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31. Dezember 2008, 16:33 Uhr

Groteske US-Silvesterfeier

3, 2, 1, das Opossum ist da!

Aus Brasstown berichtet Stefan Robert Weißenborn

In New York lassen sie den Glitzerball in die Menschenmenge hinab - in Brasstown eine Beutelratte. Das Provinznest in North Carolina verblüfft mit einem der bizarrsten Silvesterrituale der Welt: Hunderte huldigen dem possierlichen Pelztier als Heilsbringer fürs neue Jahr.

Clay und Judy Logan stapeln ungern tief. "Welcome to Clay's Corner – Opossum Capital of the World", prangt als Schild an ihrer Tankstelle im Provinznest Brasstown: Willkommen in der Opossum-Hauptstadt der Welt!

Einmal jährlich verschreiben sich die Logans voll und ganz der Beuteltier. Genauer gesagt: der Didelphis Virginiana. In Brasstown, am Abzweig des Old Highway 64 in Richtung Zentrum, zelebrieren Rednecks und Touristen jedes Silvester den "Possum Drop" - seit der Nacht vom 31. Dezember 1990 auf den 1. Januar 1991.

Naht der New Year's Eve, gerät inzwischen das ganze Dorf in Hektik. Denn es steht ein Ereignis an, das heute gut und gerne das Vierfache der etwa 240 Einwohner anlockt. Clay beauftragt dann ansässige Jäger, ihm ein geeignetes, "glückliches und wohlgenährtes" Opossum in den umliegenden Pinien- und Rhododendronwäldern zu fangen. Das schönste bekommt die Hauptrolle: Es wird gefeiert, im Rahmen einer kurzen Gefangenschaft in einem festlich geschmückten Plexiglaskasten.

"Wir hier auf dem Land wollten uns der New Yorker Silvesterfeier irgendwie anschließen", sagt Clay Logan, 62. "Eine Jugendliche aus dem Dorf hatte am Ende die Idee. Sie sagte: Wenn Clay's Corner schon die Opossum-Hauptstadt ist, warum lasst ihr dann nicht einfach eines der Tiere herab?"

Katzengroß mit scharfen Zähnchen

Clay und Judy besorgten sich im ersten Jahr noch ein Opossum aus Keramik als Maskottchen. Danach musste ein lebendiges her. Schon zur Jahreswende 1991/92 wurde eines der katzengroßen Beuteltierchen mit dem scharfen Gebiss in einen Käfig gesteckt und für die große Show über einen Flaschenzug in knapp fünf Meter Höhe gezerrt.

Im ersten Jahr kamen nur ein paar Familien aus Brasstown - mittlerweile gibt es ein sattes Rahmenprogramm. Zum eigentümlichen Ritual spielt eine Band landestypischen Bluegrass-Sound, und bei einem "Possum Queen Contest" zwängen sich Männer in Frauenkostüme.

Wenn das Seil auch an diesem Silvesterabend wieder durch Clays Finger gleitet, wird er wie aus einer Kehle mit seinen Gästen und den Hunderttausenden am 1079 Kilometer entfernten Times Square den Countdown rufen: "5, 4, 3, 2, 1!" Und dann in Abwandlung zu den Großstädtern: "Das Opossum ist gelandet!"

Zeitgleich wird dann in New York der leuchtende Glasball niedergegangen sein.

Die Silvesterfeier an sich ist für die Logans finanziell ein Nullsummenspiel - aber übers Jahr sichert der Marketing-Gag mit der "Opossum-Hauptstadt der Welt" ihnen die Existenz. "Wir machen einfach nicht genug Geld mit dem Benzinverkauf, um unsere Stromrechnung bezahlen zu können", sagt Clay Logan. "So kamen wir auf die Idee mit dem Opossum."

Clay’s Corner führt neben Benzin, Öldosen und Frostschutzmittel vor allem Souvenirs, die sämtlich auf das Pelztierchen verweisen: T-Shirts, Kaffeetassen, Kühlschrankmagneten, Fingerpuppen, Einkaufstaschen, Hüte.

Vor ein paar Jahren rückten den Logans Tierschützer auf die Pelle. Pervers und rücksichtslos sei das Ritual, und für das Tier traumatisierend, schimpften sie. Sie drohten mit rechtlichen Schritten. Eingeschüchtert ließ das Ehepaar 2004 ein Unfallopfer hinab, ein totes Opossum, das Freunde auf die Schnelle noch aufgetrieben hatten - auf den kurvigen Straßen der Great Smoky Mountains kommen die Tiere oft unter die Räder. "Danach holten wir uns eine offizielle Erlaubnis vom Staat und dürfen seitdem ganz legal ein lebendiges Opossum benutzen", sagt Clay Logan.

Das Beuteltier wird nach getaner Pflicht übrigens in die Freiheit entlassen - "wir lieben diese Tiere", keinem werde ein Haar gekrümmt, sagt der Tankstellen-Besitzer. Und gibt Touristen noch einen Tipp: "Wann immer Sie sich in der Wildnis unserer Appalachen verlaufen sollten, halten Sie Ausschau nach einem Opossum. Es wird Sie direkt zur Straße zurückführen."

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