Goodwood Revival Festival Motorsport als Maskenball

Was Ascot für die Reiter und Wimbledon für die Tennisspieler, das ist Goodwood für Autorennfahrer. Zwar werden dort längst keine Wertungsläufe mehr gefahren. Doch nirgendwo wird Motorsport schräger und schriller gefeiert als beim Revival Festival des Earl of March.

Tom Grünweg

Aus Goodwood berichtet


Die Dame am Eingang zum Paddock-Club kennt kein Pardon: "Ohne Krawatte kommen Sie hier nicht rein", sagt sie freundlich aber bestimmt. Selbst wenn der Overall ölverschmiert ist und die Hände schwarz sind vom Reifenwechseln, achtet sie zusammen mit einer halben Hundertschaft freiwilliger Helfer im Fahrerlager auf ein bisschen Etikette. "Schließlich ist das hier nicht irgendein Autorennen", sagt Janet mit strengem Blick, "sondern das ist das Goodwood Revival Festival." Deshalb hat man hier auch nicht ohne Krawatte oder Halstuch durch die Boxengasse zu schlendern.

Denn nicht nur die über 400 Rennwagen aus den Jahren 1948 bis 1966 sind die Stars auf den Latifundien des Earl of March im Süden der britischen Inseln, sondern mehr noch als die Autos feiert das Publikum sich selbst und kommt deshalb ganz in zeitgenössischer Garderobe. So wird das Festival zu einem Maskenball des Motorsports, der es mit jedem Karnevalsumzug oder Kostümfest aufnehmen kann. Nur dass hier schneller gefahren wird.

Auf die knapp drei Kilometer lange Strecke im gewaltigen Vorgarten des Grafen dürfen ausschließlich Renn- und Sportwagen aus den Jahren fahren, in denen auf dem Goodwood Motor Circuit noch echte Wertungsläufe ausgetragen wurden. Deshalb röhren hier Autos des britischen Rennstalls ERA aus der Vorkriegszeit, mit denen hier 1948 das erste Rennen gefahren wurde, im Kanon mit millionenschweren Ferraris, Maseratis, Jaguars, Aston Martins, Alfas oder Bugattis. Außerdem sieht man überall in der Boxengasse Wagen von Marken, die diesseits des Kanals selbst bei Experten Stirnrunzeln hervorrufen und im Quartettspiel ganz sicher gefehlt haben.

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Goodwood Revival Festival: 50 Jahre Mini
Auf diese Mischung zu achten, ist eine der wesentlichen Aufgaben des Earls. Deshalb können sich Oldtimer-Besitzer nicht einfach anmelden, sondern müssen sich um die Teilnahme buchstäblich bewerben und dann vor einem Expertengremium bestehen. Oder sie werden kurzerhand vom Gastgeber eingeladen, wenn er Fahrer oder Fahrzeug mal wieder auf seiner Strecke sehen will.

Trotzdem sind an diesem Wochenende natürlich nicht nur Rennwagen in Goodwood: Auf den Wiesen um die Strecke ist so ziemlich alles an Klassikern versammelt, was noch durch die Straßen des Königreichs fährt. Besonders hoch im Kurs stehen dabei die Autos von Rolls Royce. Schließlich ist Goodwood seit 2002 die neue Heimat der Nobelmarke, und das spektakulär in der Parklandschaft versteckte Werk liegt keine zwei Minuten entfernt vom Festivalgelände. Deshalb ließ es sich die feine BMW-Tochter am Vorabend des Festivals auch nicht nehmen, dem Earl die Bühne für seine Drivers Reception zu bereiten und dabei gleich noch den schönsten der vier Dutzend klassischen Rolls Royce zu küren. So viel Edelmetall kommt schließlich selbst in der Fabrik selten zusammen.

Das Material wird nicht geschont

Während es bei der Parade der Prunkwagen langsam und beschaulich zugeht, wird auf dem Rundkurs scharf gefahren. "Hier schenkt man sich und seinen Autos nichts", sagt PS-Veteran Rauno Aaltonen, der mit seinem Mini noch nicht ganz zufrieden ist: "Der Wagen wiegt zwar keine 700 Kilo und hat ordentliche 140 PS, aber im Training hat es nur für den siebten Platz gereicht. Das muss am Samstag besser werden", schimpft er mit sich selbst. Wird es auch. Denn in der St. Marys Trophy, einem der Hauptrennen des Revivals, das jedes Jahr einem anderen Ereignis gewidmet ist und diesmal den 50. Geburtstag des Minis würdigt, beißt sich der Finne nach vorne durch. Für einen Platz auf dem Podest reicht es zwar nicht mehr, aber mit Rang vier wirkt er ganz zufrieden. Immerhin hat er Jochen Maas und Prinz Leopold von Bayern hinter sich gelassen.

Noch bevor die 30 heißgemachten Rennzwerge auf die Strecke gehen, dürfen noch drei Dutzend andere Minis zur Ehrenrunde starten - darunter Klassiker wie der offene Mini Moke oder der Kombi Traveller, aber auch Exoten wie ein Leichenwagen, Coupés, Stufenhecks und Showstars wie der Mini von Ex-Beatle George Harrison sowie das Filmauto von Mr. Bean.

Ableger des "Goodwood Festival of Speed"

Angefangen hat das Revival vor über zehn Jahren als kleiner Bruder des Festival of Speed, das im August abgehalten wird. Doch während dieses Event so langsam zur PR-Bühne für die Sponsoren verkommt und viele Autos nur noch zur Show durch den Vorgarten des Grafen fahren, wächst die Popularität des Revivals von Jahr zu Jahr.

Dass immer mehr Gäste kommen und in diesem Jahr über 110.000 Besucher gezählt werden, hat einen guten Grund: "Hier wird dir einfach eine spektakuläre Show geboten", sagt Scott aus Dundee. Nicht nur auf dem Rundkurs ist bei mehr als einem Dutzend Rennen durchgehend Programm. Sondern weil der Earl auch ein Faible fürs Fliegen hat, läuft parallel noch eine historische Airshow. Dass dabei Kriegsflugzeuge nicht fehlen dürfen und man relativ skrupellos den Battle of Britain nachfliegt, stört hier keinen. Im Gegenteil: Auch am Boden findet man überall Laienschauspieler und Zuschauer im grünen Drillich der Army. "Und mit einer Uniform der Royal Airforce kommst du hier ganz groß raus", raunt einer der Verkäufer auf dem riesigen Markt für Memorabilia. Kein Wunder: Neben Cutaways und Pluderhosen hat er auch die ausrangierte Pilotenkluft im Angebot.



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