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Flugzeugschlepper Goldhofer AST-1 X Er hebe hoch!

Er hat 1360 PS - aber schafft nur 30 km/h in der Spitze. Der Witz beim Goldhofer AST-1 X 1360: Die schafft er auch mit einem Airbus im Schlepp. Das Kraftbrikett ist der stärkste Flugzeugschlepper der Welt, der sogar den 560 Tonnen schweren A380 anheben kann. Dann mal rauf auf das Ding.

Das soll der stärkste Flugzeugschlepper der Welt sein? Aus der Ferne sieht der Goldhofer AST-1 X 1360 fast ein wenig unscheinbar aus: breit, eckig und vor allem flach. Am ehesten vergleichbar mit einem Frühstücksbrett oder einem besonders flachen Ziegelstein. Keine Spur von der Power, die sogar die eines Bugatti Veyron um einiges übertrifft.

Steht man direkt neben dem Gefährt, bekommt der Betrachter jedoch schnell eine Ahnung von der Leistung des Schleppers. Schließlich wuchtet der elf Meter lange und 4,5 Meter breite AST-1 X 1360 den Airbus A380 - eines der größten zivilen Serienflugzeuge mit einem maximalen Gewicht von 560 Tonnen - am Frankfurter Flughafen über die Rollbahnen. Vor allem die Aufnahmetechnik zum Anheben des Flugzeugs ist beeindruckend und sieht aus wie ein Labyrinth aus Leitungen und Schläuchen.

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Goldhofer AST-1 X 1360: Ein Kleiner zieht die Großen

Foto: Goldhofer

Kurz bevor Schlepperfahrer Stefan Zapp auf den Startknopf für die beiden V8-Dieselmotoren drückt, ist die Spannung groß. Der Hersteller gibt den Hubraum mit 15,9 Litern an - pro Maschine. Doch wer jetzt ein akustisches Inferno erwartet, wird enttäuscht. War da was? Nach dem Anlassen ist lediglich ein dumpfes Brummeln zu hören, das vom Lärm des Flughafens fast übertönt wird.

Unten arbeiten, oben freuen

Doch als Zapp das Gaspedal durchdrückt, wird sofort klar: Der AST-1 X mit 1360 PS ist ein schieres Kraftpaket. Das Gefährt fährt so flott an, als sei es federleicht und kein 45-Tonnen-Trumm.

Wir sind auf dem Weg zum Gate C14 am Terminal 1, dort wartet die Lufthansa-Maschine LH 454 und ist bereit für den Flug nach San Francisco im US-Bundesstaat Kalifornien. Kurz bevor Fahrer Zapp den Airbus huckepack nehmen kann, offenbart sich ein erster Nachteil des Schleppers. Zapp muss sich dem Flieger von vorn nähern und dazu unterhalb des Terminals an das Gate heranfahren. Für die letzten Meter kann der Frankfurter den Fahrersitz inklusive Cockpit um 180 Grad drehen, so dass er rückwärts fahren kann, ohne sich den Hals zu verrenken. Doch das kurze Stück ist Zentimeterarbeit, so eng ist es unter dem Terminal.

Gleich kann Zapp das Bugfahrwerk des A380 umschließen. Das Heck seines Schleppers ist offen, so dass die Flanken des Fahrzeugs das Räderwerk in ihrer Mitte aufnehmen. Dass der Schlepper nicht zu schnell heranfährt, regeln zwei Lichtschranken und die Steuerelektronik. Sobald die richtige Position erreicht ist, schießen pro Minute 1500 Liter Hydrauliköl auf Knopfdruck durch die Leitungen und zwei riesige Schaufeln nehmen die beiden vorderen Reifen des Airbus in die Mangel.

Spätestens jetzt zeigt der Goldhofer AST-1 X 1360 seine wahre Stärke, denn er nimmt fast 560 Tonnen auf die Schulter. Die Motoren heulen auf, und das Gewicht des Flugzeugs presst den Schlepper auf den Boden. Es kommt ein leichtes Unwohlsein auf, wenn man diese Situation nicht gewohnt ist. Zapp hingegen bleibt völlig locker. Die Vibrationen, die das Fahrzeug durchschütteln, erinnern an einen startenden Flieger. "Gleich haben wir ihn", sagt der Fraport-Mitarbeiter. Dann hebt sich der noch stehende A380 langsam vorn um rund einen halben Meter.

Auf die Dauer hilft nur Power

Für die Kommunikation mit dem Kapitän im Cockpit des Flieger ist der Lademeister zuständig. Während des Transports steht er auf einer kleinen Plattform neben der Fahrerkabine. "Nase nach Osten", ruft er Zapp zu und meint damit die Ausrichtung des Airbus auf dem Rollfeld.

Der Fahrer drückt auf das Gaspedal und schiebt das riesige Flugzeug vom Gate weg. "Das AST-1 X 1360 hat eine Höchstgeschwindigkeit von 30 km/h", sagt Zapp, und legt eine Kunstpause ein. "Egal, ob mit oder ohne Flugzeug", lacht er.

Der Goldhofer AST-1 X 1360 ist der größte Flugzeugschlepper der Welt. Bislang hat der Hersteller insgesamt fünf Exemplare ausgeliefert. Außer in Frankfurt kommen noch zwei Modelle bei Airbus in Hamburg Finkenwerder und ein Fahrzeug in China zum Einsatz. Wesentlich mehr dürften es wohl auch nicht werden. Zwar hat die lange Version klare Vorteile beim Schleppen über große Distanzen und Fahrten mit hoher Geschwindigkeit. Doch im sogenannten Push-Back-Betrieb - also dem Wegschieben von Gate - ist die dreiachsige Version zu überdimensioniert und unwirtschaftlich.

Einer von wenigen

Nach Angaben des Flughafenbetreibers Fraport kostet der Dreiachser rund 1,5 Millionen Euro. Vor allem aber ist der Verbrauch immens. Unter Volllast gurgeln 120 Liter Diesel durch die Leitungen - pro Stunde. Da ist die zweiachsige Version des AST-1 X deutlich sparsamer, die genehmigt sich nur rund die Hälfte des Kraftstoffs und kann trotzdem den A380 durch die Gegend schieben. Dessen ist sich auch der Hersteller bewusst und produziert den Dreiachser nur auf speziellen Kundenwunsch.

Pusher Zapp ist das egal. Während er die Maschine LH 454 auf dem Rollfeld absetzt, dürften sich die Insassen auf ihre Reise nach Amerika freuen. Zapp hingegen ist gedanklich schon beim nächsten Airbus, der auf seine Dienste wartet. Und das macht stolz: "Bei uns in der Gruppe sind es sieben Mann, die Dreiachser fahren dürfen, und ich bin einer davon. Das ist schon ein Highlight."