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15. April 2011, 07:24 Uhr

Intelligente Verkehrskonzepte

Wie deutsche Städte die Blechlawine aufhalten

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Designer, Werbestrategen und Verkehrsplaner wollen die Mobilität in Deutschlands Städten revolutionieren. Jedes Fahrzeug soll zum Zuge kommen - egal ob Straßenbahn, Auto oder Fahrrad: Es kommt nur auf eine intelligente Kombination an.

Im Februar schreckte eine Nachricht in den Regionalzeitungen die Berliner auf: Danach wird ab Frühjahr nicht nur die Stadtautobahn Avus (A 115) wegen Sanierungsarbeiten für voraussichtlich drei Jahre zum Teil gesperrt. Auch die Deutsche Bahn will ihre Ferngleise, die parallel zur A115 verlaufen, vorübergehend stilllegen, um sie zu erneuern. "Das Chaos ist programmiert", ätzt ein Verkehrsexperte. Schließlich sei die Avus mit täglich knapp 100.000 Pkw und Lastwagen eine der wichtigsten Verkehrsachsen von Berlin.

Welchen Belastungen die Route ausgesetzt ist, lässt sich schon jetzt gut beobachten: Eine Engstelle an einer Brücke sorgt derzeit regelmäßig für Staus oder zähfließenden Verkehr. Der absehbare Verkehrsinfarkt in den kommenden drei Jahren könnte bei besserer Planung zwar abgemildert, keinesfalls jedoch vermieden werden.

Verkehrstechnische Großlagen gibt es in der einen oder andern Form fast täglich in jeder Metropole in Europa - und überall hängen die Probleme direkt mit dem Auto zusammen. Längst hat sich deshalb die Erkenntnis durchgesetzt, dass eine neue Mobilitätskultur entstehen muss - für die individuelle Fortbewegung soll das Auto nur noch in speziellen Fällen seine Berechtigung haben.

Bislang jedoch verfolgen die Stadtplaner dieses Ziel noch eher mit der Brechstange: Seit einigen Jahren müssen Autos in Europas Großstädten für Fahrräder eine Fahrbahn räumen. Städte wie Paris, Barcelona, Berlin oder London bauen ihr Radverkehrsnetz aus und fördern nach Kräften den Radverkehr. Die Zukunft aber, so viel ist jetzt schon klar, dürfte in der intelligenten Kombination der verschiedenen Verkehrsträger liegen.

Auto gilt als wenig effektiv

Wie ein solcher Mix aussehen könnte, darüber machten sich Ende März Experten verschiedener Branchen am Rande der Messe VeloBerlin Gedanken. Ihr Grundsatz: Jede Art der Fortbewegung hat ihre Berechtigung - das Auto ebenso wie das Fahrrad, die Straßenbahn oder die U-Bahn.

Speziell das Auto gilt als wenig effektiv, weil zu viele damit allein unterwegs sind. Deshalb geht es derzeit hauptsächlich darum, attraktive Alternativen zu entwickeln - und mitunter etwas Druck zu machen. So fördern die Bürgermeister und Verkehrsplaner der Metropolen gezielt den Fahrrad-Verkehr. Etwa durch den Ausbau von leicht zu bedienenden Verleihsystemen oder den Ausbau des Radnetzes.

Die Stadt Kopenhagen ist auf diesem Weg schon weit vorangekommen. Der Verwaltung ist es gelungen, das Rad als "einfache, schnelle und bequeme" Alternative zu etablieren und - flüchtige - modische Aspekte wie Lifestyle in den Hintergrund zu rücken, wie eine Umfrage der Unternehmensberatung Copenhagenize Consulting (CC) belegt. "Die Radfahrer sind keine Fahrradfetischisten mit superschicken Rädern" sagt CC-Chef Mikael Colville-Andersen beim Berliner Kongress Metromobile. Es sind normale Bürger, die mit dem Rad zur Arbeit oder zur Schule fahren, weil es unkompliziert ist. Der Anteil des Radverkehrs am gesamten Verkehrsaufkommen der Stadt liegt bei 36 Prozent.

Kopenhagen ködert seine Bewohner mit guten Rahmenbedingungen: Radfahrer haben häufig Vorfahrt. Lotsen leiten auch radfahrende Kinder auf dem Schulweg sicher über Zebrastreifen und in nahezu jeder wichtigen Straße gibt es reservierte Wege, die klar von der Fahrbahn getrennt sind.

6000 Fahrräder für London

Von dieser Infrastruktur sind Metropolen, die das Rad gerade wieder entdecken noch weit entfernt. Wie politischer Wille in wenigen Jahren einschneidende Veränderungen herbeiführen kann, zeigt das Beispiel London. Um die Blechlawine in der Innenstadt einzudämmen, führte Bürgermeister Ken Livingstone 2004 die City-Maut von acht Pfund für jedes Fahrzeug ein, hinzu kommen die Parkgebühren. Seitdem ging nach seinen Angaben der Autoverkehr in der Innenstadt um rund 20 Prozent zurück.

Sein Nachfolger verfolgte den Plan, London als Radfahrstadt zu etablieren, weiter. Ein ehrgeiziges Vorhaben. Schließlich verfügt London nicht über die breiten geradlinigen Prachtstraßen wie Paris oder Berlin.

Mit der Einführung der Radvermietung Barclays Cycle Hire gab es im vergangenen Sommer auf einen Schlag 6000 Fahrräder mehr in der Stadt. Bereits nach zweieinhalb Monaten hat der Millionste Benutzer ein Rad entliehen. Parallel dazu wuchs die Radfahrgemeinde langsam aber stetig.

Die Jugend hat neue Fetische

Gleichzeitig rückt das Auto allmählich aus dem Mittelpunkt der Gesellschaft. In Deutschland jedenfalls hat es in den vergangenen Jahren einen noch nie da gewesenen Imageverlust erfahren. Eine Studie des Center of Automotive Management zeigt, dass etwa 25 Prozent der 18- bis 25-Jährigen gut auf ein eigenes Auto verzichten können. Eine Zahl, die früher undenkbar war. Der Führerschein nebst Autokauf war fast ein Initiationsritual. Das Auto stand für Freiheit und markierte den Eintritt in die Erwachsenenwelt. Facebook, iPhone und iPod sind die neuen Fetische der Jugend. Auf sie wollen die Befragten weniger verzichten als auf ein Auto.

Einige Fahrzeughersteller haben sich mit neuen Konzepten auf die neue Situation vorbereitet und testen bereits spezielle Verleihsysteme. Daimlers Car2Go bedient die Bedürfnisse der vernetzten mobilen Gesellschaft ebenso, wie die Angebote flinc, taxmobil oder das Carsharing-Programm der Bahn - mit extrem günstigen Tarifen für Kurzzeitnutzer. Die Mitfahrzentrale flinc verbindet Smartphones mit Navigationssystemen. Der Mitfahrer gibt sein Fahrziel in sein Handy ein. Das Programm sucht nach Fahrern, die die gleiche oder eine ähnliche Route angemeldet haben und sendet die Liste dem potentiellen Mitfahrer. Anhand von Fotos, den Fahrpreisen und den Ankunftszeiten können beide ihre Wahl treffen. Sind sie sich einig, holt der Fahrer den Passagier am verabredeten Ort ab.

Ähnlich einfach soll ab Sommer das Pilotprojekt Taxmobil funktionieren. Die Idee folgt der Flatrate des Internets. Die Benutzer zahlen eine Jahresgebühr und können dann, so oft sie wollen, ein Taxi benutzen. Wie bei einem Sammeltaxi teilen sich einer oder mehrere Nutzer den Wagen.

So bunt und vielfältig wie die Apps auf einem iPhone wird sich nach Aussagen der Experten zukünftig auch die Mobilität gestalten. Je nach Gelegenheit und Bedürfnis nutzt man in der eigenen oder fremden Stadt das Miet-Velo, um abends mit der Bahn oder via flinc-Service heimzufahren. Die Gemeinsamkeit der Angebote: Sie sind schnell, unkompliziert, preiswert zu ordern und verlangen allerdings etwas Organisationstalent und den gekonnten Umgang mit Kommunikationsmitteln.

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