Gleisverkehr Kambodscha Der tragbare Dschungel-Express

Zwei Achsen mit Rädern, Holzplatte, Bambusmatte und Motor - fertig ist die Eisenbahn. In Kambodscha erhalten solche provisorischen Bamboo Trains die Versorgung der Bevölkerung aufrecht. SPIEGEL-ONLINE-Leser Andreas Lendle ist einmal mitgefahren.


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Einschienenverkehr: Drei Komponenten, ein Zug
Kambodschas Eisenbahnnetz besteht aus zwei Linien: Eine führt von der Küste in die Hauptstadt Phnom Penh, die andere von dort nach Westen bis Battambang. Das restliche Stück bis zur thailändischen Grenze ist schon lange stillgelegt. Nahezu das gesamte Gleisnetz ist in einem desolaten Zustand, und nur selten fährt ein Passagierzug von Phnom Penh nach Battambang. Auch die Straßen sind oft in einem schlechten Zustand. Der Ausbau liegt in weiter Ferne, zuvor müssen noch etliche Landminen beseitigt werden.

Die Anwohner entlang der Bahnstrecke befahren das Gleis seit etwa Mitte der neunziger Jahre mit selbstgebauten Zügen, den sogenannten Bamboo Trains. Die Konstruktion besteht aus zwei stählernen Eisenbahnachsen, darüber liegt eine Palette aus Holz und Bambus. Angetrieben wird das Gefährt von einem kleinen Zweitaktmotor.

Mit maximal etwa 40 Stundenkilometer tuckert der Bamboo Train durch die Landschaft. Eine Fahrt zwischen Nord und Süd dauert zwischen 45 Minuten und 3 Stunden - je nach Verkehrslage und Passagieraufkommen. Auf den ungeteerten Straßen würde eine Tour, zum Beispiel mit Ziegeln, sogar mindestens dreimal so lang dauern. Und wenn es regnet, sinkt die schwere Fracht oft in den weichen Erdboden ein und bleibt vollends stecken.

Die Bambus-Bahn, deren Schienen noch aus der Kolonialzeit stammen, hat sich daher zu einem wichtigen Verkehrsmittel entwickelt. Transportiert werden Passagiere, Motorräder und alle möglichen Waren. Das Ticket kann sich jeder leisten, denn es kostet nur 20 Cent für sechs Stationen. Vor allem Bauern nutzen die Bambus-Bahn, zur Freude des Fahrers: Reissäcke bringen nämlich doppelt so viel Geld wie Passagiere, außerdem liegt dank ihres Gewichts die Bahn dann stabiler auf den Schienen. Denn die ganze Konstruktion hält allein durch gleichmäßige Gewichtsverteilung. Deshalb werden auch vor der Fahrt alle Mitreisenden ermahnt, auch ganz still zu sitzen, damit das Fahrzeug in der Kurve nicht auseinanderfällt.

Nach eigenen Regeln

Dank des ausgedünnten Fahrplans ist auf der eingleisigen Strecke nicht mit allzu viel Gegenverkehr zu rechnen. Die Fahrer haben sich eigene Verkehrsregeln gesetzt, an die sie sich ohne Diskussionen halten: Die Bahn mit der schwersten Fracht oder mehr Passagieren hat Vorfahrt, die andere wird vom Fahrer und seinem Gehilfen Stück für Stück auseinander und von den Schienen genommen.

Kurz darauf geht es wieder weiter, bis der nächste Bamboo Train entgegenkommt. Wenn doch mal ein richtiger Zug auf der Strecke fährt, dann kann sich ein Bamboo Train auch per Schnur an einen Zug dranhängen. Das spart Sprit, denn Benzin ist teuer, und alle 20 Kilometer muss ein Liter nachgefüllt werden.

22 Fahrer leben inzwischen von diesem Job. Der kostbare Motor wird jeden Abend vorsorglich mit nach Hause genommen. Vorher wurde die Bahn von Hand betrieben wie eine Draisine. Sie wissen, dass die Tage des Bamboo Train gezählt sind; aber wann es einen regulären Zugverkehr geben wird, steht noch in den Sternen. Bis dahin tuckert der kleine Dschungel-Express.



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