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Motorrad-Tuning: Wiedersehen mit Rockabilly und dem Öhlerking

Foto: Fabian Hoberg

Biker-Treffen "Glemseck101" Und es hat Wroooaaam! gemacht

Ich bau mir was Eigenes: "Glemseck101" ist das größte Custom-Bike-Treffen Deutschlands. Die Fans kommen aus ganz Europa nach Schwaben - und ergötzen sich an Doppelkrümmern und Stummellenkern.

Nervös drehen die Fahrer am Gas. Kurze, schnelle Stöße halten die Drehzahl hoch, aus dem Auspuff quellen die Abgase. Die Starterin springt in die Luft und reißt ihre Flagge nach unten. Mit lautem Gebrüll schnellen die Maschinen nach vorn, schlingern kurz beim Schalten - und nach 202 Metern ist schon alles vorbei. Beim 1/8-Meile-Sprintrennen auf dem Stückchen Landstraße in Leonberg nahe Stuttgart muss das so sein.

Das "Glemseck101" ist das größte markenübergreifende Motorradtreffen in Deutschland, eines der größten in Europa und das wichtigste für Liebhaber von Custom Bikes und Café Racern. Designer, Entwickler, Konstrukteure und Fans treffen sich hier mit ihren Motorrädern auf der früheren Rennstrecke Solitude, die meisten in umgekrempelter Bluejeans, Biker-Geldbörse mit Kette und Lederjacke. Drei Tage und zwei Nächte dauert der Bikertraum aus Benzin und Bratwurst, Bier und Rock'n'Roll und das bei freiem Eintritt.

Bis in die späten Sechzigerjahre fuhren Motorräder auf der Solitude noch um Pokale. Das gleichnamige Hotel ist seit Jahrzehnten ein beliebtes Biker-Ziel und das "Glemseck101"-Treffen wächst und wächst: Vergangenes Jahr kamen rund 50.000 Zuschauer, diesmal waren es schon wieder mehr.

"Endlich mal normale Menschen"

Ein leicht verkaterter Festivalbesucher aus München steht zwischen den Überresten des Vorabends - Dosen und Flaschen verstreut um die Zelte der Biker aus Deutschland, Italien, England und Spanien - und sagt: "Wo sonst trifft man endlich mal so viele normale Menschen auf einem Haufen?" Die meisten Besucher kommen allerdings aus der Umgebung, einige auf der Suche nach neuen Umbauideen für den nächsten Winter. Der Parkplatz ist voll, die Motorräder reihen sich aneinander bis zur Autobahnauffahrt.

Für die Sprintrennen über die 1/8-Meile ist ein Teil Landstraße gesperrt. Den ersten Lauf bestreiten zwei Lokalpolitiker, danach treten beim "101 Sprint International" ein paar Motorrad-Promis gegeneinander an: IDM-Superbike-Meister Markus Reiterberger, die Rennfahrerinnen Nina Prinz und Katja Poensgen sowie Schauspieler Ronald Zehrfeld, der zum ersten Mal ein 1/8-Meile-Rennen fährt. "Mal schauen, was geht. Aber bei meinem derzeitigen Kampfgewicht wird es schwierig", sagt Zehrfeld, der auf einer umgebauten BMW R nineT startet.

Das Rennen ist allerdings an diesem Wochenende eher Beiwerk. Nur 32 Teilnehmer starten und alle nur zum Spaß. Doch die meisten Besucher sind wegen der Open-Air-Ausstellungsfläche hier. Auf einer drei Kilometer langen "Händlermeile" können sich die Biker an blankpoliertem und nacktem Blech ergötzen.

Außen schön alt, innen schön spritzig

Fernab der Massenmotorisierung auf zwei Rädern sind die Custom Bikes meist roh und individuell. "Am besten sind Maschinen, bei denen man sich selbst noch mal umdreht, nachdem man sie abgestellt hat", sagt ein Tuner.

Die meisten Motorräder hier kommen nicht von großen Herstellern, obwohl BMW, Suzuki, Triumph und Kawasaki den Trend zum Retrobike natürlich erkannt haben und gern bedienen. Sie stammen von kleinen Schrauberbetrieben, die gebrauchte Maschinen entschlacken, leichter machen und anschließend neu aufbauen. Dabei geht es bei den Umbauten nicht um einen reinen Retro-Look. Zwar erinnern tiefe Lenker, Startnummerntafeln und kleine Sitzbänke mit Höcker an historische Renner. Unter Metallrahmen und Tank verstecken sich aber oft moderne Fahrwerke und aktuelle, starke Motoren.

Die Einzelstücke der Tuner kommen von Urban Motor, Walzwerk, JvB-Moto, Krautmotor, Cafemoto, Benders, 180 Grad, Metisse, LSL, Kingston Custom und Wrenchmonkees. Die Basismotorräder stammen meist aus europäischer oder asiatischer Produktion, US-Chopper sind dagegen kaum vertreten. Alte BMW-Zweizylinder-Boxer, Triumph-Twins, Ducati V2 oder vom Straßenbild verschwundene Sechszylinder-Maschinen von Benelli, Honda oder Kawasaki parken am Straßenrand. Sogar die kürzlich in die Insolvenz gerutschte Marke Horex ist mit einem Stand und einigen Sechszylinder-Modellen vertreten.

Ein paar Besucher bleiben trotz Hitze in ihren Lederjacken in dem Gedränge vor einem Exemplar stehen, beißen in ihre Wurst und fachsimpeln: über den Motor, den Antrieb, die Horex-Pleite und was man alles aus dem Serienbike noch machen könnte. Denn das Wichtigste beim Customizing: immer alles schön individuell.

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