Ferngesteuerte Modellautos Verrückt nach der Toystory

Von Dirk Maxeiner

2. Teil: Auch den Verlauf einer Happy Hour kann man kontrollieren – mit einer Fernbedienung



Auch Olivier Sebastiani sucht und sammelt längst systematisch. Die großen Marken bei den RC-Modellen heißen nicht Mercedes oder Porsche, sondern Associate, Hirobo, Yokomo, Kyosho Schuhmacher, Marui, Nichimo oder Tamiya – um nur einige wenige zu nennen. Den größten Marktanteil haben traditionell japanische Hersteller, was am spezifischen Nationalcharakter liegt. "Die Japaner haben einfach den entsprechenden Spieltrieb", erzählt Olivier Sebastiani, "der wird in den Forschungsabteilungen der japanischen Industrie-Unternehmen ja auch gezielt gefördert." Der Schwerpunkt der Sammlung Olivier Sebastiani besteht aus Offroad-Modellen im Maßstab 1:10 mit Elektromotor.


Sie wurden seit den siebziger Jahren zu hunderttausenden gebaut, allerdings auch im gleichen Tempo verschlissen. Der Stand der damaligen Fertigungstechnik nötigt Olivier Sebastiani großen Respekt ab: "Die haben in Großserie mit Fiberglas und Aluminiumlegierungen gearbeitet und waren damit der richtigen Automobilindustrie weit voraus. Absolut erstaunlich."

Die wichtigsten Modelle der wichtigsten Hersteller sind bei Olivier Sebastiani fast komplett versammelt – vor allem die der ausgestorbenen Anbieter. Das Ganze meist als fahrfertiges Exemplar und dann noch einmal als Bausatz. Hinzu kommen die Tuningteile, mit denen sich die Geländebuggys aufrüsten lassen. Auf einem großen Tisch stehen viele Dutzend dieser Gefährte. Sieht aus wie ein Fahrerlager für das Baja 1000 Meilen-Rennen. Vertreten sind sämtliche Ausbaustufen – vom reinen Serienmodell bis zu hochgerüsteten Einzelstücken, die nur noch wenige technische Details mit dem Original gemeinsam haben. Die nächste Steigerungsstufe sind dann die etwas robusteren 1:8 Offroad-Modelle. Sie sind etwa 45 Zentimeter lang.

Eine wahre Augenweide bieten auch die "Glattbahn"-Rennwagen, die Sportwagen, Prototypen oder Formel-Rennwagen der sechziger, siebziger und achtziger Jahre nachgebildet sind. In den sechziger Jahren waren das oft reine Eigenbauten, die dann allmählich in Kleinstserien übergingen. Mit den aktuellen Fahrzeugen dieser Kategorie werden spektakuläre Weltmeisterschaften ausgefahren, wobei sogar die Materialschlacht Züge eines richtigen Rennzirkus annimmt. Materialien wie Carbon oder Titan gehören zum Standard, genauso wie vorgeheizte Reifen oder Schnellverschlüsse für die Felgen. Die Einstellwerte des Fahrwerkes werden mit dem Computer ermittelt und gehütet wie ein Staatsgeheimnis. Die Minirenner fliegen zwischen den Kurven so schnell hin und her wie ein Matchball zwischen Boris Becker und André Agassi. Folge: Nach zehn Minuten schmerzt dem Publikum die Nackenmuskulatur.

Beim Gang durch seine Schatzkammern zaubert Olivier Sebastiani ständig neue Leckerbissen hervor. Beispielsweise einen Satan Formel 1 als Bausatz im Maßstab 1:6. Sogar der Original-Karton wird stilsicher von Poppnieten zusammengehalten – genau wie sie bei einem richtigen Formel 1-Wagen verwendet werden. Oder einen fahrfertigen Ford Cobra 427 Shelby Cobra mit OHC V8 Motor als Scale Modell im Maßstab 1:4 von Conley, USA. Unter der Haube arbeitet wie im Original ein Achtzylinder(!)-Viertaktmotor. "Und der klingt auch wie ein V8", weiß Olivier Sebastiani. Der Cobra wiegt etwa 25 Kilo und steht mit einem fünfstelligen Kaufpreis in der Liste. Zwölfzylinder und Wankelmotoren, Panzer und Jeeps, Schwimmwagen und Amphibienfahrzeuge, Motorräder und Trikes – es gibt fast nichts, was es auf dem Markt der ferngesteuerten Modellfahrzeuge nicht gibt.


Olivier Sebastianis besondere Zuneigung gilt den Trial-Modellen und den Wettkämpfen, die damit ausgetragen werden. Das mag daran liegen, dass er eine so große Faszination für den amerikanischen Jeep empfindet – im Original wie im Modell. "Mich reizt das Pure an diesem Auto, vier Räder, ein Motor, ein Lenkrad und ein bisschen Blech." Deshalb hat er einen Jeep mit einem besonders leistungsfähigen Chassis im Maßstab 1:10 entwickelt.

In den USA sind auch die sogenannten "Crawler" sehr beliebt. Das sind äußerst kletterfähige Modelle, mit denen man notfalls durch das Treppenhaus in den ersten Stock fahren kann. Original-Vorbilder dafür gibt es schon längst nicht mehr. Die Modellautos haben auf diesem Gebiet ihre großen Brüder technisch überholt. So tauchten bei den Minis zuerst charakteristische Radaufhängungen an Vierpunkt-Aufnahmen auf, die sich extrem verschränken können. Inzwischen imitieren die Konstrukteure diese Technik für erwachsene Wettbewerbsfahrzeuge.

Was als Modellbau begann, emanzipiert sich allmählich von seinen großen Vorbildern und strahlt in das richtige Leben ab. So ist der Übergang zwischen Modell und Roboter längst fließend. Winzige geländegängige Kameramobile erkunden heute Schäden in Abwassersystemen. Militärs setzen Mini-Panzer für die ferngesteuerte Entschärfung von Sprengsätzen ein. Weltraumtechniker nutzen das Know-how bei ihren Entwürfen für Mond- und Marsmobile. So ein Nasa-Rover mit original Marsstaub wäre natürlich ein ganz besonderes Sammlerstück. Schließlich transportiert so ein Gefährt auch eine wichtige Lehre: die vom Kollateralnutzen des Spieltriebs.

* Name von der Redaktion geändert



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