Autotuning ab Werk Die Dopingsünder

OPC, RS, AMG, M: Diese Buchstaben verheißen Kraft - und Autohersteller verdienen bestens an solchen potenten Sondermodellen. Trotzdem wirkt das Konzept wie aus der Zeit gefallen. Können die Rennsemmeln überleben?

Jürgen Pander

Von Jürgen Pander


Fahrverbote, Klimawandel, wachsende CO2-Emissionen - angesichts der Diskussionen über Autos und ihren Schadstoffausstoß wäre ein Kurswechsel von Herstellern zu erwarten. Hin zu kleinen, leichten Vehikeln. Doch der Markt für leistungsgesteigerte Wagen wächst stetig - allen Trends zum Trotz. Nur: Wie lange noch?

Schwarze Zierstreifen, drei Zusatzinstrumente auf der Mittelkonsole und silbergrau lackierte "14-Zoll-Spezialräder" - so rollten vor fünfzig Jahren die ersten RS-Modelle von Ford auf die Straße. Das Kürzel steht für "Rallye Sport", und tatsächlich mischten damals, Ende der Sechzigerjahre, Familienautos wie der Ford P7 in der Rallye-Weltmeisterschaft mit. 1969 gewannen die Kenianer Robin Hillyar und Jock Aird mit so einem Auto die Safari Rallye. Dank der RS-Modelle konnten sich bald auch Normalfahrer mit etwas Motorsportflair umgeben.

Der Gedanke, hausbackene Pkw-Baureihen mit Sondermodellen zu garnieren, hatte zwei Ziele: Die Wagen sollten erstens technische Kompetenz demonstrieren und das Image verbessern. Zweitens ließ sich mit den exquisit ausgestatteten Sportvarianten ordentlich Geld verdienen. Diese Chance wollten auch andere Hersteller nutzen. Opel brachte 1975 den ersten Kadett GT/E auf den Markt. Auch in Osteuropa verfing der Vollgastrick, in der Tschechoslowakei bot Skoda ab 1975 das von Rallyeautos abgeleitete Modell 130 RS an. BMW verfolgte mit dem M1 ein ähnliches Ziel, allerdings kompromissloser: Für den keilförmigen Mittelmotorsportwagen startete der Hersteller eine eigene Rennserie, die BMW-M1-Procar-Meisterschaft.

Die Hersteller folgten einer Branchenweisheit: "Win on Sunday, sell on Monday". Wer bei Autorennen am Wochenende gewann, konnte das Siegermodell zum Wochenbeginn gut verkaufen. Wie sich Siege im Motorsport auf den Verkaufserfolg von Serienfahrzeugen auswirken können, zeigte sich beim Ford Escort. Das 1968 vorgestellte Modell, wegen der Form des Chromstreifens um Kühlergrill und Scheinwerfer auch "Hundeknochen" genannt, blieb in Deutschland zunächst deutlich hinter den Erwartungen zurück. Die Kunden fuhren vor allem VW Käfer und Opel Kadett.

Motorsporterfolge als Kaufanreiz

Erst als Ford von 1973 an eine RS-Variante des Escort mit 100-PS-Motor anbot, stieg der Absatz, vor allem bei den schwächeren Modellen. Der Imagetransfer hatte funktioniert. Heute sind Escort-RS-Modelle der ersten Generation gefragte Oldtimer und kosten oft 50.000 Euro und mehr, sofern sie gut erhalten sind.

Die Masche mit Vollgasaushängeschildern wird bis heute angewandt, und die Kundschaft findet's super. Skoda meldet in Deutschland für die Familienkutsche Octavia einen Anteil von 20 Prozent für die RS-Variante. Mercedes AMG verkaufte 2017 etwa 118.000 Fahrzeuge weltweit. Die BMW M GmbH, die Vollgasabteilung des Münchner Autobauers, setzte 2018 erstmals mehr als 100.000 Modelle ab. Und bei Audi, wo seit 1990 rasante Fahrzeugtypen den Namenszusatz RS tragen, heißt es, dass "der Markt für sportliche Premiumautomobile vor allem in Nordamerika und Asien großes Wachstumspotenzial" habe.

Sind Hochleistungsautos noch zeitgemäß?

Unisono sagen die Fachleute bei Audi, BMW und Mercedes, dass das Geschäft mit den Hochleistungsautos wächst. Wer fragt, ob diese Aufrüstung zeitgemäß ist, erhält eine Antwort in zwei Teilen. In Teil eins heißt es, die Fahrzeuge seien zwar extrem "dynamisch", also PS-stark, zugleich aber sehr effizient. Theoretisch stimmt das sogar: Wer einen BMW M5 (600 PS) fährt wie auf dem Verbrauchsprüfstand, kommt auf einen Durchschnittswert von "nur" 10,5 Liter je 100 Kilometer.

Teil zwei der Antwort darauf, ob solche Autos in die Zeit passten, weist meist Richtung E-Mobilität. Es heißt dann, dass man sich auch Elektro- oder Hybridautos mit maximaler "Driving Performance" vorstellen könne. Markus Flasch, Chef der BMW M GmbH, kündigt an: "Bis zum Ende des nächsten Jahrzehnts wird M sukzessive elektrifiziert."

Diese Art von Elektrifizierung ist nötig, weil die Autos von AMG bis RS, von GTI bis M das EU-Ziel konterkarieren, den Flottenverbrauch bis zum Jahr 2021 auf durchschnittlich 95 Gramm CO2 pro Kilometer zu senken. Um den CO2-Ausstoß eines einzigen Sportmodells auszugleichen, müssten im Gegenzug gleich mehrere Hybrid- oder Elektroautos verkauft werden - doch die haben manche Hersteller gar nicht im Angebot.

Fuß vom Gas, abwarten, elektrifizieren

Vielleicht nehmen deshalb einige Konzerne etwas den Fuß vom Gas. Etwa Ford. Vom letzten Focus RS , einem Allradrenner mit 350 PS Leistung, wurden in Europa mehrere Tausend Exemplare verkauft, doch aktuell gibt es kein solches Modell. Das liegt auch am Generationswechsel, die Neuauflage des Focus ist erst angelaufen. Doch ob es überhaupt eine RS-Variante geben wird, ist unklar. Ähnliches gilt für die OPC-Modelle von Opel; das letzte Modell dieser Art, der Opel GTC OPC, wurde vor wenigen Monaten aus dem Programm genommen. Die Zukunft: ungewiss.

Bei Ford heißt es, dass eine sportliche Spitze des Serienautoangebots nach wie vor erwünscht und bei den Kunden begehrt sei. Aber es werde diskutiert, dass neue RS-Modelle anders rasant gemacht werden. Ein Ford RS der Zukunft könnte also ein Hybrid- oder Elektrosportwagen sein.

Rasanz ist nach wie vor ein Verkaufsargument. Und zwar für Premiumhersteller ebenso wie für Volumenmarken. Einen Beleg für diese These erbrachte jüngst die spanische VW-Tochter Seat, als sie vor knapp einem Jahr die Untermarke Cupra erfand. Unter ihr sollen fortan die rasanten Typen vermarktet werden. Erstes Modell ist der Cupra Ateca, ein SUV mit 300 PS, der in der Seat-Normalversion mit maximal 190 PS verkauft wird. "Wir wissen, dass es da draußen immer noch eine Nachfrage nach sportlichen Autos gibt", sagt Seat-Chef Luca de Meo.

Die Masche mit ganz viel Leistung, Zierstreifen, Zusatzinstrumenten und schicken Rädern - sie verfängt also noch immer.



insgesamt 146 Beiträge
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Seite 1
AGCH 15.01.2019
1.
Ender der 80er, Anfang der 90er waren die hier beschriebenen Modelle auf den ersten Blick nicht von den leistungsschwächeren zu unterscheiden, Wölfe im Schafspelz eben. Das gilt heute leider nicht mehr, da mus Bling-Bling. Schade.
Phil2302 15.01.2019
2. Klar
Jeder, der schon mal in so einem Auto gesessen hat, weiß auch, warum. Die Beschleunigung macht einfach unheimlich viel Spaß. Aber ich sehe schwarz bei den kommenden Kommentaren, schließlich wird das Weltklima hier bei uns gerettet und nicht im China, und da sind Bruchteil von zu leistungsstarken Autos natürlich der Untergang der Zivilisation. Zahlen, wie wenige von den Autos überhaupt nur gefahren werden, sind dabei natürlich egal. Da darf Herr Özdemir auch schon man in den Weihnachtsferien nach Chile fliegen oder die andere Grüne nach Kalifornien, das ist weniger schlimm.
chrissikaa 15.01.2019
3. Verbrauchslüge
Mit genug Benzin im Blut glaubt man den Herstellern und der Werbeindustrie - hier in Form eines SPON-Artikels - auch noch jeder Verbrauchslüge: Ein BMW M5 mit 600PS, knapp 2t schwer (inkl. und wahlweise Prolet und/oder Herr mit Bauchansatz und vollem Tank), möge im Laborversuch und nach der gültigen Prüfnorm tatsächlich 10,5 l/100km verbrauchen. Allerdings im Alltag, mit 200 auf der Autobahn, bzw. auf der Landstraße oder in Lieblingsumfeld der Proleten - nachts in der Stadt und immer schön hart am Gas - liegt der Verbrauch doch etwas ungünstiger, lauf Spritmonitor.de auch schon mal bei >25l/100km, realistisch bei 18 - 20l/100km für einen M5 der letzten Generation. Ist ja auch klar, ein Auto mit >500PS kauft man sich nicht, weil man Effizient fahren möchte. Der eigentliche Skandal dabei ist, dass - Achtung Neiddebattenalarm! - solche Karren in Zukunft in den Innenstädten nach wie vor willkommen sein werden, wohingegen die verbrauchs- und somit automatisch abgasgünstigere Familienkutsche ausgesperrt sein wird.
TS_Alien 15.01.2019
4.
Prächtig verdient wird bei den "Premium"-Herstellern bereits mit den normalen Autos. Bei den Autos mit vergleichsweise viel PS wird dann noch zusätzlich eine ordentliche Schippe Mondpreis draufgepackt. Im Alltag braucht niemand 300 PS oder mehr. Auch sind viele PS keine Garantie für Fahrspaß, wenn man Fahrspaß nicht mit Vollgasfahrten auf der Autobahn gleichsetzt. Mit 10 PS pro 100 kg Fahrzeuggewicht kann man durchaus viel Fahrspaß haben, z.B. auf kurvenreichen und hügeligen Landstraßen. Etliche der PS-Boliden sind geleast. Manche arbeiten geradezu für "ihr" Auto und die Ratenkauf-Felgen. Dann muss der Tankinhalt auch einmal einen Monat reichen.
Tobi86 15.01.2019
5. schöne Krücke für's Ego...
...so manch einer braucht das wohl. Aber warum müssen diese Proletenschleudern eigentlich so peinlich laut sein? Bei so mancher dieser nervigen Knatterkisten wirkt sogar der Nachbarsjunge auf seinem frisierten Mofa noch ruhefördernd. Was soll dieser Blödsinn?
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