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Fahrsimulator der Polizei: "'Need for Speed' isses nicht"

Foto: Joachim Krüger/ dpa

Fahrsimulator der Polizei Die Lizenz zum Rasen

Bei ihren Einsatzfahrten dürfen Polizisten sämtliche Verkehrsregeln brechen. Wie bereiten sie sich darauf vor? Zum Beispiel mit einer Mischung aus Videospiel und Stresstest.

Niels Amelsberg ist seit 37 Jahren bei der Polizei, er kennt die ungeschriebenen Gesetze auf den Revieren. Zum Beispiel, nach welchen Kriterien die Fahrer der Videowagen ausgewählt werden. Das sind zivile Fahrzeuge, die mit mobilen Kameras ausgestattet sind. Die Polizei verfolgt darin Raser. Ein riskanter Job. Liveaufnahmen sind wertvolle Beweisstücke und im Idealfall wird der Täter gleich noch ausgebremst und zum Anhalten gezwungen.

"Da dürfen fast nur verheiratete Polizisten ans Steuer, die Kinder haben", sagt Amelsberg.

Das Kalkül dahinter: Ein Vater oder eine Mutter lässt sich nicht auf waghalsige Aktionen ein - und bringt so auch keine Unbeteiligten in Gefahr. Was Niels Amelsberg mit seiner Geschichte sagen will: Die Sicherheit hat bei Einsatzfahrten höchste Priorität. "Irgendwann kommt einfach der Punkt, wo man besser vom Täter ablässt und die Verfolgung aufgibt", sagt er.

Amelsberg, 53, hat den Rang eines Ersten Hauptmeisters und leitet die Fahrschule der Polizeiakademie Hamburg. Er trägt die Verantwortung dafür, dass die Beamten seiner Behörde sicher an den Einsatzort kommen. Seit Kurzem setzt er dabei auf eine Apparatur, die man sonst eher aus Freizeitparks kennt: einen Fahrsimulator.

Die Idee dahinter ist einfach. Der Einsatz ist virtuell, aber der Stress real.

Polizeiwagen sind in rund 60 Unfälle pro Jahr verwickelt - allein in Hamburg

Der Verkehr in Großstädten wie Hamburg ist schon unter normalen Bedingungen eine Zumutung. Für Polizisten, die unter Zeitdruck zu einem Einsatzort müssen, wird die Fahrt durch verstopfte Straßen oft zu einer gefährlichen Rallye. "Jedes Jahr kommt es bei Sonderrechtsfahrten der Polizei in Hamburg zu rund 60 Unfällen", sagt Amelsberg. Im Schnitt kracht es also jede Woche ein Mal.

Sonderrechte werden den Beamten dann eingeräumt, "wenn es zum Beispiel um die Verfolgung von Straftätern, Unfälle mit hohem Sachschaden oder um Menschenleben geht", sagt Amelsberg. Überspitzt formuliert erhalten die Polizisten in diesen Fällen dann die Lizenz zum Rasen.

Sie müssen sich nicht mehr an die Straßenverkehrsordnung halten, dürfen bei Rot über die Ampel fahren und können Tempolimits ignorieren. Im Gesetz wird jedoch darauf hingewiesen, dass die Beamten stets der Verkehrssituation angemessen fahren müssen. Der Funkspruch lautet deshalb: "Sonderrechte zugelassen, unter Beachtung." Laut Amelsberg werden weniger als die Hälfte der rund 60 Unfälle pro Jahr von der Polizei verursacht.

Unfall mit Polizeiauto im September 2015 in Hamburg

Unfall mit Polizeiauto im September 2015 in Hamburg

Foto: Daniel Bockwoldt/ picture alliance / dpa

Wenn junge Polizisten in ihren Streifenwagen zum ersten Mal mit Sonderrechten durch Hamburg fahren müssen, sollen sie möglichst gut vorbereitet sein. Zur Ausbildung gehört deshalb schon seit Langem ein Fahrsicherheitstraining, das auf einem kleinen Flughafen stattfindet, sowie eine inszenierte Verfolgungsjagd auf einem Übungsgelände. Der Fahrsimulator ist neu. Erst seit Anfang dieses Jahres steht er in einem schlichten Schulungsraum der Polizeiakademie.

Niels Amelsberg stellt sofort klar, dass hier keine Autorennspiele zu erwarten sind: "'Need for Speed' isses nicht." Der Simulator besteht aus einem Fahrersitz, Lenkrad, Gaspedal, Bremse, Blinker und Rückspiegel. Auf Knopfdruck ertönt das Martinshorn und Blaulicht leuchtet. Über ein Hydrauliksystem rüttelt der Stuhl entsprechend der Fahrsituation. Vor dem Sitz hängen drei große Bildschirme, die beiden seitlichen sind nach innen geneigt. Auf den Monitoren spielt sich Polizeialltag ab: Verbrechen und Verkehrsunfälle, nur eben in pixelig.

Durch das eigene Geschick kann man die anderen Verkehrsteilnehmer in der Simulation beeinflussen; gibt man zum Beispiel eine Lichthupe, erhöht man die Chance, wahrgenommen zu werden.

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Fahrsimulator der Polizei: "'Need for Speed' isses nicht"

Foto: Joachim Krüger/ dpa

Eine Gruppe Polizeischüler wartet jetzt auf den Einsatz im Simulator. Als Erstes nimmt eine junge Auszubildende auf dem Fahrersitz Platz. Links neben ihr steht ein Fahrtrainer und erklärt kurz den Ablauf. Der Rest der Gruppe sitzt vor vier aneinandergereihten Bildschirmen, auf denen ein Überblick auf die Verkehrssituation gegeben wird. Die Zuschauer sehen, was die Fahrerin nicht sieht: Zum Beispiel, wenn von rechts ein anderer Polizeiwagen angerauscht kommt. Die Schülerin ist bereit.

Fahrtrainer: "Achtundachtzig-Eins, bitte kommen."

Fahrerin: "Achtundachtzig-Eins hört!"

Sie wird zu einem Verkehrsunfall in der Stadt gerufen.

Fahrtrainer: "Sonderrechte eingeräumt, unter Beachtung."

Fahrerin: "Verstanden."

Die Lizenz zum Rasen!

Die Polizeischülerin schaltet Blaulicht und Martinshorn an und fährt los. Auf den ersten Metern passiert nicht viel. Dann taucht ein parkender Wagen auf, der die rechte Spur versperrt. Im Gegenverkehr kommt ein Auto entgegen, dessen Fahrer sich von den Sonderrechten der Polizei unbeeindruckt zeigt; jedenfalls hält er für den Streifenwagen nicht an. Die Polizeischülerin könnte jetzt über den Bürgersteig fahren und den parkenden Wagen rechts überholen. Aber sie wartet einfach, bis das entgegenkommende Auto vorbeigefahren ist. Auch an einer großen Kreuzung reagiert sie richtig. Die Ampel steht auf rot, die Polizeischülerin stoppt kurz und fährt erst weiter, als der Verkehr von links und rechts anhält. Nach etwa zwei Minuten ist sie unfallfrei am Ziel angekommen.

"Sah angespannt aus"

Der Fahrlehrer lobt die Schülerin, sie selbst sagt, anfangs sei das Ganze etwas ungewohnt und die Bremsen reagierten leicht verzögert. Auch die anderen Schüler bewerten das Fahrverhalten ihrer Kollegin positiv: "Du hast dich nicht über den BMW-Fahrer aufgeregt, der dir den Weg versperrt hat."

Dann bin ich dran. Beim Selbstversuch werde ich ebenfalls zu einem Unfall gerufen. Es ist neblig. Gleich zu Beginn versperrt mir ein Wagen rechts den Weg, und das entgegenkommende Auto hält nicht an. Liegt vielleicht auch daran, dass ich die Lichthupe vergessen habe. Kann man die Sirene zum Schweigen bringen? Die macht mich nervös. Ich kann überhaupt nicht einschätzen, wie schnell ich fahre. Auf den Tacho kann ich nicht schauen, sonst verliere ich den Blick auf die Straße. Die Lenkung bereitet mir Schwierigkeiten, das Handling fühlt sich eher nach ausgeleiertem Lkw als nach Polizeiauto an. Es fällt mir schwer, die Spur zu halten. "Mach langsamer", meint der Fahrtrainer. Später wird ein Polizeischüler mir sagen, dass ich meine Schultern hochgezogen hatte. "Das sah angespannt aus." Gut beobachtet.

Stress im Simulator

Stress im Simulator

Foto: SPIEGEL ONLINE

Immerhin: Auch ich komme unfallfrei an. Aber die Fahrt war anstrengend. Die Sonderrechte räumen mir nicht automatisch alle Hindernisse aus dem Weg, im Gegenteil - sie erfordern extrem viel Konzentration auf den Verkehr. Das ist das Beeindruckende an dem Simulator: Er lässt einen vergessen, dass man in einem Schulungsraum der Polizeiakademie sitzt. Man wird förmlich in das Geschehen auf dem Bildschirm hineingesogen.

Niels Amelsberg erinnert sich noch gut an seine erste Fahrt mit Sonderrechten. "Das war 1983, in einem Ford Granada, ohne ABS und Servolenkung. Es hatte leicht geregnet. Blaulicht an und alles gut, dachte ich. Aber so war das nicht. In einer Rechtskurve fuhr ich geradeaus und hätte fast einen Unfall gebaut."

Auch erfahrene Polizisten - oder solche, die sich für erfahren halten - sollen in Hamburg künftig zu Nachschulung am Simulator gebeten werden. Amelsberg: "Eine Kollegin erzählte mir zum Beispiel mal, dass sie in Kurven nur mit rechts das Lenkrad halte. Mit der linken Hand klammere sie sich am Türgriff. So habe sie einen besseren Halt in Kurven. Hat ihr ein ehemaliger Chef beigebracht." Klarer Fall für den Fahrsimulator - denn hier bekommen die Teilnehmer auch noch mal einige Grundregeln eingebläut. Zum Beispiel, das Lenkrad mit beiden Händen festzuhalten.

Eine Polizeischülerin, die gerade am Simulator sitzt, baut einen Crash. Die Simulation wird abgebrochen und der Fahrtrainer erklärt, was schief gelaufen ist - damit sich der Fehler auf der richtigen Straße hoffentlich nicht wiederholt. Wie viele Sonderrechtsfahrten der Polizei gibt es täglich in Hamburg? "Hunderte", sagt Amelsberg. "Da sind Fälle dabei, wo Frauen verprügelt werden, Kinder in Gefahr sind oder andere Polizisten dringend Hilfe brauchen. Aber heil ankommen hat immer Priorität." Das Erste, was man auf dem 230.000-Euro-Simulator machen muss: sich anschnallen.

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