Fernverkehr Warum deutsche Autos im Libanon out sind

Viele Rostlauben aus Duisburg, Hamburg oder Berlin wurden in Beirut bisher meistbietend verscherbelt. Doch Abwrackprämie und Wirtschaftskrise verändern jetzt auch im Libanon den Gebrauchtwagenmarkt. Neuerdings heißt die Devise: Cadillac statt Mercedes.

Aus Beirut berichtet


Maen Helwe liebt die Deutschen: "Sehr gute Autos, perfekt für mich und meinen Bruder", sagt er. Helwe betreibt an der Corniche, der Strandpromenade von Beirut, einen florierenden Automobilhandel. Sein Bruder leitet die ebenfalls prosperierende Zweigstelle in den südlichen Hisbollah-Vororten.

Die gelegentlichen Luftangriffe - wie etwa die israelischen vom Jahr 2006 - sind ironischerweise sogar gut fürs Geschäft. Mancher Libanese brauchte nach den Bombardements nämlich einen neuen Wagen. Doch neuerdings haben die Helwes Stress mit ihrem deutschen Lieferanten für Nutzfahrzeuge. Schuld daran ist die Abwrackprämie. Der Nachschub bleibt aus.

Die Helwes haben ihr Sortiment deshalb stärker auf Nobelkarossen umgestellt. Einer ihrer Onkel hat einen während des Bürgerkriegs ausgewanderten Schulfreund in den USA kontaktiert. Der organisiert jetzt den Nachschub von Lexus-Modellen, BMW 7ern und Benz-Limos. Sie sind bei Hisbollah-Funktionären, fundamentalistischen Schiiten, sektiererischen Drusen und christlichen Maroniten gleichermaßen beliebt.

Noch vor fünf oder sechs Jahren standen auf dem Helweschen Autohof fast ausschließlich Importe aus Deutschland. Sowohl das Luxussegment als auch das Lieferwagen-Geschäft mit ihrem Mann in Hamburg rentierte sich. Der Euro notierte niedrig, so dass durchgerostete Käfer, Benz-Limousinen und schrabbelige Lieferwagen in rauen Mengen über Hamburg oder Bremerhaven verschifft wurden. Jeder noch so alte Fiat Ducato, Renault Rapide und sogar VW-Pritschenwagen wie der von Dachdecker Prehn aus Lübeck fand einen Abnehmer. Helwe weiß aus langjähriger Erfahrung: "Man kann jedes Auto noch verkaufen; das hängt nur vom Preis ab."

Auto-Anekdoten aus aller Welt
Patrik Dietrich
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Wie gesagt, Helwe liebt die Deutschen und ihre Autos. Doch mit dem Höhenflug des Euro bis auf zeitweise 1,60 Dollar wurden Einkäufe auf dem US-Markt interessanter. Helwe ist Geschäftsmann, und als solcher kann man sich in der Levante keine Sentimentalitäten leisten: "Wir kaufen da, wo wir die günstigsten Angebote finden." Auch wenn der Euro momentan wieder etwas schwächelt: Die Preise sind zurzeit sensationell auf dem US-Markt - die Zahl derer zwischen Boston und Frisco, die ihre teuren SUVs und V8-Limousinen aus purer Not abstoßen müssen, ist riesig.

So sind die alten deutschen Wagen vom Hof verschwunden. Stattdessen werden an der Corniche nun fast neuwertige Amis verkauft. Aber Autohändler Helwe wäre kein richtiger Libanese, wenn er nicht ein Quentchen Wehmut zulassen und den alten Zeiten nachtrauen würde: "Vor allem die deutschen Transporter haben wir gerne verkauft. Die hatten immer so schöne bunte Aufschriften. Was bedeutet eigentlich Heizungsbau?"



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