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Günstige Oldtimer - Ford Sierra: Der biedere Ballermann

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Günstige Oldtimer - Ford Sierra Der Biedermann mit Brandstifter-Gen

Wenig Geld, aber trotzdem Lust auf einen Oldtimer? Kein Problem - es gibt sie nämlich, die Schnäppchenschlitten. Diesmal: der Ford Sierra, die überraschend bissige Spießer-Karre.
Günstige Oldtimer

Sie haben richtig Lust auf einen Oldtimer, trauen sich aber nicht, einen zu kaufen, weil Altautos in vielen Medien nur noch als Wertanlage thematisiert werden? Keine Angst, man muss nicht erfolgreich an der Börse spekuliert haben, um schönes Blech zu fahren.

Klar, für Großvaters abgelegte Karren von Mercedes oder BMW sind inzwischen stolze Summen fällig, und für die meisten alten Porsches werden heute Mondpreise gezahlt. Aber zwischen all den teuren Strahlemännern, die in der Regel kaum noch bewegt werden, gibt es sie noch: die Mauerblümchen, die Exoten, die kaum jemand auf dem Schirm hat - und die entsprechend wenig kosten. Und das nicht nur in der Anschaffung, sondern auch im Unterhalt. Autos, bei denen die Ersatzteilversorgung kein Problem ist und für einen Auspuff nicht ein ganzes Monatsgehalt einkalkuliert werden muss.

Wir haben sie zusammengetragen und stellen sie in einer Serie in regelmäßigen Abständen vor.

Ford Sierra - der biedere Brandstifter

Ford Sierra I RS 500 Cosworth (ab 1987); Foto: Ford

Ford Sierra I RS 500 Cosworth (ab 1987); Foto: Ford

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Allgemeines zum Modell: Der heckangetriebene Sierra kam 1982 auf den Markt und trat in große Fußstapfen. Er löste den Ford Taunus ab, der 43 Jahre lang in verschiedenen Modellgenerationen von den Bändern der deutschen Ford-Werke in Köln gelaufen war. Stammkunden taten sich zunächst schwer mit dem Sierra (Werbeslogan: "Linie. Logik. Leistung."). Die für damalige Verhältnisse rundliche Form und der verkümmerte Stummelhintern mit der großen Heckklappe verstörte insbesondere Taunus-Liebhaber, die ihr traditionelles Stufenheck vermissten. Ford gab sich unbeirrt und baute die ersten Jahre drei- und fünftürige Schrägheck-Limousinen sowie die Kombi-Version Turnier. Erst 1987 wurde die Baureihe um eine Limousine mit klassischem Stufenheck ergänzt.

Dabei hatte die extravagante Linie ihre Vorteile: Der Sierra sah nicht nur dynamisch aus, mit einem Luftwiderstandsbeiwert von nur 0,33 cW war der Neue aus Köln äußerst windschnittig, was sich bei hohen Geschwindigkeiten positiv auf den Verbrauch auswirkte.

Und schnell fahren konnte man mit dem Sierra. Dank des geringen Leergewichts von kaum mehr als einer Tonne reichte für normale Ansprüche schon die Basismotorisierungen der kleineren OHC-Vierzylinder (60 bis 90 PS). Die Zweiliter-Aggregate bescherten noch mehr Power, den beliebten DOHC mit 120 PS gab es aber erst im Sierra MK2 ab 1989.

Daneben waren mondäne Sechszylinder-Aggregate erhältlich. Top-Modell war ab 1986 der Sierra Cosworth. Dessen Zweiliter-Maschinen aus der englischen Motorenschmiede verfügten über Vierventiltechnik, überdies waren sie mit einem Turbolader ausgerüstet, was die Leistung auf 204 PS anhob und ein Spitzentempo von 240 km/h möglich machte. Kennzeichen waren unter anderem Kotflügelverbreiterungen, Seitenschweller und ein riesiger Heckspoiler im Biertheken-Format.

Beim gewöhnlichen Sierra verzichtete man dagegen auf Experimente. Das Cockpit war nüchtern gezeichnet, der Innenraum mit gemütlichen Stoffsesseln bestuhlt. Zur Basisausführung gehörten Stahlfelgen und Kurbelfenster. Wer in die hochwertige Ausstattungslinie Ghia investierte, erhielt im Gegenzug ein komfortableres Interieur, etwa Velours-Teppiche, Schiebedach oder elektrische Fensterheber. Gegen Aufpreis waren auch Klimaanlage, Windschutzscheibenheizung, Sitzheizung oder Bordcomputer mit Verbrauchsanzeige erhältlich.

Nach verschiedenen Facelifts lief 1993 der letzte Sierra vom Band, Nachfolger war der frontangetriebene Mondeo.

Warum ausgerechnet der? Nicht jeder Oldtimer-Fahrer möchte mit seinem Auto Aufsehen erregen. Für diese Menschen ist der Ford Sierra das perfekte Fahrzeug. Der biederen Limousine aus Köln haftete schon kurz nach seiner Premiere vor 30 Jahren das Image an, eine fade Rentnerkiste zu sein. Das hat sich bis heute nicht geändert - vor allem wenn man ein Exemplar mit Stufenheck fährt. Understatement pur, denn die inneren Werte der Mittelklasse-Limousine sind keineswegs öde. Durch das geringe Leergewicht kann man praktisch mit allen Motorisierungen noch heute locker im Verkehr mitschwimmen. Mit einem Zweiliter-OHC oder gar -DOHC ist sogar sportliches Fahren möglich, ein Rennwagen wie der "Cossie" muss es gar nicht sein.

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Günstige Oldtimer - Ford Sierra: Der biedere Ballermann

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Wer entspannt durch die City cruisen möchte, wählt am besten einen Wagen mit Opa-Automatik. Hecktriebler-Fans bevorzugen dagegen einen Sierra mit Handschalter. "Damit kann man super driften", sagt Klaus Kucharczyk. Der Berliner fährt seit seinem 18. Lebensjahr Ford Sierra und schwört auf den Wagen, weil er der letzte Hecktriebler-Mittelklassewagen aus Köln war, bevor der Mondeo erschien. Mit Frontantrieb können die meisten Alt-Ford-Fans nichts anfangen.

Kucharczyks Neunzigerjahre-Sierra ist übrigens ein feiner "Ghia", zu den Extras gehören ABS, Windschutzscheibenheizung, Schiebedach und die damals sehr seltene Klimaanlage, die sogar heute noch funktioniert. Und: Der Bordeauxrote Wagen ist rostfrei, was auch der peniblen Vorsorge des Vorbesitzers - ein Rentner aus Wuppertal - zu verdanken ist. "Der hat das Auto im Winter abgemeldet", sagt Kucharczyk. Das ist auch als Tipp an Leute zu verstehen, die sich für einen Sierra als günstigen Daily Driver interessieren: Im Winter lieber abmelden - oder die bei Streusalz anfälligen Bleche konservieren und vor Rostfraß schützen.

Verfügbarkeit: Als Mittelklasse-Auto war der Ford Sierra für die meisten Besitzer ein Verbrauchsauto, von dem man sich wieder trennte, wenn die ersten gravierenden Reparaturen fällig wurden. Viele Exemplare sind zudem weggerostet. Dennoch gibt es dank der großen Stückzahlen - insgesamt sollen weltweit 2,7 Millionen Sierra gebaut worden sein - noch relativ viele Fahrzeuge auf dem Markt. Die meisten sind Limousinen mit Vierzylindern, aber auch Sechszylinder-Modelle sind noch verfügbar. Selten geworden sind die Kombis (Turnier), insbesondere wenn man einen V6 mit 2,3 Liter Hubraum sucht.

Ersatzteilversorgung: Zum Ford-Händler braucht man als Sierra-Fan nicht fahren, wenn man ein Ersatzeilproblem hat. Dort heißt es in der Regel: NML - Nicht mehr lieferbar. Auf dem Zubehörmarkt wird man allerdings oft noch fündig, insbesondere wenn es sich um gängige Verschleißteile handelt. Schwieriger wird es bei speziellen Interieur-Komponenten oder bestimmten Blechteilen. Generell gilt, dass Cosworth-Fahrzeuge teurer im Unterhalt sind, Bremsen beispielsweise kosten für das Sportmodell locker das Doppelte.

Ersatzteilpreise (beispielhaft):

  • Satz Bremsscheiben vorne: ca. 60 Euro, bei Cosworth-Motoren ab 120 Euro
  • Satz Bremsbeläge vorne: ab 30 Euro
  • Lichtmaschine: ab 60 Euro
  • Kotflügel: ab 60 Euro

Schwachstellen: Rost ist der größte Feind des Sierra. Radläufe, Schweller, Türunterkanten, Heckbleche - es gibt kaum einen Karosseriebereich, der sich nicht willig von der braunen Pest dahin raffen lässt. Wenn es die vorderen Kotflügel erwischt, werden Reparaturen aufwendiger, denn sie sind mit dem Vorderwagen verschweißt. Abgesehen davon gilt die relativ einfache Technik als schrauberfreundlich. Komplizierte Elektronik ist kaum verbaut, und wenn man ein "Buchhalter"-Fahrzeug mit Kurbelfenstern und wenig bis gar keinen elektrischen Helferlein fährt, gibt es wenig, was kaputt gehen kann. Die Motoren gelten als robust, wobei den kettengetriebenen DOHC-Aggregaten eine Neigung zu defekten Zylinderkopfdichtungen und Rissen nachgesagt wird. "Angesichts der Stückzahl der gebauten DOHC fällt das aber nicht ins Gewicht", meint Sierra-Experte Klaus Kucharczyk. Die OHC-Vierzylinder wiederum verfügen über einen Zahnriemen, der alle 120.000 Kilometer gewechselt werden muss.

Preis: Wenige Klassiker sind so günstig zu haben wie der Ford Sierra. Fahrbereite Autos gibt es bereits für wenige hundert Euro, manche haben sogar noch Rest-TÜV. Selbst gepflegte Exemplare aus erster Rentnerhand findet man mit etwas Glück für 1.000 Euro. Schnelle V6-Modelle wie der XR4i oder Liebhaberstücke in "Ghia"-Ausstattung kosten auch mal 3.000 bis 5.000 Euro. In einer anderen Liga spielen die Cosworth-Sierra, hier muss man für Top-Fahrzeuge 20.000 Euro oder mehr hinblättern. "Normal gebrauchte Cossies gibt's bereits ab 10.000 Euro", sagt Sierra-Fahrer Kucharczyk.

Anlaufstellen im Internet:

www.ford-sierra-scene.de 
www.motomobil.com  (Ersatzteile für alte Ford)

Weitere, fast schon frech günstige Fuhren finden Sie in den vorangegangenen Folgen der Serie:

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