Elektro-Pick-up Ford F-150 Lightning Lade der Nation

Für Elektroautos interessierten sich in den USA bislang vor allem Idealisten. Das dürfte sich schlagartig ändern: Ford bestückt das beliebteste Fahrzeug der Amerikaner mit E-Antrieb – zu einem unschlagbar günstigen Preis.
Ein LED-Leuchtband über die gesamte Breite der Frontpartie kennzeichnet den elektrisch angetriebenen Ford F-150 Lightning. Der Pick-up mit zwei E-Maschinen soll ab Frühjahr 2022 den US-Elektroautomarkt aufmischen.

Ein LED-Leuchtband über die gesamte Breite der Frontpartie kennzeichnet den elektrisch angetriebenen Ford F-150 Lightning. Der Pick-up mit zwei E-Maschinen soll ab Frühjahr 2022 den US-Elektroautomarkt aufmischen.

Foto: Ford

Kann man ein Auto lieben? Vor einem Jahr fragte Ford Besitzer des Pick-up-Modells F-150, ob sie eher auf ihr Auto, ihren Streamingdienst oder auf Alkohol verzichten würden. Okay, das hat nichts mit Liebe zu tun, doch die Antworten deuten zumindest auf eine tiefe Zuneigung hin: 82 Prozent gaben an, lieber den Streamingdienst zu kündigen und 79 Prozent sagten, sie würden fortan lieber abstinent leben als ohne Pritschenwagen. Man interpretiert wohl nicht zu viel in diese Umfrage, wenn man schlussfolgert, dass der F-150 für viele US-Amerikaner viel mehr ist als nur ein Auto.

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Ford F-150 Lightning — laden ist alles

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Seit 1948 wird die Baureihe hergestellt, derzeit in der 14. Generation. Seit 1977 ist der Pick-up ununterbrochen das meistverkaufte Fahrzeug in den USA. Im vergangenen Jahr verkaufte Ford — trotz Coronabeschränkungen — insgesamt 787.372 Modelle der F-Reihe allein in den USA. Macht pro Tag 2157 Exemplare. Spätestens bei dieser Zahl begreift man die Bedeutung dieses Modells für den Hersteller, für die Kunden, eigentlich für das ganze Land.

Und jetzt das: Im nächsten Frühjahr tritt der F-150 erstmals als Elektroauto an. Mit zwei E-Maschinen und Allradantrieb, mit einem bärenstarken Drehmoment von 1050 Nm und mit unterschiedlich großen Batterien für bis zu 480 Kilometer Reichweite. »Wir haben den F-150 Lightning nicht als Elektro-Truck für eine Minderheit entwickelt — dieses Auto löst die echten Probleme aller ganz normalen Menschen«, sagt Kumar Galhotra, verantwortlich für das Ford-Geschäft in Amerika.

Spät, aber billig

Dabei kommt Ford mit dem F-150 Lightning ziemlich spät. Bereits in wenigen Wochen soll der Verkauf des Rivian R1T beginnen. Längst vorgestellt wurden auch der Cybertruck von Tesla und der GMC E-Hummer von General Motors, die beide gegen Ende dieses Jahres auf den Markt kommen sollen. Der Ford F-150 Lightning wirkt da auf den ersten Blick wie ein Nachzügler. Tatsächlich jedoch sticht er Konkurrenten in einem wesentlichen Detail aus: dem Preis. Ford wird die Basisversion »Commercial« des neuen E-Pick-ups ab 39.974 Dollar anbieten, umgerechnet rund 32.600 Euro. Der Rivian R1T hingegen wird 75.000 Dollar kosten (später soll es eine Variante für 67.500 Dollar geben), der GMC E-Hummer sogar mehr als 100.000 Dollar.

Einzig der Tesla Cybertruck, der ähnlich groß, optisch jedoch völlig anders gestaltet ist als der Ford F-150 Lightning, soll in der Einstiegsvariante vergleichbar teuer sein, nämlich 39.900 Dollar. Allerdings gibt es dafür bei Tesla noch keinen Allradantrieb, sondern der wird erst in der Variante für 49.900 Dollar angeboten.

Das Auto taugt auch als Notstromaggregat

Ford betont noch weitere Alleinstellungsmerkmale des neuen Elektro-Pick-ups. So könnten die Batterien des Fahrzeugs einen Haushalt, der etwa infolge eines Sturms oder einer Hitzewelle von der Stromversorgung abgeschnitten sei, drei Tage lang mit elektrischer Energie versorgen. Es gibt diverse Steckdosen am Fahrzeug, allein unter der Vorderhaube befinden sich vier. Weil der E-Antrieb viel weniger Platz benötigt als ein klassischer Sechs- oder Achtzylinder-Verbrenner, wurde dort zudem ein 400 Liter fassender Kofferraum untergebracht. Und es gibt spezielle Sensoren, die als Onboard-Waage fungieren und das Gewicht der Zuladung erfassen, um es in die Berechnung der Reichweite mit einzubeziehen.

Es werden allerdings kaum solche Gimmicks sein, die überzeugte Pick-up-Kunden zu Elektro-Konvertiten machen dürften. Der Preis schon eher. Zumal es derzeit in den USA eine Steuergutschrift von 7500 Dollar beim Kauf eines Elektrofahrzeugs gibt. Diese eingerechnet, kostet ein Ford F-150 Lightning 32.500 Dollar. Gepaart mit dem Nimbus als unkompliziertes und verlässliches Allzweckauto, könnte dies die potenzielle Kundschaft tatsächlich zum Übertritt in die E-Community bewegen. Zumal die Elektroversion damit billiger wird als das Verbrennermodell und sogar billiger als gut ausgestattete, gebrauchte F-150-Typen.

Lösen Pick-ups den Elektro-Knoten?

Pick-ups, und allen voran der Dauerbestseller F-150, gelten als Schlüssel für eine flächendeckende Elektrifizierung des US-Automarkts. Verdeutlicht wird das durch einen Blick auf zwei Statistiken. Die Erste: Die drei meistverkauften Fahrzeuge in den USA im vergangenen Jahr waren Pick-ups; auf Platz eins der Ford F-150, gefolgt vom Chevrolet Silverado und dem Ram 1500. Erst auf Platz vier taucht mit dem Toyota RAV4 der erste Nicht-Pick-up auf. Die zweite Statistik: Im vergangenen Jahr wurden in den USA lediglich rund 328.000 Fahrzeuge mit Elektro- oder Plug-in-Hybridantrieb verkauft (die Plätze eins bis drei gingen an die Tesla-Typen Model 3, Model Y und Model X). Es gibt also noch erhebliches Potenzial für Elektroautoanbieter.

Bis 2025, so die Erwartung von Marktbeobachtern, werde der E-Auto-Absatz in den USA die Eine-Million-Marke überschreiten. Und womöglich werden etliche dieser künftigen Elektrofahrzeuge Pick-ups sein. Ford-Chef Jim Farley kündigte am Tag nach der Enthüllung des F-150 Lightning an, dass binnen zwölf Stunden bereits 20.000 Reservierungen mit jeweils 100 Dollar Anzahlung für den Wagen eingegangen seien. Könnte sein, dass da eine Kalkulation aufgeht.

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