Fatbikes Breiten-Sport

Durch den Tiefschnee auf zwei Rädern? Kein Problem, wenn richtig breite Reifen montiert sind. Fatbikes ermöglichen im Corona-Winter kleine Abenteuer – auch auf dem Weg zur Arbeit.
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Fatbikes: Unimogs auf zwei Rädern

Foto: Skyshot/Greber / Canyon

Eine Faust genügt nicht, um die Breite von Fatbikereifen genau zu beschreiben, auch ein Butterstück nicht. Die Pneus sind noch weiter, bis zu gut fünf Zoll, also knapp 13 Zentimeter. Der erste VW Golf von 1974 hatte ab Werk nur 1,7 Zentimeter breitere Gummis aufgezogen als die fettesten Fatbikes von heute.

Fatbikefans berichten von wunderbaren Fahreigenschaften. Entsprechend hat diese Gattung spezieller Mountainbikes einen Boom erlebt. Doch über die Jahre hat sich das Marktangebot ausgedünnt.

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Das ist ein bisschen schade angesichts der aktuellen Witterung. »Jetzt haben wir viel Schnee in Deutschland. Mit dem normalen Mountainbike sinke ich ein, mit dem Fatbike rolle ich einfach drüber«, beschreibt Marc Gölz vom Hersteller Silverback aus Nürtingen den Aufschwimmeffekt, den man von Ski kennt.

In sozialen Medien häufen sich mit dem Wintereinbruch Posts von begeisterten Fahrern. »Winter, Berge, Fatbikes«, schreibt @photo4view auf Twitter, »was für ein cooler Ritt.«

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Und @maitretawaki berichtet: »Heute Morgen habe ich das #fatbike zum Pendeln benutzt. Großer Spaß, glücklich, das Auto unter seiner Schneedecke schlafen zu lassen.«

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»Wie auf Watte fahren Sie«, pflichtet Daniel Lippert bei. Er ist Inhaber und Geschäftsführer von Elom im bayerischen Großostheim. Elom ist eine Manufaktur, die ausschließlich E-Fatbikes in kleinen Stückzahlen baut, 70 bis 80 Stück im Jahr. Unter widrigen Umständen wie in Matsch, auf Sand oder im Tiefschnee komme man mit einem Fatbike besonders gut durch, sagt Lippert.

Aufgrund der Reifenbreite können die großvolumigen Reifen mit sehr geringem Luftdruck gefahren werden. Beide Faktoren bewirken, dass das Gummi mit einer viel größeren Fläche Kontakt zum Untergrund hat als ein normaler Mountainbikereifen. »Wenn Sie 2,4 Zoll mit 4,8 Zoll vergleichen, sprechen wir bei der Aufstandsfläche ungefähr vom Faktor zehn«, sagt Lippert.

Mit 0,5 Bar und weniger aufgepumpt bieten die Reifen viel Grip und eine weit bessere Traktion. Sie passen sich dem Untergrund förmlich an, die Kraft überträgt sich besser. »Ich komme Berge hoch, die ich mit einem normalen Mountainbike nicht mehr schaffe«, sagt Silverback-Sprecher Gölz. Ein weiterer Vorteil ist der Fahrkomfort, den die Spezialräder auch auf Geröll und Wurzeln bieten. »Ein Waldweg fühlt sich fast wie ein asphaltierter Radweg an«, meint Lippert. Weil die fetten Pneus dämpfen, sind Federgabeln oder Rahmendämpfer kaum notwendig.

Dennoch sind die Fatbikes, die einst als Trend aus Amerika nach Europa kamen, auf dem Rückzug. »Fatbikes waren vor vier, fünf Jahren ein Hype«, sagt Hans-Peter Obermark vom Verband des Deutschen Zweiradhandels (VDZ) in Bielefeld. »Aus heutiger Sicht sind diese Räder eher als ›Special Interest‹ einzustufen.« Viele Hersteller hätten die Fatbikes nicht mehr im Lieferprogramm. Das bestätigt Tom Dachroth vom Fahrradgeschäft Rocky Mountain and Friends in München. Er habe Modelle von Rocky Mountain im Laden gehabt, doch die kanadische MTB-Marke liefere nicht mehr nach Europa. Andere Hersteller wie Specialized, KTM oder Cube haben die Unimogs unter den Bikes ganz aus dem Katalog genommen.

Händler Dachroth sieht vor allem wirtschaftliche Gründe, denn die technischen Änderungen gegenüber Mountainbikes erschöpfen sich nicht in den Ultrabreitreifen. Dass diese aufgenommen werden können, erfordert extrabreite Gabeln und weit auseinanderklaffende Sitzrohre am Hinterbau. Auch die Nabe ist breiter. Daher wächst auch das Tretlager in die Breite – was teils spezielle Kurbeln erfordert.

Fatbike-Trend ist abgeflaut

Alles in allem ist das zu aufwendig und teuer für kleine Stückzahlen. Die Gattung habe sich für viele Hersteller »auf lange Distanz als unökonomisch« erwiesen, meint der Fahrradhändler. Mitten im Corona-Bike-Boom kauften ihm im vergangenen Jahr nur drei, vier Kunden ein Fatbike der Marken Salsa oder Surly ab, die weiterhin kleine Stückzahlen nach Deutschland liefern. Specialized-Sprecher Dennis Rankl sagt: »Es war ein kurzer Trend, der auf lange Sicht für uns nicht nachhaltig war.« Zusätzlich habe sich die Zielgruppe verkleinert, weil die Reifen normaler Mountainbikes selbst immer breiter geworden seien – mittlerweile rollen diese oft auf 2,6 Zoll.

Neben den teils hochpreisigen Spezialherstellern wie Elom sind nur wenige große Hersteller wie Trek oder Canyon aus Koblenz den skurril dicken Schlappen treu geblieben. »Weil wir Märkte haben, in denen diese Bikes stark nachgefragt werden«, sagt Canyon-Sprecher Thorsten Lewandowski und nennt die USA und Skandinavien.

Für Kunden in Deutschland, wo es kaum Sandpisten und eher selten Schnee gebe, sieht der Sprecher Fatbikes als »Schlechtwetterfahrzeuge« für Mountainbiker, die trotzdem rauswollen – etwa wenn Waldwege zu tiefen Schlammpisten werden. Auch wenn die jetzigen Schneemassen schmelzen, könnte es mancherorts also nur mit dem Fatbike komfortabel weitergehen.