SPIEGEL ONLINE

Selbstversuch Hochrad. Und runter?

Eine Fahrt mit einem Hochrad macht deutlich, warum dieses Fortbewegungsmittel eine kurze Groteske der Mobilitätsgeschichte blieb. Trotzdem will man nicht mehr absteigen.

Eigentlich sind die Hochräder von Per-Olof Kippel Designerstücke von schlichter Eleganz. Ein gebogener schwarzer Rahmen verbindet ein winziges Hinterrad mit einem riesigen Vorderrad. "Wer es sieht, lächelt automatisch", sagt Kippel. Das stimmt. Wahr ist aber auch: Sein Hochrad ist furchteinflößend. Ich soll da nämlich jetzt raufklettern und fahren.

Der Schwede Per-Olof Kippel ist wie seine Hochräder: Drahtig und stilvoll, ein 49-jähriger Architekt in Jeans, weißem T-Shirt und Turnschuhen. Auch er kann Menschen zum Lächeln bringen und ihnen gleichzeitig Angst einjagen. Die Bremsen, sagt er, habe er bei seiner Konstruktion weggelassen: "Aus Sicherheitsgründen." Damit ist auch schon alles über den Alltagsnutzen von Hochrädern gesagt.

Die ersten Exemplare rollen im 19. Jahrhundert über Europas Straßen. Hinter ihrer grotesken Form steckt ein ingenieurstechnischer Kniff: Die Pedale sind über eine Starrachse mit dem Vorderrad verbunden - je größer der Durchmesser des Rads, desto mehr Strecke lässt sich mit einer Pedalumdrehung zurücklegen. Das verkümmerte Hinterrad ist nichts weiter als ein Stützrädchen.

Aber warum keine Bremse? "Bei einem plötzlichen Stopp sind die Fahrer oft kopfüber auf den Boden gestürzt", sagt Kippel, der auf Englisch mit mir spricht. "That's the way they died." Verstanden. Diesen Weg würde ich mir gerne ersparen.

Weitblick muss ein

Ein glatt asphaltiertes Straßenstück in einem Hamburger Neubaugebiet, noch gesperrt für den Autoverkehr - perfekte Bedingungen für einen Hochradanfänger. Hier zeigt mir Kippel, wie man aufsteigt.

Am unteren Teil des Rahmens ist ein kleiner Steg, auf den man den linken Fuß setzt. Dann beide Hände ans Lenkrad - dabei muss man sich schon ein bisschen strecken. Jetzt mit dem rechten Fuß ein paar Mal abstoßen, das Hochrad rollt, mit dem linken Bein drückt man sich über den Steg hoch und in den Sattel, Füße auf die Pedale, fertig. Das geht einfacher als erwartet.

Sitzt man erst mal oben, fangen die Probleme an.

Bremsen geht ja nicht, also muss man vorausschauend fahren. Nicht zu schnell, aber auch nicht zu langsam. Sonst wird das Absteigen schwierig, hat Kippel gewarnt. Ich denke viel ans Absteigen, während ich das erste Mal Hochrad fahre.

Runter kommt man wie drauf, nur rückwärts. Es klingt ganz simpel. Ich überlege aber, ob ich nicht einfach springen soll. "That's the way he died", würde man später über mich erzählen. Also halte ich mich lieber an Kippels Instruktionen, setzte den linken Fuß auf den Steg am Rahmen, hebe den Hintern aus dem Sattel, schwinge das rechte Bein nach hinten, mein Fuß berührt den Boden - und unten bin ich. Kippel applaudiert. "Sie sind ein Naturtalent", sagt er.

Aber meine Leistung ist offenbar noch ausbaufähig. Beim nächsten Versuch, so Kippel, könne ich mich auf dem Sattel etwas mehr entspannen. "Jetzt hat es ein bisschen so ausgesehen, als ob Sie auf der Toilette sitzen."

Wie er auf die Idee gekommen ist, Hochräder zu bauen? "Als Kind habe ich ein Hochrad in einem Museum gesehen. Kurz darauf fiel mir ein Foto in einer Zeitung auf, darauf war jemand mit einem Hochrad abgebildet. Ich konnte kaum fassen, dass es diese Dinger immer noch gab, für mich lagen sie so weit in der Vergangenheit. Seitdem bin von Hochrädern fasziniert."

Die Hochräder von Per-Olof Kippel kosten 1500 Euro. Er hat vor einigen Jahren eine kleine Serienproduktion gestartet  und bisher rund zwei Dutzend Exemplare verkauft. Seine Konkurrenz ist überschaubar, es gibt Anbieter, bei denen man 1000 Euro weniger zahlt und Manufakturen, die das Dreifache verlangen. Hochräder - so viel steht fest - sind Liebhaberstücke. Kippels Räder können immerhin auch ein großes Wandgemälde ersetzen, in ihrem Ausmaß und ihrer Anmut sind sie eine Zierde für jede Wohnung.

Fotostrecke

Hochrad von Standard Highwheels: Hohe Kunst

Foto: Standard Highwheels/ Lina Karna Kippel

Dass seine Nostalgieprodukte alltagsuntauglich sind, will Kippel nicht bestreiten. Der Ausnahmezustand auf zwei Rädern gehört für ihn zum Konzept: "Heutzutage ist das Leben für die meisten von uns doch total abgesichert. Alles verläuft in kontrollierten Bahnen, und falls wir uns mal nicht zu helfen wissen, nutzen wir eine App. Auf dem Hochrad aber", sagt er, "ist man auf sich allein gestellt. Manchen helfen solche Erfahrungen, um sich wieder menschlicher zu fühlen."

So wie damals

Kippels Ausführungen mögen pathetisch wirken, wenn man mit beiden Füßen auf dem Boden steht. Aber wenn man mit dem Hochrad fährt, versteht man ihn sofort. Hier oben, auf rund 130 Zentimetern Sitzhöhe, spielt sich ein Abenteuer ab. Beim zweiten Versuch bin ich schon nicht mehr so wacklig, "entspannter" ist das falsche Wort, "entkrampfter" trifft es besser. Es fühlt sich an wie ein Balanceakt auf einer schmalen Mauer.

Als ich an Kippel vorbeifahre, schaue ich ihn lächelnd an. Gleichzeitig auch applaushaschend, am liebsten würde ich laut "Herr Kippel, ich fahre Hochrad!" rufen. Und plötzlich bin ich für einen Augenblick 30 Jahre jünger und sehe mich auf meinem ersten Fahrrad an meinem Vater vorbeifahren, auf einer glatt asphaltierten Straße in einem Neubaugebiet, noch gesperrt für den Autoverkehr. "Guck mal!"

Ich denke schon ans Absteigen, aber für den Moment will ich noch ein bisschen auf dem Hochrad fahren. Wo hat man schon so einen guten Ausblick in die Vergangenheit?

Mehr lesen über
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.