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12. Februar 2015, 11:38 Uhr

Spektakuläre Fotos von Bergstraßen

Street Art

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Normalerweise werden Landschaften durch Straßen bloß verschandelt. Auf den Fotos von Stefan Bogner ist das anders: Sie zeigen Pässe, die sich scheinbar natürlich in die Alpen und die Pyrenäen einfügen. Genießen Sie die Aussicht.

Es gibt zwei Gründe, warum Menschen bei einer kurvigen Fahrt durch die Berge plötzlich bremsen und am Straßenrand anhalten: einen schönen und einen schlechten. Der schlechte ist ein bisschen unappetitlich - der Magen, Sie wissen schon. Wir müssen am Ende dieses Textes noch mal darauf zu sprechen kommen, dann mit einem praktischen Tipp, versprochen.

Vor allem soll es hier aber um den schönen Grund gehen. Wer schon mal einen Berg hochgefahren ist, kennt das: Man schiebt sich kilometerweit auf enger Fahrbahn am Hang hinauf, konzentriert sich ständig auf die Straße und auf die nächste Kurve, rollt durch finstere Tunnel, flucht über den lahmen Lastwagen vor sich - und kann nur aus den Augenwinkeln ab und zu erahnen, dass sich mit jedem Kilometer die Landschaft links weiter öffnet. Bis man nicht mehr anders kann und bei der passenden Gelegenheit den Wagen stoppt, um endlich das Wesentliche zu sehen: die Weite, das Tal in voller Breite, die Nähe zu den Gipfeln.

In guten Momenten führt so ein Ausblick zu einem Einblick - dem Gefühl, ein bisschen Abstand zu den Dingen da unten gewonnen zu haben und näher bei sich selbst zu sein. Genau dieses Gefühl transportieren die Bilder des Fotografen Stefan Bogner. Und freundlicherweise liefert er noch Wegbeschreibungen, wo man solche Orte - und damit bestenfalls sich selbst - findet.

Tarantino und Coppola plaudern unterwegs

In seinen Bildbänden und dem Reisemagazin "Curves" macht Bogner eigentlich nichts anderes, als sein Wissen zu teilen. "Wenn ich mir eine Auszeit nehmen möchte, fahre ich in die Berge", sagt der 46-Jährige in sanftem Bayerisch. "Holst dir 'n nettes Picknick, legst dich in die Wiese und schaust die Landschaft an. Schläfst irgendwie und fährst wieder heim."

Weil er bei der Vorbereitung für seine Touren mit dem Angebot an Reiseführern unzufrieden war, half er sich vor fünf Jahren selbst. So entstand das Magazin "Curves", in dem jeweils auf rund 200 Seiten die besten Routen einer Bergregion vorgestellt werden: Viele Fotos, Karten und dazu kleine Storys. "Jede Ausgabe ist aufgebaut wie ein Roadmovie", sagt Bogner, "ich habe mir einfach vorgestellt, wie Quentin Tarantino und Sofia Coppola zusammen unterwegs sind. Die unterhalten sich dann natürlich nicht über die Berge, sondern einfach übers Leben."

"Man muss die Kurve kriegen"

Die Fotos in "Curves" bedürfen eigentlich keiner Worte: Allein die Landschaft der Alpen und der Pyrenäen ist eindrucksvoll; doch die Straßen, Pässe und Serpentinen, die sich an ihnen hinaufschlängeln, wirken wie Kunstwerke aus Asphalt und Pflastersteinen. Sie fügen sich in Berge ein und verschandeln sie nicht. Bogner hat Ehrfurcht vor dem gewaltige Kraftakt, der zur Erschaffung der Wege nötig war: "Der Gotthard, die Via Mala: Da ist jeder Zentimeter Handarbeit." Um diese Anstrengung besser begreifen zu können, ließ er das Auto stehen. "Die Tremola sollte man zu Fuß gehen, das ist fast schöner, als sie zu fahren."

Die Aufnahmen sind aus verschiedenen Perspektiven entstanden: Am Straßenrand, Hunderte Meter entfernt von den Wegen, direkt aus dem Auto heraus oder von oben, aus dem Helikopter. "Man muss die Kurve kriegen - also ein Gefühl dafür entwickeln, wie sie in der Landschaft liegt", sagt Bogner. "Je nach Perspektive erscheinen die Routen völlig unterschiedlich. Das Wetter spielt dabei natürlich eine wichtige Rolle. Ich mache die Fotos nur im Frühling und Herbst und lasse den Sommer aus, weil ich es dramatisch mag. Nebel und kühles Wetter sind mir lieber als sonniges Blaugrün."

Bloß nicht zu scharf!

Mit wenigen Ausnahmen herrscht auf den Bildern von Bogner Einsamkeit, weder Menschen noch Autos sind zu sehen. "Die Straßen müssen leer sein", sagt er, "weil das ja die Sehnsucht ist: Man will niemanden vor sich haben." Außerdem haben alle Fotos gemeinsam, dass sie ohne Stativ aufgenommen wurden. "Sie dürfen nie hundertprozentig scharf sein. Auf der Straße herrscht ja Bewegung und Geschwindigkeit, da soll es nicht zu statisch wirken."

Für sein jüngstes Projekt hat Bogner die Alpen- und Pyrenäen-Pässe hinter sich gelassen und ist Richtung Norden bis nach Island gereist. Entstanden ist daraus der Bildband "Epic", mit dem sich der Inselstaat als Drehort für eine "Herr der Ringe"-Fortsetzung bewerben könnte, in der die Hobbits Autos fahren - so surreal wirken die Landschaften und ihre Straßen. "Im Gegensatz zu den Alpen ist dort alles in Bewegung, es gibt kaum festes Gestein, sondern fast nur Brösel", sagt Bogner. Kurz nach seiner Reise habe er Besuch von Freunden aus Island gehabt und sei mit ihnen in Österreich gewesen: "Für die waren die uralten Felsen echt lustig, einer meinte zu mir: 'Hier passiert die nächsten Millionen Jahre nichts, und uns sprengt's mit den Vulkanen vielleicht bald weg.'"

Stichwort Ausbruch: Bogner wird nach eigenen Angaben bei der Arbeit nie schlecht. "Übel kann einem nur werden, wenn man nicht am Steuer sitzt. Deshalb lautet mein Tipp: Immer schauen, dass man selbst fährt."

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