Fahrrad-Blog Kannste knicken

Kwiggle

Für Falträder hatte ich nie viel übrig, bis ich von einem Modell im Format eines Reise-Accessoires hörte - und meine Haltung bei einer Testfahrt ins Schwanken geriet.

Meine erste und einzige Erfahrung mit Falträdern hatte ich vor etwa 40 Jahren gesammelt. Damals radelte ich gelegentlich mit meinem Onkel Paul von Bochum-Dahlhausen ins Karstadt-Restaurant in Essen-Steele. Die Gerichte fand ich großartig. Das Klapprad, wie es damals hieß, aber eher uncool.

Moderne Falträder haben mit den Klapprädern von früher natürlich nicht mehr viel gemein. Sie sind technisch ausgefeilt - und manche sehen sogar gut aus. Mich lassen sie trotzdem kalt. Ich lege mit dem Rad lieber meinen ganzen Arbeitsweg zurück, als es als Paket in der U-Bahn mitzuschleppen.

Als kürzlich Informationen über ein neues Faltrad in meiner Mailbox landeten, war ich dennoch interessiert: Es sollte sich nämlich um das kompakteste Exemplar der Welt handeln. Mit seinen Maßen von 55 x 40 x 25 Zentimetern könnte man es im Flieger als Handgepäck mitnehmen oder im ICE unter dem Sitz verstauen. Ich bin viel mit Zug und Flugzeug unterwegs - die Idee, dabei ohne viel Aufwand mein eigenes Rad mitnehmen zu können, fand ich faszinierend.

Zum Autor
  • Hanna Becker
    Zunächst deutete wenig auf eine andauernde Liebesaffäre hin. Die erste Begegnung mit einem Fahrrad, an die Ralf Neukirch sich erinnert, endete mit einem Sturz. Doch irgendwann wurde für den SPIEGEL-Redakteur das Radfahren von der Notwendigkeit zur Leidenschaft. Seither hält er es mit John F. Kennedy: "Nichts ist vergleichbar mit der einfachen Freude, Rad zu fahren."

    Von den schönen Momenten, aber auch den sportlichen, technischen und persönlichen Herausforderungen des Radfahrens erzählt Ralf Neukirch regelmäßig in diesem Blog.

Das angebliche Raumwunder heißt Kwiggle. Es ist von dem deutschen Ingenieur Karsten Bettin entwickelt worden. Weil das Kwiggle noch nicht in Serie produziert wird, habe ich mich mit dem Erfinder in Berlin getroffen, um einen Prototypen zu testen.

Ob es sich bei Bettins Entwicklung wirklich um das kompakteste Faltrad der Welt handelt, lässt sich nicht endgültig klären. Mein erster Eindruck war jedenfalls: Das Rad ist tatsächlich extrem klein. Und es lässt sich schnell und einfach auseinander- und wieder zusammenfalten. Den Sattel wegknicken, das Steuerrohr zusammenlegen, dann noch den Rahmen falten- in zehn Sekunden verwandelt sich das Rad mit etwas Übung in ein handliches Paket. Ich habe die Prozedur unfallfrei überstanden, was angesichts meines handwerklichen Geschicks für das Kwiggle spricht.

Besonders stolz ist Bettin auf das Gewicht seines Rades. Es wiegt nach seinen Angaben 8,5 Kilogramm, das sind rund zwei Kilo weniger als ein vergleichbares Rad der britischen Firma Brompton. Dafür sieht das Brompton im fahrbereiten Zustand eleganter aus. Das Kwiggle erinnert dagegen an eine Mischung aus Tretroller und orthopädischer Gehhilfe.

Der optische Eindruck ist nicht ganz falsch, wie sich bei der Probefahrt zeigt. Auf dem Kwiggle sitzt man nicht wirklich, eigentlich steht man. Der Lenker ist sehr nah am Körper, der Sattel schwingt hin und her, weil er an einer beweglichen Strebe befestigt ist. Das fühlt sich ziemlich wackling und schwankend an, und ich war mir sicher, dass ich mich spätestens in der ersten Kurve auf die Nase legen würde.

Fotostrecke

6  Bilder
Fahrrad-Blog: Klein, kleiner, Kwiggle

Doch nach einigen Minuten war ich an die ungewöhnliche Fahrweise gewöhnt. Durch die aufrechte Position hat man einen guten Überblick, was in der Stadt wichtig ist. Der kurze Radstand und die kleinen Räder machen das Rad sehr wendig. Und hat man die anfängliche Unsicherheit überwunden, lässt sich mit dem Kwiggle zügig vorankommen.

Ich bin nicht lange genug gefahren, um zu beurteilen, ob sich die ungewöhnliche Bewegungsmixtur aus Laufen und Fahren auch nach ein oder zwei Stunden noch gut anfühlt. Darauf wird es in der Praxis den meisten Fahrern nicht ankommen. Als Treckking- oder Rennrad ist das Kwiggle ohnehin nicht gedacht.

Lohnt sich die Anschaffung also? Kommt drauf an: Wer täglich zwischen Bahn und Fahrrad hin- und herwechselt, für den könnte der Kauf sinnvoll sein. Auch als Fahrrad, das man im Büro stehen hat und für schnelle Fahrten in der Stadt nutzt, ist das Kwiggle gut geeignet. Gegen den sporadischen Einsatz spricht jedoch der hohe Preis - das Kwiggle soll etwa 1500 Euro kosten, das ist für ein gutes Faltrad nicht überteuert, aber eben doch eine Menge Geld.



Diskutieren Sie mit!
48 Leserkommentare
vish 02.01.2017
hmutt 02.01.2017
was-zum-teufel... 02.01.2017
jallajalla 02.01.2017
gumbofroehn 02.01.2017
faustus-von-zeuch-strasse 02.01.2017
silenced 02.01.2017
silenced 02.01.2017
Sibylle1969 02.01.2017
fisschfreund 02.01.2017
Leser161 02.01.2017
rainerwäscher 02.01.2017
kiwi.pro 02.01.2017
varesino 02.01.2017
hmutt 02.01.2017
spontanistin 02.01.2017
tradepro 02.01.2017
dröhnbüdel 02.01.2017
HH_Deern 02.01.2017
openda 02.01.2017
Stäffelesrutscher 02.01.2017
Sibylle1969 02.01.2017
Sibylle1969 02.01.2017
soeltiger 03.01.2017
Leser161 03.01.2017
mazzmazz 03.01.2017
heb78 03.01.2017
l/d 03.01.2017
Leser161 03.01.2017
schgucke 03.01.2017
benmartin70 03.01.2017
Sibylle1969 03.01.2017
brux 03.01.2017
rainerwäscher 03.01.2017
hmutt 03.01.2017
a.grab 03.01.2017
fatherted98 03.01.2017
hmutt 03.01.2017
a.grab 03.01.2017
hmutt 03.01.2017
jgwmuc 03.01.2017
jkbremen 03.01.2017
claudinho1 03.01.2017
soeltiger 04.01.2017
baghira1 04.01.2017
k.j.hermann65 04.01.2017
zielerreicher 04.01.2017
zielerreicher 04.01.2017

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.