Fernverkehr Sprit bei 23° 04’ 45’’ S, 123° 12’ 14’’ E

Diese unwegsame Piste gilt als die Eigernordwand der Allrad-Fans: Über 1900 Kilometer führt die Canning Stock Route durch das Outback West-Australiens. Tankstellen existieren nicht - Treibstoff gibt es nur per GPS-Peilung.


Schuld waren die Zecken. Als die Rinderbarone des Kimberleys im äußersten Nordwesten Australiens um 1870 Zebu-Rinder aus Afrika importierten, brach eine biblische Seuche über ihre Herden herein. Die mit den Zebus eingeschleppten Parasiten vermehrten sich massenhaft. Die Wasserstellen färbten sich feuerrot vom Urin der kranken Tiere, die nach Abkühlung suchten.

Die einzige Chance, das "Red Water Fever" und die tödlichen Zecken einzudämmen, lag im monatelangen Viehtrieb durch die australischen Wüsten südlich der Kimberley-Region - die Trockenheit und unwirtliche Hitze der Tanami, der Gibson und der Great Sandy Desert überlebten selbst die Zecken nicht.

Da lag es auf der Hand, die Herden gleich weiter zu treiben, denn im Süden, in den Goldfeldern West-Australiens, wurden inzwischen gute Preise für Rinder gezahlt - die Zahl der Glücksritter und Prospektoren schnellte dort in abenteuerliche Höhen: Wiluna, 1890 noch ein Kaff mit 75 Einwohnern, besaß 20 Jahre später zwölf Taxen, fünf Sportstadien und vierzig Absteigen. Das Weeloona Hotel warb mit "der längsten Theke der Welt".

In vier Jahren durch das Niemandsland

Das einzige Problem der Rinderzüchter: Zwischen Halls Creek im Süden des Kimberleys und Wiluna lagen 1500 Kilometer unerschlossene Wüste. Nur Eingeborene wagten sich in dieses Niemandsland. 1906 wurde der Landvermesser Alfred Canning unter Vertrag genommen: Der erledigte den gigantischen Job ohne Rücksicht, nahm Aborigines als Geiseln oder erschoss sie, wenn sie nicht kooperierten. Auch einige seiner Männer kamen ums Leben. Mehrmals waren die Arbeiter kurz vor dem Verdursten.

Innerhalb von vier Jahren legten Canning und seine Mannschaft einen Track durch tausend Sandünen, bizarre Felsformationen, Buschland und endlose Salzebenen und gründeten 51 Brunnen, die jeweils maximal zwei Tagesmärsche voneinander entfernt Viehtreiber und Herden mit Wasser versorgen sollten. 1911 trieb der "Drover" Tom Cole den ersten "Mob" aus mehreren hundert Rindern von Halls Creek nach Wiluna.

Nach dem letzten Viehtrieb Ende der fünfziger Jahre geriet die "Canning Stock Route" in Vergessenheit. Erst 1968 wurde er das erste Mal mit einem Jeep befahren. Heute ist die Piste an vielen Stellen mit Spinifex-Gras zugewachsen; die Brunnen sind bis auf wenige Ausnahmen versandet. Auf der Canning sind inzwischen nur noch Allrad-Abenteurer unterwegs, denn die Strecke mit ihren fast tausend Sanddünen gilt als anspruchsvollste im Australischen Outback - die Eigernordwand für hart gesottene Offroad-Fans.

Wir sind die Canning Stock Route im Mai 2007 gefahren – mit zwei Landcruisern und vier alten Yamaha-XT600-Geländemaschinen. Die Fahrt ist auch heute noch eine gnadenlose Tortur, vor allem auf dem Motorrad – und eine logistische Herausforderung: Ohne Vorräte für zwei Wochen und Sprit für 2000 Kilometer geht gar nichts.

Der Tankwagen ist ein Monster

Ohne die Hilfe von Kevin Roney hätten wir die Strecke nicht geschafft: Der Fahrer des Capricorn Roadhouse in Newman fährt alle sechs Wochen mit einem Monster eine Tour durch das Outback West-Australien: Sein Lkw, ein ausrangierter und umgebauter Sechsachser der Flughafenfeuerwehr in Perth, ist das einzige Fahrzeug, das die haushohen Dünen und Schlammlöcher der Regenzeit auch mit zwei Tonnen Zuladung schafft und regelmäßig Sprit in die abgelegenen Mining- und Aborigine-Camps liefert.

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Patrik Dietrich
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Die sichere Versorgung der Canning-Stock-Tourer ist nicht gerade billig: Nur wer mindestens acht Wochen im Voraus einen horrenden Preis bezahlt, findet seine 200-Liter-Fässer beim "Capricorn Fuel Dump" in der Nähe von Brunnen 23. Exakt bei 23° 04’ 45’’ S, 123° 12’ 14’’ E. Das Capricorn Roadhouse hat noch keinen im Stich gelassen. Diese Tankstelle ist immer offen und ist leicht zu finden – vorausgesetzt, man kann mit einem GPS-Gerät umgehen.

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