Lowrider Ein einziges Auf und Ab

Durch die Gangsta-Rap-Videos der Neunzigerjahre gelangten wackelnde Wagen zu Weltruhm. Fotograf Erik Howard ist Besitzer eines der verrückten Hydraulikvehikel - er erklärt die Faszination und die Tabus der Lowrider.

Erik Howard

Ein Interview von


Mitte der Neunzigerjahre drangen die böse Buben aus South Central Los Angeles in die Wohnzimmer der ganzen Welt. Sie trugen Baseballmützen und Kapuzenpullis, ihre Hosen hingen auf Halbmast. Der Musiksender MTV machte seine Zuschauer mit den sogenannten Gangsta-Rappern der US-Westküste bekannt, mit Dr. Dre, Snoop Doggy Dogg und Tupac Shakur. Wer sich die Clips zu ihren Songs anschaute, wurde sich einer Sache bewusst: Das Getto ist kein Ponyhof - aber ein Paradies für verrückte Autos. Denn die Schlitten der Gangsta konnten tanzen.

Lowrider hießen ihre Wackelwagen. Die Fahrzeuge hoben ihre Karosserien in Stakkato-Bewegungen hoch und runter, sie hüpften die Straße entlang oder rollten auf nur drei Rädern. Sie bäumten sich auf wie Pferde, die Chromfelgen wie Hufe in der Luft.

Auch der Fotograf Erik Howard aus Detroit schaute als Teenager die Musikvideos der Gangsta-Rapper, und weit mehr als die Knarren begeisterten ihn die Karren. Seit mehr als zehn Jahren dokumentiert er die Lowrider-Kultur in den USA. Er ist selbst Teil der Szene und fährt einen 1976er Chevy Monte Carlo: "Ganz in weiß, mit verchromtem Unterboden."

SPIEGEL ONLINE: Herr Howard, wieviel Platz ist zwischen der Stoßstange ihres Autos und dem Boden?

Howard: Fünf Zentimeter.

SPIEGEL ONLINE: Das ist ziemlich genau eine Streichholzlänge.

Howard: Ja, damit kann ich noch fahren.

SPIEGEL ONLINE: Aber viel wichtiger ist ja: Wie hoch lässt sich der Wagen anheben?

Howard: Um etwas mehr als 30 Zentimeter. Dann sieht es aus wie ein Monsterauto.

SPIEGEL ONLINE: Kann er springen?

Howard: Nein. Ich habe ein sogenanntes "Lay-and-Play"-Setup - zwei Pumpen, sechs Batterien und vier Schalter. Damit kann ich entweder die Hinter- oder Vorderachse anheben oder beide Räder auf einer Seite. Ein "Pancake" lässt sich damit auch machen, also alle vier Räder gleichzeitig. Fürs "Hopping", also hohe Sprünge mit der Vorderachse, braucht man ein größeres Set-Up.

Ein Lowrider beim "Hopping"
Erik Howard

Ein Lowrider beim "Hopping"

SPIEGEL ONLINE: Wie fühlt sich das an, wenn man in einem Auto unterwegs ist, das man einfach mal so zur Seite kippen kann?

Howard: Für mich war Lowriding immer eine Möglichkeit, die Kids in meinem Viertel für meine Projekte als Jugendarbeiter zu begeistern - deshalb schildere ich gerne deren Reaktion auf meinen Lowrider: Die schauen mich nämlich an, als wäre ich der Nikolaus. Sie wollen alles über das Auto wissen. Und irgendwann kommt stets die Frage, ob sie auch mal an den Schaltern spielen dürfen.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Antwort?

Howard: Immer die gleiche: Nein!

SPIEGEL ONLINE: Ganz schön streng.

Howard: Natürlich lasse ich die Kids aber im Auto mitfahren. Und das finden die großartig - vor allem wenn sie an ihren Freunden vorbeifahren. Es macht sie stolz. Um also noch mal auf Ihre Frage zurück zu kommen: Für mich fühlt es sich toll an, wenn alle Plätze in meinem Lowrider besetzt sind.

Für Kinder sind die Lowrider eine Sensation
Erik Howard

Für Kinder sind die Lowrider eine Sensation

SPIEGEL ONLINE: In den Neunzigern tauchten die Lowrider in vielen Musikvideos von Gangsta-Rappern auf. Welche Auswirkung hatte das auf die Szene?

Howard: Die Videos haben Lowrider bekannt gemacht. Durch sie hat sich die Kultur von Los Angeles aus in ganz Amerika und der Welt verbreitet. Gleichzeitig sind dadurch aber auch Stereotypen entstanden. Schauen Sie, nicht alle Besitzer von Lowridern sind Gangster. Es hat aber lange gedauert, bis dieses Vorurteil verschwunden ist.

SPIEGEL ONLINE: Waren die Videos für die Anhänger der Lowrider-Kultur also eher ein Ärgernis?

Howard: Nein, aber in den Clips wurde eben nur eine Facette von Lowriding beleuchtet. Zum Beispiel gibt es auch Familien, die gemeinsam mit solchen Autos unterwegs sind - und unter den Lowrider-Fans sind auch Frauen. Es geht vor allem um das Gemeinschaftsgefühl.

SPIEGEL ONLINE: Wie äußert sich das?

Howard: In Detroit findet zum Beispiel fast jedes Wochenende ein sogenanntes "Picnic" statt: Ein Club mietet einen Park oder eine Fläche, bringt Essen mit und lädt andere Clubs ein. Jeder bringt seinen Lowrider mit und man macht sich einen schönen Tag. Oder man trifft sich zu "Cruises", und fährt gemeinsam durch die Gegend.

SPIEGEL ONLINE: Und dann lässt man das Auto mitten auf der Straße tanzen?

Howard: Manche schon. Ein Kumpel von mir haut bei 70 km/h den Schalter rein, mitten zwischen anderen Autos. Seine hintere Stoßstange knallt dann auf den Asphalt. Dafür würde er natürlich von der Polizei gestoppt werden. Ist bisher aber noch nicht vorgekommen. Viele bringen das System aber nur zum Einsatz, wenn das Auto geparkt ist. Beim Lowrider kommt es schließlich nicht nur auf den oberen Teil an.

SPIEGEL ONLINE: Wie meinen Sie das?

Howard: Wenn der Wagen richtig weit hoch geht, sieht man den kompletten Unterboden. Deshalb ist er bei vielen Lowridern komplett verchromt und speziell lackiert. Die Lowrider sind eine Art, sich kreativ auszudrücken. Am Anfang waren diese Autos sogar ein politisches Statement.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern?

Howard: In der Mitte des vergangenen Jahrhunderts begannen in Kalifornien viele mexikanische Einwanderer damit, ihre Autos tiefer zu legen. Der Staat erließ daraufhin Gesetze, die für die Fahrzeuge eine Mindesthöhe über dem Boden vorschrieben. Diese Vorschrift wurde als Gängelung einer Minderheit aufgefasst. Also ließen die Einwanderer sich etwas einfallen und verbauten Hydraulik-Technik aus Flugzeugen in ihre Autos, um die Karosserie bei Bedarf anzuheben. In South Central Los Angeles hatte sich bereits Mitte der Sechzigerjahre eine Lowrider-Kultur entwickelt.

SPIEGEL ONLINE: Welche Autos sind typische Lowrider?

Howard: Vor allem Modelle von General Motors aus den Fünfzigern, Sechzigern und Siebzigern. Hauptsächlich Chevys, der Impala zum Beispiel, oder der Monte Carlo. Aber auch der Buick Regal und der Pontiac Grand Prix sind beliebt.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es ein Tabu hinsichtlich der Modelle?

Howard: Es gibt da eine Regel für Lowrider: Wenn es ein Auto sowohl als Zweitürer als auch als Viertürer gibt, dann darf man auf keinen Fall die Viertürer-Version nehmen.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Erik Howard: Das ist eine Frage des Styles. Es muss einfach das Coupé sein.

SPIEGEL ONLINE: Was ist mit modernen Autos - können die zu Lowridern umgebaut werden?

Howard: Ja, zum Beispiel der Chevy Caprice aus den frühen Neunzigern, oder der Lincoln Town Car. Das sind dann übrigens alles Viertürer, weil es keine Coupé-Versionen gab.

SPIEGEL ONLINE: Sind Lowrider-Traditionalisten damit einverstanden?

Howard: Naja, es gibt schon einige in der Szene, die sich darüber aufregen. Aber gerade jungen Leuten bietet sich mit diesen Autos ein preiswerter Einstieg. Sie können sie als Lowrider und Alltagsfahrzeug nutzen.

SPIEGEL ONLINE: Was kostet die Umrüstung eines Autos zum Lowrider?

Howard: Für die Grundausstattung mit Batterien und Hydraulikpumpen reichen ungefähr 2500 Dollar. Für diesen Betrag bekommst du die Teile und ein paar Snacks für deine Freunde, die dir dann beim Umbau helfen. Wenn man es in einer Werkstatt machen lässt, wird es doppelt so teuer. Aber in der Lowrider-Szene gibt es Leute, die weit mehr als 50.000 Dollar für die Technik ausgeben.

SPIEGEL ONLINE: Sind die vollausgestatten Autos dann überhaupt noch straßentauglich?

Howard: Manche nicht, die werden nur auf Anhängern von einer Show zur nächsten gefahren. Das ist bei einigen Traditionalisten ebenfalls verpönt. Aber wer einen Show-Lowrider besitzt, hat ganz bestimmt noch einen zweiten, mit dem er auch auf der Straße cruist.

SPIEGEL ONLINE: Wie streng geht die Polizei heute mit der Lowrider-Szene um?

Howard: Gerät man an einen Pedanten, wird er sicher Bauteile beanstanden, weil sie vielleicht nicht eingetragen sind. Aber zumindest in Detroit ist das ist in den vergangenen Jahren kaum vorgekommen. Im Gegenteil: Wenn wir hier mit unseren Lowridern an den Cops vorbei fahren, fordern sie uns durch Gesten auf, die Autos hüpfen zu lassen. Die meisten von denen sind eben wie wir mit den Videos von Dr. Dre aufgewachsen.

Bilder von Erik Howard und anderen Fotografen aus der Lowrider-Szene sind derzeit in der Ausstellung "Lowriding: From Crenshaw to Woodward" im Scarab Club Detroit zu sehen.

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insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
csaba.toth 22.04.2015
1.
Möchte jemand ein schönes MB W108 lowrider sehen, kann den Musikvideo "Bon Voyage" von Deichkind anschauen :)
20InchMovement 22.04.2015
2. Das ist schon ein verrückter Haufen.
Ich find´s recht lustig und eine angenehme Variation auf den Strassen. Spannend ist, was die Jungs an Technik verbauen. Das kann nicht jeder Schrauber. Hut ab.
warum-du-so? 22.04.2015
3. ...
Coole Art von Tuning, nur nicht in Deutschland - besser vielleicht, gäbe noch mehr Unfälle, wenn Leute schon mit den simpelsten Autos überfordert sind...
RamBo-ZamBo 22.04.2015
4.
Alltagstauglich? Von wegen! Nach dem Umbau ist das Fahrwerk bretthart, da spürt man jede Bodenwelle. Hatte als Austauschschüler in den USA das "Vergnügen" jeden morgen in einem umgebauten Chevy S10 zur high school mitzufahren. Habe das Auto vor und nach dem Umbau erlebt und würde mir so etwas freiwillig, selbst wenn es in Deutschland erlaubt wäre, nicht einbauen.
ITALOMASTER 22.04.2015
5. Bon Voyage
Zitat von csaba.tothMöchte jemand ein schönes MB W108 lowrider sehen, kann den Musikvideo "Bon Voyage" von Deichkind anschauen :)
Auch heute noch geil, vor allem auch der Monza (MONZTA). Zeitlos gut, der Track!
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