Goodwood Festival of Speed  Vollgas auf der Gartenparty

Einmal im Jahr lädt ein autoverrückter Lord aus England Gleichgesinnte in seinen Vorgarten ein. Zu dieser legendären PS-Party, dem Festival of Speed, kommen mittlerweile 200.000 Gäste. Warum nur?

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Ein Interview von , Goodwood


Es regnet in Strömen und der englische Zierrasen auf dem Gelände von Goodwood House in Südengland ist jetzt schon ziemlich zerstört. Dabei hat das vielleicht legendärste Rennwochenende der Welt gerade erst begonnen - das Festival of Speed.

Gastgeber dieser PS-Party, zu der etwa 200.000 Besucher erwartet werden, ist seit 1993 Charles Gordon-Lennox, Earl of March and Kinrara, besser bekannt als Lord March. Die Tradition reicht aber deutlich weiter zurück: Sein Großvater veranstaltete auf dem heutigen Anwesen 1936 die erste Motorsportveranstaltung - ein privates Bergrennen.

Mittlerweile kommen dekorierte Rennfahrer aus aller Welt, Firmenchefs, Prominente aus Film und Fernsehen und die besten Testfahrer der Autoindustrie, um drei Tage lang die erfolgreichsten Rennwagen, Serienautos und Supersportwagen die legendäre Bergstrecke ("Hill Drive") hinauf zu jagen. Es ist mehr eine Hommage an den Rennsport als ein ernstzunehmendes Rennen.

Zur Person
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    Charles Gordon-Lennox, Earl of March and Kinrara (Lord March), geb. 1955, ist Gründer des Goodwood Festival of Speed. Er besitzt eine Leidenschaft für Fotografie und arbeitete als Jugendlicher für die Filmproduktion von Stanley Kubrik.

SPIEGEL ONLINE: Lord March, andere Adelige leisten sich prunkvolle Gärten, züchten seltene Blumen oder sammeln Gemälde. Sie veranstalten PS-Partys. Wie ist es dazu gekommen?

Lord March: Als ich den Landsitz in Goodwood erbte, musste ich mir etwas einfallen lassen, um das Anwesen unterhalten zu können. Ich war auf der Suche nach einem Themenfeld, das zu Goodwood und zu mir passte. Dabei kam mir die Rennstrecke in den Sinn, die mein Großvater 1948 bauen ließ. Das war nicht nur eine Wiege für den britischen Motorsport der Nachkriegszeit. Sondern es war vor allem ein wunderbarer Spielplatz für mich, auf dem ich in meiner Jungend so manche heiße Runde gedreht habe. Die Strecke war zwar zugewuchert und die Nebengebäude herunter gekommen. Aber im Grunde war noch alles da, brauchte nur ein bisschen neuen Teer und frische Farbe. Also habe ich das Areal wieder hergerichtet und ein paar alte Kumpels eingeladen. Während wir uns dort ausgetobt haben, ist so langsam die Idee vom Festival of Speed gereift

SPIEGEL ONLINE: Mittlerweile kommen etwa 200.000 Gäste zu Ihrer Veranstaltung. Haben Sie mit so einem Erfolg gerechnet?

Lord March: Schon beim allerersten Festival of Speed 1993 wurden wir förmlich überrannt. Wir hatten mit 2500 Gästen geplant. Und als ich morgens aus meinem Schlafzimmerfenster geschaut habe, standen plötzlich 25.000 Menschen vor den Toren. Wir hatten nicht genug Tickets, nicht genug Kassierer. Das haben wir zwar mittlerweile besser im Griff und die Dynamik ist nicht mehr ganz so groß. Aber der Aufwärtstrend hält an, wir erwarten in diesem Jahr 200.000 Gäste.

SPIEGEL ONLINE: Während klassische Autoshows über nachlassendes Interesse klagen, haben sie Jahr für Jahr mehr Zuspruch. Was macht den Reiz des Festivals of Speed aus?

Lord March: Man muss Autos im Fahren sehen, muss sie hören und riechen und nicht einfach nur auf einem Messestand anschauen. Hinzu kommt, dass hier alle Autos und alle Prominente nahbar sind und nicht in VIP-Zonen versteckt werden - das macht das Festival of Speed so einzigartig.

Lamborghini Murcielago 670 Super in Goodwood
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Lamborghini Murcielago 670 Super in Goodwood

SPIEGEL ONLINE: Wenn Sie als junger Mann schon eine eigene Rennstrecke im Garten hatten, wie ist Ihr Verhältnis zum Auto heute?

Lord March: Ich habe die Liebe zum Auto von meinem Großvater geerbt, der selbst Sportwagen gebaut und hier 1936 das erste Bergrennen veranstaltet hat. Wahrscheinlich fahre ich deshalb leidenschaftlich gerne Auto und habe auch eine kleine, eher schräge Sammlung: einen Lancia, ein paar amerikanische Hot-Rods und Autos, wie man sie bei den Geschwindigkeitsrennen auf den Salzseen in Bonneville fährt. Außerdem versuche ich die Autos zurückzukaufen, die mein Großvater einmal konstruiert hat. Das sind für mich viel schönere Familienerinnerungen als all die alten Ölschinken, die an den Wänden hängen.

SPIEGEL ONLINE: Welche Fahrt ist Ihnen dabei am meisten in Erinnerung geblieben?

Lord March: Ich durfte in den letzten drei Jahrzehnten so ziemlich alles den Hügel hinauf fahren, wovon ein Autofan träumen kann. Aber unvergessen ist für mich die Fahrt im Porsche 908/3 von 1968. Klein, handlich und bärenstark fuhr der sich wie ein Gokart und war einfach perfekt für die enge Strecke.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es trotzdem noch eine Fahrt, nach der sie sich sehnen?

Lord March: In diesem Jahr ist der Brabham BT52 am Start. Der Formel-1-Rennwagen von Nelson Piquet ist mit einem 1,5 Liter großen BMW-Motor und 1300 PS der stärkste Grandprix-Rennwagen bisher und hält auch noch den inoffiziellen Rundenrekord auf unserer Strecke - aufgestellt bei heimlichen Testfahrten. Den würde ich schon gerne mal fahren. Aber nur, wenn die Mechaniker die Leistung ein bisschen drosseln. Ich weiß nicht, ob ich mich sonst trauen würde, aufs Gas zu gehen.

SPIEGEL ONLINE: Wenn sogar der Hausherr Respekt vor der Strecke hat: Wie groß ist das Risiko, dass etwas passiert? Und wie gehen sie damit um?

Lord March: Sicherheit hat natürlich oberste Priorität für uns. Doch so sehr wir uns darum bemühen, so wenig können wir dafür garantieren. Nicht umsonst steht auf der Rückseite der Eintrittskarten der Warnhinweis "Motorsport ist gefährlich". Leider kommt es immer mal wieder zu Unfällen. Schon beim allerersten Festival hatten wir einen Toten zu beklagen. Einen Motorradfahrer, der weit nach der Ziellinie von der Strecke abgekommen und gegen einen Baum gefahren ist. Natürlich waren wir alle schockiert und einen guten Start stellt man sich anders vor. Aber nachdem wir den Unfall analysiert und bei uns keinen Fehler erkannt hatten, haben wir uns fürs Weitermachen entschieden.

SPIEGEL ONLINE: Die Rennstrecke renoviert, das Festival etabliert und im Herbst noch ein Oldtimer-Fest namens "Goodwood Revival" gestartet. Finden Sie noch die Zeit, selbst auf die Rennstrecke zu gehen?

Lord March: Früher habe ich das öfter mal gemacht. Ich habe aus dem Fenster geschaut und wenn der Himmel blau war, dann habe ich mich auf der Strecke angemeldet und spontan ein paar schnelle Runden gedreht. Heute geht das nicht mehr. Mittlerweile sind hier so viele Veranstaltungen, dass eigentlich immer was los ist und die Strecke die meiste Zeit besetzt. Das sind wohl die Schattenseiten des Erfolgs.



insgesamt 7 Beiträge
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manicmecanic 25.06.2016
1. Bruder im Geist
mit Benzin im Blut und beneidenswertem Glück mit so einem Opa.
lochhocker 25.06.2016
2. Schön, dass es sowas noch gibt
Gerade in Zeiten, wo das Auto und vor allem der damit verbundene Motorsport als Quelle allen Übels verteufelt wird, ist es doch einfach schön, dass es solche Veranstaltungen gibt und die Nachfrage stetig steigt. Die Akzeptanz der Engländer beim Motorsport ist eben doch etwas größer als bei den deutschen Moralaposteln. Immerhin gibt es z.B. am Nürburgring auch Veranstaltungen wie den AvD Oldtimer Grandprix. Das ist zumindest ein kleiner Ersatz.
ExigeCup260 25.06.2016
3.
Leider sind die Bedingungen für Rekordfahrten dort nicht mehr optimal. Beim Hill Climb in Goodwood hält immer noch Nick Heidfeld den Rekord mit 41,6 Sekunden, der durfte 1999 im McLaren Mercedes aber auch mit vorgewärmten Reifen fahren.
noodles64 25.06.2016
4. @3
Sie wissen schon das aktuelle Autos in Goodwood nicht mehr gezeitet werden wenn die den Hügel hochfahren. Ursache dafür war ein tödlicher Unfall im Jahre 2000 oder 2001. Deshalb hat heitfelds Rekord bis heute bestand. Das Festival of Speed ist nach dem Goodwood Revival die geilste Motorsport Veranstaltung die ich kenne. Leider bin ich dieses Jahr, das erste mal seit 1995, nicht beim Festival.
Überfünfzig, 25.06.2016
5. Leider würden...
....solche schönen Veranstaltungen in D von unseren Umweltbürokraten recht schnell abgewürgt werden. Wer einmal versucht hat, auf seinem eigenen Land eine Offroad-Veranstaltung zu veranstalten, dem wird von von verschiedensten Ämter so eingeheizt, das ihm Schlicht die Lust vergeht, was wohl auch Sinn und Zweck solches Tun ist. Hat dann doch jemand mal durchgehalten und den Troß der bürokratischen Bedenkenträger überwunden, stehen schon aufgestachelt von div. Umweltgruppen Nachbarn mit vermeintlichen Gefahren für ihre Gesundheit und Juchtenkäfer in den Startlöcher, um mit einer Reihe von Prozessen den Veranstalter nieder zu ringen.
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