model MD ähnelt einem klassischen Rennwagen, fahren lässt es sich jedoch nicht – die Räder drehen sich nur im Stand. Es ist das jüngste Werk des österreichischen Künstlers Hannes Langeder

Foto: Erich Goldmann

Mit seiner Arbeit, so könnte man sagen, ist Hannes Langeder, Jahrgang 1965, jetzt zum Stillstand gekommen. »Fahrradi Model MD« heißt das jüngste Werk des Österreichers, aber anders als vorherige Objekte ist es nicht mehr fahrbar – nur die Form erinnert an einen klassischen Rennwagen und damit an Geschwindigkeit.

Immerhin: Wenn man das Ding aufbockt, lassen sich die Räder drehen. Und spätestens dann dämmert es: Das Fahrwerk des Fahrradi Model MD ist ein vierfaches Zitat des berühmten Readymades von Marcel Duchamp (deshalb der Name »Model MD«), der 1913 ein Laufrad samt Gabel auf einen Küchenhocker montierte und dies als Kunst deklarierte.

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Unfahrbarer Rennwagen: Die Entdeckung der Langsamkeit

Foto: Erich Goldmann

Damals gab dieser Impuls der Kunstgeschichte eine ganz neue Richtung. Die daran angelehnte, pfeilschnell aussehende und in »rosso corsa«, dem typischen Ferrari-Rot, lackierten Skulptur hingegen ist eher ein Endpunkt, und zwar der eines vor mehr als zehn Jahren begonnenen künstlerischen Bremswegs.

Früher designte Langeder bizarre Fahrräder. Später konstruierte er zweispurige Tandemmodelle: den mit Goldfolie überzogenen Ferdinand GT3 und den Flügeltürer Fahrradi Farfalla FFX. Mit beiden – übrigens voll straßentauglichen und zulassungsregelkonformen Tretautos – radelte der Künstler durch seine Heimatstadt Linz und verursachte dabei erhebliches Aufsehen. »Ich wurde teilweise von Fußgängern überholt«, berichtete er über seinen Anspruch, in Gestalt größter Rasanz maximale Entschleunigung zu erzielen.

Jetzt geht gar nichts mehr. »Die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 0 km/h«, sagt Langeder über das Fahrradi Model MD. Zudem biete das Objekt auch gar keinen Platz für einen Passagier, damit zu fahren sei daher unmöglich. Funktionslos sei es aber nicht, betont Langeder, denn aufgebockt lassen sich die Räder ja drehen. Als Duchamp vor mehr als hundert Jahren das auf einem Küchenhocker montierte »Fahrrad-Rad« rotieren ließ, erklärte er, das Zuschauen sei ähnlich wohltuend und beruhigend, wie den Flammen in einem Kamin zuzusehen.

Stillstand in Ferrari-Rot

Rotieren und gleichzeitiger Stillstand? Die Skulptur passt ganz gut zur »Corona-G'schicht«, wie Langeder die gegenwärtig herrschende Pandemie nennt. Die vom Virus erzwungene Verlangsamung oder gar vorübergehende Einstellung des öffentlichen Lebens setzt ihm einerseits zu. Langeder betreibt normalerweise das »Salonschiff Fräulein Florentine« am Donauufer im Zentrum von Linz. Andererseits bot das Corona-bedingte Innehalten die Möglichkeit, etwa das Fahrradi Model MD zu schaffen.

Was soll jetzt noch kommen? Möglicherweise lässt Langeder ein Projekt aufleben, das die Zusammenhänge zwischen Geschwindigkeit, Luxus und Kontemplation auf dem Wasser erkundet. Schon vor Jahren nämlich hatte er damit begonnen, eine Luxusjacht mit Pedalantrieb zu bauen, kam jedoch nicht über erste Rohbaustudien hinaus.

Oder aber es erfüllt sich endlich ein lang gehegter Traum des Künstlers: Ein Autohersteller meldet sich bei ihm, um gemeinsam eine Kleinserie von abgasfreien, exklusiv designten und auch noch gesundheitsfördernden Pedalautos aufzulegen — ähnlich dem Ferdinand GT3 oder dem Fahrradi Farfalla FFX. Langeder: »Nach meiner bisherigen Erfahrung gäbe es für so ein Fahrzeug einige Interessenten.«

Die Skulptur Fahrradi Model MD übrigens ist derzeit in der Ausstellung »Posterwachsen« in der Knoll Galerie in Wien zu sehen.

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