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16. August 2015, 10:06 Uhr

Günstige Oldtimer - Plymouth Fury

Wahre Größe kommt von drüben

Wenig Geld, aber trotzdem Lust auf einen Oldtimer? Kein Problem - es gibt sie nämlich, die Schnäppchen-Schlitten. Wir stellen sie vor. Dieses Mal: Plymouth Fury.

Plymouth Fury

Allgemeines zum Modell: Die sogenannten C-Body-Modelle des Chrysler-Konzerns (mit den US-Marken Plymouth, Chrysler und Dodge) aus den Sechziger- und Siebzigerjahren hießen auch Full Size Cars. Wenn man zum ersten Mal einen auf der C-Plattform konstruierten Fury aus dieser Zeit vor sich sieht, weiß man auch, warum.

Eine Motorhaube, groß wie ein Schrebergarten, ein Kofferraum, in den problemlos eine Doppelmatratze passt und dazwischen eine auf den ersten Blick fast zierlich wirkende Fahrgastzelle, in der aber in Wahrheit sechs Leute bequem sitzen - ja, dieses Auto ist in jeder Hinsicht groß. Das gilt im Übrigen auch für die Motoren: Die meisten C-Bodies liefen mit Big-Block-Motoren ausgestattet vom Band, also mit 6,3 oder 7,1 Litern Hubraum unter der Haube.

Warum ausgerechnet der? "Der", das ist im Falle des Fury gar nicht so einfach zu definieren. Denn wie damals bei US-Herstellern üblich, gab es für jeden Jahrgang optische, aber teilweise tiefgreifende Veränderungen. In seiner fast 20 Jahre währenden Bauzeit trug der Fury dutzende Gesichter. Was alle Fury ab Baujahr 1965 eint: Sie sind vergleichsweise günstig, mehr Auto fürs Geld gibt es kaum.

Während Komfort-Extras zu jener Zeit in Deutschland höchstens für saftige Aufpreise in der Oberklasse zu bekommen waren, wurden die US-Straßenkreuzer damit großzügig bestückt: Klimaanlage, Servolenkung, Tempomat - fast schon Standard bei US-Cars jener Zeit, oft auch vorhanden im Fury.

Und anders als für die A-Bodies und B-Bodies jener Zeit gilt für den Fury der alte Leitsatz "Länge läuft": Wenn der V8-Big-Block sonor brabbelt und sich der Koloss dank butterweicher Servolenkung mit Daumen und Zeigefinger dirigieren lässt, fühlt man sich eher wie der Kapitän eines Supertankers als wie ein schnöder Autofahrer.

Verfügbarkeit: Der Plymouth Fury wurde fast zwei Jahrzehnte lang gebaut, es gibt also noch unzählige Exemplare. Der Import aus den USA ist allerdings mit Zöllen und Einfuhrumsatzsteuern verbunden. Außerdem muss das Auto für den deutschen Straßenverkehr zugelassen werden, dafür sind aber nur minimale Änderungen bei der Beleuchtung nötig.

Beim Import aus den USA sollten Fahrzeuge aus den "Sunny States" jenen aus dem "Rust Belt" vorgezogen werden. Grundsätzlich lohnt sich beim Fury auch ein Blick auf den europäischen Markt, denn in der Regel sind die Fahrzeuge hier bei vergleichbarem Preis besser gewartet beziehungsweise restauriert. Von US-Restaurationen ohne Dokumentation sollte man Abstand nehmen, so manche auf Fotos schick ausschauende Fuhre entpuppt sich später als großzügig gespachtelte Rostlaube mit hingepfuschter Verkaufslackierung.

Was der US-Markt bei entsprechend geduldiger Suche eher bietet als der europäische: Unverbastelte Originalexemplare mit Patina, die günstig zu haben sind und mit vergleichsweise geringem finanziellen Aufwand technisch auf Stand gebracht werden können.

Ersatzteilversorgung: Historische Amischlitten mögen in der Anschaffung teurer sein als manch deutsche Oldtimer - im Unterhalt sind sie oft deutlich günstiger. Weil die US-Hersteller schon früh eine Plattform- und Gleichteilestrategie fuhren, sind Ersatzteile für die millionenfach gefertigten Fahrzeuge immer noch ein lukrativer Markt - und steter Nachschub zu niedrigen Preisen gewährleistet. Zudem gibt es einen gigantischen Markt an optimierten Aftermarket- und Tuningteilen, die ebenfalls vergleichsweise günstig sind. Selbst Ersatz für verschlissene Interieurs ist als Neuware erhältlich.

Schwachstellen: Das Blech. Radläufe, Schweller, Türunterkanten und Endspitzen sind anfällig für die braune Pest. Oft rostet auch der Heckscheibenrahmen, was im nächsten Schritt zu einem verrosteten Kofferraumboden führt. Diese Problemzonen sind allerdings alle gut einsehbar und leicht zu überprüfen.

Der Rest des Autos ist anspruchslos. Die Motoren sind nahezu unverwüstlich, die Getriebe ebenso, Fahrwerk, Bremsen und der Rest der Technik sind simpel und entsprechend robust. Bei älteren Modellen lohnt sich eine Umrüstung auf die wartungsarme elektronische Zündung.

Der größte Mangel allerdings hat nichts mit dem Auto selbst zu tun, sondern erstreckt sich auf alle US-Cars dieser Zeit. Ständig wird man gefragt: "Was schluckt'n der?" Das nervt auf Dauer deutlich mehr als der Benzinverbrauch selbst, der sich je nach Motorisierung und Fahrweise zwischen 15 und 30 Litern bewegt.

Preis: Plymouth Fury in Zustand 2-3 sind bereits für 12.000 bis 14.000 Euro zu haben. Für gepflegte Modelle sind 20.000 Euro aber auch nicht zu viel verlangt.

Anlaufstellen im Internet:

www.mopar-forum.eu
www.moparts.com
www.forcbodiesonly.com
www.cybodydrydock.com


Weitere, fast schon frech günstige Fuhren finden Sie in den vorangegangenen Folgen der Serie:

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